Von: Martin Geier
Garlasco – Seit die Staatsanwaltschaft Pavia den schweren Verdacht erhebt, dass entlastende Laborergebnisse im Mordfall Chiara Poggi unterschlagen wurden, steht Italien womöglich vor einem der größten Justizskandale der letzten Jahrzehnte.
Den neuen Ermittlungsergebnissen zufolge hätten zwei negative Gegenanalysen den wegen Mordes zu 16 Jahren Haft verurteilten Alberto Stasi bereits wenige Tage nach der Tat klar entlasten können, denn auf den Pedalen seines Fahrrads befanden sich zu keinem Zeitpunkt Blut- oder DNA-Spuren des Opfers.
Damit rücken nun neue drängende Fragen in den Mittelpunkt der Ermittlungen: Wer hat die entlastenden Ergebnisse unterschlagen und aus welchem Motiv handelten die Verantwortlichen? Vor allem bleibt zu klären, wer ein Interesse daran hatte, Alberto Stasi um jeden Preis schwer zu belasten und für Jahre hinter Gitter zu bringen.

Der von der Staatsanwaltschaft Pavia erhobene Vorwurf, die den Fall der Ermordung der damals 26-jährigen Chiara Poggi 18 Jahre nach der Bluttat neu aufgerollt hat, könnte schwerer nicht wiegen. In der Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft heißt es: „Die Carabinieri des RIS in Parma unter dem Kommando von General Luciano Garofano wussten, dass der DNA-Test an den Pedalen von Stasis Fahrrad negativ ausgefallen war, verschwiegen jedoch die Ergebnisse, die seine Unschuld bewiesen.“
Damit steht fest: Auf den Pedalen des Fahrrads von Alberto Stasi befand sich zu keinem Zeitpunkt DNA, Blut, Speichel oder jenes nicht näher definierte „Material mit hohem Zellanteil“ von Chiara Poggi. Der Beweis für die Unschuld des Freundes des Opfers blieb somit 19 Jahre lang in den Laborakten der Spurensicherung RIS verborgen.
Nach fast zwei Jahren Ermittlungen kommt die neue Untersuchung der Staatsanwaltschaft von Pavia im Mordfall von Garlasco somit zu einer folgenschweren Erkenntnis. Nach Ansicht der Staatsanwälte unter der Leitung von Fabio Napoleone sowie der Mailänder Ermittlungsgruppe der Carabinieri wurde Alberto Stasi nicht nur zu Unrecht wegen Mordes zu 16 Jahren Haft verurteilt; seine Unschuld war bereits im Jahr 2007 – noch vor seiner Festnahme – offensichtlich.

Im Mittelpunkt steht die berühmte DNA-Probe des Opfers, die am 11. September 2007 im Rahmen der ersten Ermittlungen durch die Beamten des damaligen Kommandanten Garofano an den Pedalen des bei Stasi beschlagnahmten Herrenfahrrads sichergestellt wurde. Am Tag zuvor war das Fahrrad einer Inspektion sowie einem Luminol-Test und einem Combur-Test (zur Suche nach Blutspuren) unterzogen worden, die beide negativ ausfielen. Die Spurensicherung des RIS nahm daraufhin zwei Proben von den Pedalen, die schließlich zu einer einzigen Probe zusammengefasst wurden.
Anschließend führten die Genetiker aus Parma die Extraktion und Quantifizierung dieser Probe durch. Die erste Untersuchung war jedoch „gehemmt“ und daher negativ ausgefallen. Drei Tage später, am 19. September, nahm die Spurensicherung RIS die Reinigung dieser Probe vor und startete einen zweiten Quantifizierungsversuch. Im Gegensatz zu den Ergebnissen von drei Tagen zuvor war das Ergebnis dieses Tests mit 2,78 Nanogramm überraschend. Eine „enorme” Menge an DNA im Vergleich zur ersten negativen Untersuchung. Außerdem war die Probe „perfekt“, das heißt frei von Verunreinigungen und „Hintergrundrauschen“. Diese DNA stimmte exakt mit der des Opfers, Chiara Poggi, überein.
Am Tag nach diesem „entscheidenden” Ergebnis führte jedoch jemand bei der RIS in Parma heimlich zwei neue „Verifizierungs”-Tests durch. Beide fielen negativ aus, doch die Ergebnisse dieser Untersuchungen tauchten nie in den Ermittlungsakten auf und wurden der Staatsanwaltschaft nie vorgelegt. Kein Carabiniere, auch nicht General Garofano, sprach jemals über diese Tests.

Der Fund von Chiaras DNA auf den Pedalen war damals ein entscheidender Anhaltspunkt, der am 24. September zur Festnahme von Stasi führte. Später erachteten die Richter die DNA-Probe auf den Pedalen als entscheidend für die Verurteilung von Alberto Stasi.
Was die Staatsanwaltschaft von Pavia heute behauptet, ist sensationell: Am Tag nach dieser Untersuchung, dem 20. September 2007, wiederholte jemand in den RIS-Labors in Parma den Test zweimal, ohne auch nur die geringste Spur in den Akten zu hinterlassen und vor allem, ohne das doppelte negative Ergebnis zu dokumentieren. Ausschlaggebend sind die „Rohdaten“, die die Staatsanwaltschaft von Pavia am 6. November 2025 vom RIS erhalten hat. Dabei handelt es sich um die „Protokolle“ der Geräte, die im Labor zur Durchführung der Tests verwendet wurden. In diesen unveränderbaren Dateien wurden Spuren der beiden negativen Gegenanalysen gefunden. Diese wurden damals jedoch weder der Anklage, der Verteidigung noch der Staatsanwaltschaft von Vigevano mitgeteilt und auch nicht in die Akte aufgenommen.
Nach Abschluss der Ermittlungen im Mai beauftragte die Verteidigung von Alberto Stasi, vertreten durch die Rechtsanwälte Giada Bocellari und Antonio De Rensis, die Genetiker Ugo Ricci und Pasquale Linarello mit der Erstellung eines Gutachtens, um mögliche Erklärungen für diese Ergebnisse zu finden. Dasselbe taten die Staatsanwälte unter der Leitung von Fabio Napoleone und dem stellvertretenden Staatsanwalt Stefano Civardi. Diese hatten bereits nach dem ersten vorläufigen Abschluss der Ermittlungen die Vermutung geäußert, dass die 2,78 Nanogramm entweder auf einen Fehler bei der Datenerfassung oder auf eine Verwechslung der Reagenzgläser zurückzuführen seien. Denn die Probe stimmte „bis auf die Dezimalstellen“ mit derjenigen des Löffels überein, den Chiara Poggi zum Frühstück benutzt hatte.
Doch warum wurde die doppelte Löschung der damaligen Staatsanwältin Rosa Muscio, den Richtern und den Verteidigern verheimlicht, obwohl diese bereits seit 2017 vergeblich um die Herausgabe dieser Rohdaten gebeten hatten?
In den vergangenen Tagen hat die von Fabio Napoleone geleitete Staatsanwaltschaft Pavia dazu den ehemaligen General Garofano sowie die damals beteiligten Offiziere befragt. Für Alberto Stasi, der zu 16 Jahren Haft verurteilt wurde und sich seit Juni in Halbfreiheit auf Bewährung befindet, ebnet diese Entwicklung nun den Weg für einen Antrag auf Revision des Verfahrens, das zu seinem vollständigen Freispruch führen könnte.
Italien steht vor dem vielleicht größten Justizskandal der letzten Jahrzehnte: Wer hat die entlastenden Ergebnisse unterschlagen und aus welchem Motiv handelten die Verantwortlichen? Wer hatte ein Interesse daran, Alberto Stasi um jeden Preis schwer zu belasten und für Jahre hinter Gitter zu bringen?







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