Von: Martin Geier
Rom/Ceuta (ESP) – Die Flüchtlingskrise um die spanische Exklave Ceuta auf dem afrikanischen Kontinent, die durch den Sturm von Tausenden Migranten ausgelöst wurde, scheint noch lange nicht ausgestanden zu sein. Ein von der römischen Tageszeitung Il Messaggero veröffentlichter Geheimdienstbericht enthüllt die Fluchtrouten aus der Exklave.
Drogenhändler nutzen sie, um Migranten nach Andalusien zu transportieren, und haben damit ein neues, lukratives Geschäftsmodell für sich entdeckt. Die Überfahrt soll bis zu 7.000 Euro pro Person kosten. Auf hoher See lauert große Gefahr, denn die Schlepper flüchten bei Sichtung der spanischen Küstenwache und lassen die Menschen mitten im Meer zurück. Hinzu kommen die politischen Spannungen zwischen Rom und Madrid bezüglich Schengen und die weiteren Risse in der EU – zur Freude all jener, die aus den Spannungen in Europa Nutzen ziehen können.

Es handelt sich um eine schnelle und äußerst lukrative „illegale Seebrücke“, die direkt von Drogenkartellen betrieben wird. Die Narcos rüsten ihre Schnellboote um, um Migranten in weniger als einer Stunde von der spanischen Exklave Ceuta an die Küsten Andalusiens zu bringen. In einem von Il Messaggero veröffentlichten Dossier warnt der italienische Geheimdienst vor diesem Szenario, durch das Tausende illegale Einwanderer EU-Boden erreichen sollen. Laut dem Bericht hat der Geheimdienst ein organisiertes Netzwerk aufgedeckt, das bis zu 7.000 Euro pro Überfahrt verlangt und die Passagiere lebensgefährlichen Situationen aussetzt.
Die Schlepper sind sogar bereit, die Migranten auf hoher See zurückzulassen, um Kontrollen zu entgehen. Dieses rasant wachsende Geschäft stellt nicht nur die spanische Küstenwache vor große Herausforderungen, sondern lässt auch den politischen und diplomatischen Konflikt zwischen Rom und Madrid wieder aufflammen. Dieser reicht von den unterschiedlichen Zahlen zu den Migranten auf marokkanischem Gebiet bis hin zur Entscheidung der Regierung Meloni, das Schengener Abkommen mit Spanien auszusetzen – ein Thema, das im Mittelpunkt der bevorstehenden Anhörung von Innenminister Matteo Piantedosi stehen wird.

Den Menschenschmuggel sollen die in der Straße von Gibraltar aktiven Drogenclans organisieren. Sie haben ihre Boote, die sie üblicherweise für den Transport von Haschisch einsetzen, umgerüstet. Dazu gehören Jetskis, Schnellboote, Glasfaserboote und Motorboote des Typs „Phantom“. Die verzweifelten Menschen werden über Telegram-Kanäle und andere soziale Medien angeworben. Ihnen wird versprochen, dass sie an strategisch günstigen und kaum bewachten Stellen der spanischen Küste, wie San Roque, Algeciras, Getares und La Línea de la Concepción, an Land gehen dürfen.
Die Kosten für die Überfahrt sind exorbitant: Sie belaufen sich laut Sicherheitsquellen, die sich gegenüber der römischen Tageszeitung äußerten, auf bis zu 7.000 Euro pro an Bord genommenem irregulären Migranten. Die Zahlung erfolgt in zwei Raten. Ein erster Betrag wird beim Einsteigen in Ceuta gezahlt, der Rest direkt bei der Ankunft auf dem Festland. Nach Erkenntnissen der Geheimdienste stammt ein Großteil des Bargeldes direkt aus Marokko. Es wird von den Migranten in den Postämtern der Exklave abgeholt. Dies nährt den Verdacht, dass sich hinter den Geldüberweisungen strukturierte kriminelle Netzwerke verbergen.

Abgesehen von den unerschwinglichen Kosten birgt die Reise übers Meer große Gefahren für das Leben der Passagiere. Tauchen am Horizont Patrouillenboote der Küstenwache oder der spanischen Polizei auf, leiten die Schlepper Ausweichmanöver ein und zögern nicht, ihre „menschliche Ladung” über Bord zu werfen. Die Menschen werden auf hoher See ausgesetzt oder gezwungen, sich ins Wasser zu stürzen, bevor sie die Küste erreichen. Sie müssen dann schwimmend das Ufer erreichen, um einer Festnahme zu entgehen. Dabei sind sie einem extrem hohen Risiko ausgesetzt, zu Ertrinken.
Dieses Migrationsphänomen schürt auch heftige Kontroversen über die tatsächliche Zahl der in der Region anwesenden Migranten. Nach Schätzungen der italienischen Regierung, auf die sich die Geheimdienste berufen, sollen sich derzeit zwischen 6.000 und 8.000 Migranten in der Exklave aufhalten, die auf ihre Rückführung oder die Bearbeitung ihres Asylantrags warten, während die Behörden in Madrid von etwa 2.000 sprechen, wobei sie betonen, dass die Lage unter Kontrolle sei.

Das von den Geheimdiensten gezeichnete Bild entfacht erneut den politischen Konflikt zwischen Rom und Madrid, während die Spannungen wegen der Entscheidung der italienischen Regierung, den freien Personenverkehr im Schengen-Raum mit Spanien auszusetzen, weiterhin groß sind.
Die römische Mitte-Rechts-Koalition verteidigt die Maßnahme angesichts der fehlenden Kontrollen an der spanischen Seegrenze, während die Opposition diese Entscheidung kritisiert. Riccardo Magi, der Sekretär von „Più Europa“, kritisierte die Haltung der Regierung und forderte die Wiederöffnung des Schengen-Raums, um enormen politischen Schaden für Italien zu vermeiden.
Die EU versucht, die politischen Spannungen zwischen Rom und Madrid bezüglich Schengen zu schlichten. Doch trotz des Schulterschlusses des Großteils der Mitgliedstaaten werden in Europa große Risse sichtbar – zur Freude all jener, die aus den Spannungen Nutzen ziehen können.

Unterdessen erhält Ministerpräsidentin Giorgia Meloni Unterstützung von prominenter Seite, nämlich von ihrer dänischen Amtskollegin Mette Frederiksen. „Schluss mit der unkontrollierten Einwanderung! Wir brauchen Rückführungszentren in Drittländern!”, fordern Meloni und Frederiksen in ihrer gemeinsamen Stellungnahme. „Wir akzeptieren keine unkontrollierte Einwanderung nach Europa. Wir sind uns sicherlich nicht in allem einig, aber unser gemeinsamer Wunsch, Europa zu verteidigen, verbindet uns“, erklären sie. Ihr gemeinsames Ziel ist es, Themen wie Sicherheit, Einwanderung und den Schutz europäischer Werte gemeinsam anzugehen.








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