Von: Sophia Molitor
Rom – Die jüngsten Ausschreitungen in Mailand und anderen Teilen Italiens haben eine Debatte ausgelöst, die weit über die Frage der Jugendkriminalität hinausgeht. Der italienische Verteidigungsminister Guido Crosetto sieht darin Anzeichen hybrider Kriegsführung. Am 20. Oktober erklärte er bei einem Forum zur Verteidigungsbeschaffung in Rom, soziale Netzwerke wie TikTok und YouTube würden von ausländischen Akteuren als Instrumente eingesetzt, um westliche Gesellschaften zu destabilisieren. Junge Menschen würden dadurch einer „Gegenerziehung“ ausgesetzt, die ihre Werte, Ambitionen und ihr Weltbild präge.
Crosetto verwies dabei auf Zahlen, wonach drei von zehn Jugendlichen an den Protesten teilgenommen und sechs von zehn diese zumindest unterstützt hätten. Damit wolle er verdeutlichen, dass sich das Phänomen nicht auf sogenannte „Maranza“ oder junge Menschen aus Einwandererfamilien der zweiten Generation reduzieren lasse. Das Problem sei vielmehr umfassender und betreffe unterschiedliche Teile der jungen Generation. Gerade deshalb sieht Crosetto darin nicht nur ein lokales Problem der Jugendkriminalität, sondern eine tiefgreifendere gesellschaftliche und kulturelle Herausforderung.
Crosettos These berührt ein reales Problem: Digitale Plattformen sind längst nicht mehr nur Orte der Unterhaltung. Dass ausländische Akteure soziale Medien gezielt nutzen, um gesellschaftliche Konflikte zu verstärken und das Vertrauen in demokratische Institutionen zu schwächen, ist dokumentiert. Der Europäische Auswärtige Dienst untersucht solche Einflussoperationen unter anderem im Zusammenhang mit Russland und China. Zu den bekannten Methoden zählen koordinierte Desinformation, gefälschte Accounts und die gezielte Verstärkung polarisierender Inhalte.
Wenn Manipulation auf gesellschaftliches Versagen trifft
Doch selbst wenn Crosetto mit seiner Warnung vor gezielter Einflussnahme einen wichtigen Punkt anspricht, bleibt die Frage offen, warum solche Botschaften überhaupt eine derartige Wirkung entfalten können. Manipulation kann besonders wirksam werden, wenn sie auf bereits vorhandene Bedürfnisse, Ängste oder Frustrationen trifft. Wer sich nicht gehört fühlt, keine Perspektive mehr erkennt oder sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlt, ist möglicherweise empfänglicher für Botschaften, die einfache Erklärungen, klare Feindbilder und das Gefühl versprechen, Teil einer Bewegung zu sein.
Damit rückt eine andere Krise in den Mittelpunkt: die Überforderung der Gesellschaft selbst und der Wunsch, Teil von etwas zu sein – sei dies auch eine kriminelle Organisation. Viele Eltern versuchen, Arbeit, familiäre Verantwortung und finanzielle Verpflichtungen gegenüber der Familie und dem Staat miteinander zu vereinbaren. Schulen sollen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch soziale Konflikte lösen, psychische Belastungen auffangen und Erziehungsarbeit leisten. Auch psychologische und psychiatrische Unterstützungen sind dauerhaft gefragt.
Es entsteht der Eindruck einer Gesellschaft, in der immer mehr Aufgaben an Institutionen und Fachkräfte weitergegeben werden, weil Zeit, Geld und persönliche Ressourcen knapp sind. Das ist nicht einfach ein Versagen einzelner Familien. Es ist auch Ausdruck eines Systems, in dem viele Erwachsene selbst damit beschäftigt sind, den Alltag zu bewältigen, Rechnungen zu bezahlen und beruflich wie privat über die Runden zu kommen.
Crosettos Warnung davor, dass Akteure von außen versuchen, junge Menschen gegen die demokratische Gesellschaft aufzubringen, ist wichtig. Sie sollte jedoch auch Anlass sein, darüber nachzudenken, ob diese Gesellschaft ihre eigenen Schwachstellen im umfassenden System womöglich schon seit Langem übersieht.




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