Von: Martin Geier
Kiew – Russland greift zu neuen Taktiken, um das ukrainische Stromnetz in diesem Winter endgültig zu zerstören. In den frühen Morgenstunden des 14. Oktobers erschütterten heftige Explosionen die ukrainische Hauptstadt: Russische Streitkräfte nahmen gezielt mehrere Energieanlagen ins Visier, die Kiew mit Strom versorgen. Diese Angriffe sind Teil einer neuen Kampagne, mit der die Stadt nach einem verheerenden Sommer voller Angriffe auf Unternehmen und kritische Infrastruktur isoliert und vollständig vom Netz getrennt werden soll.

Obwohl die Angriffe auf das ukrainische Energiesystem das gesamte Jahr über anhielten, hat Moskau seine Massenattacken rechtzeitig zur fünften Winteroffensive seit Beginn der Großinvasion massiv intensiviert. Das erklärte Ziel ist es, Kraftwerke, Umspannwerke und die Gasinfrastruktur flächendeckend zu zerstören.

Die größten Leidtragenden dieser Angriffe sind die Menschen in der Ukraine – allen voran Mütter und ihre Kinder. Trotz der ständigen Bedrohung durch russische Drohnen und Raketen versuchen viele Mütter verzweifelt, ihren Kindern zumindest einen Schein von familiärer Normalität zu bewahren. Selbst in den Schutzbunkern versuchen sie, die Kleinen durch Vorlesen, Singen oder erfundene Geschichten vor der traumatischen Realität der Sirenen und Explosionen abzuschirmen. Der Krieg zwingt die Familien täglich zu unzähligen Vorsichtsmaßnahmen, stets begleitet von der bangen Hoffnung, dass das eigene Zuhause und die Liebsten verschont bleiben.

Gegenüber der Kriegsreporterin Marta Serafini vom Mailänder Corriere della Sera schildert die Ukrainerin Liuba ihren kräftezehrenden Alltag in der schwer getroffenen Hauptstadt.
Jeden Morgen bringt Liuba ihre Tochter in den Kindergarten. Sie hilft ihr beim Anziehen der Jacke und prüft, ob Wasser und etwas zu essen im Rucksack sind. Dann verabschiedet sie sich von ihr und versucht, ihre eigene Angst nicht anmerken zu lassen. Zu Hause angekommen, setzt sie sich an die Arbeit – das Telefon stets vor sich und gequält von einer Frage, die sie einfach nicht zum Schweigen bringen kann: „Wenn die Raketen kommen und die Sirene nicht heult, wer wird dann die Zeit haben, das Kind in den Schutzraum zu bringen?”

„So läuft es jetzt in Kiew: Tagsüber sind es die Drohnen, nachts die Raketen“, erklärt Liuba Marta Serafini.
Für Mütter sind die wenigen Minuten zwischen Alarm und Einschlag überlebenswichtig. Genau so lange braucht man, um ein Kind zu wecken, es anzuziehen, seine Schuhe zu finden, den Rucksack zu schnappen und die Treppe hinunterzulaufen. Wenn die Sirene nicht heult, existiert diese Zeit schlichtweg nicht.
Jeden Abend bereiten die Mütter in Kiew die Nacht so vor, als stünde eine Evakuierung bevor. Sie schieben die Kinderbetten von den Fenstern weg, breiten Matratzen und Decken auf dem Badezimmerboden aus und suchen den Ort in der Wohnung auf, der durch mindestens zwei Wände geschützt ist. Zudem legen sie eine Taschenlampe, Wasser, Medikamente, Ausweispapiere, ein paar Kekse und die Ladekabel griffbereit. Wenn der Strom ausfällt, erledigen sie alles im Licht des Smartphones. Das Badezimmer wird zum Kinderzimmer, der Flur zum Schlafsaal – und das eigene Zuhause zu einer Karte der Gefahrenzonen.

Dann lauschen sie. Sie versuchen, das Brummen eines Generators vom Geräusch eines Drohnenmotors zu unterscheiden und das Luftabwehrfeuer von einer Explosion. Sie schlafen angezogen und haben die Schuhe direkt neben der Matratze stehen. Die Kinder merken an dem plötzlichen Schweigen mitten in einer Geschichte oder am Blick der Mutter zur Decke nach einem Knall, dass etwas nicht stimmt. Und dann muss man lächeln und den Schutzraum in ein Spiel verwandeln, den Badezimmerboden in einen Campingplatz. Man muss sagen, dass alles gut wird – selbst wenn man nicht weiß, ob es wahr ist.

Wenn die Kinder endlich einschlafen, beginnen die Mütter wieder zu arbeiten. Sie klappen auf dem Boden den Laptop auf – sofern sie Strom haben –, beantworten Nachrichten und versuchen, die während der Alarme verlorenen Stunden nachzuholen. Am nächsten Morgen bringen sie die Kinder in den Kindergarten, gehen ins Büro, kaufen ein oder suchen eine geöffnete Apotheke. Ihre Widerstandskraft hat nichts Heroisches an sich, es ist vielmehr das hartnäckige Aufrechterhalten des Alltags.

Das Erste, was man tut, wenn man im Krieg aufwacht, ist zu überprüfen, wo und wann es Einschläge gab. Dann schreibt man seinen Bekannten, um zu fragen, ob es ihnen gut geht: „Ich lebe.“ „Du lebst.“ „Wir leben.“ Jede Antwort lässt die Angst für ein paar Sekunden nach, jede Stille verstärkt sie.

Wenn Wärmekraftwerke getroffen werden, dringt der Krieg direkt in die Wohnungen ein. Es ist das Licht, das ausgeht, während eine Mutter Zuflucht vorbereitet. Es ist das Wasser, das morgens womöglich nicht mehr aus dem Wasserhahn fließt. Es ist der Heizkörper, der langsam erkaltet, während der Winter näherrückt. Man stapelt Decken, Taschenlampen, Batterien und Powerbanks – wohlwissend jedoch, dass kein noch so großer Vorrat vor einer Rakete schützen kann.
Putin greift Kiew und seine Infrastruktur weiterhin an. Trump übt Druck auf die Ukraine aus, die Bombardierung russischer Energieanlagen einzustellen, doch Kiew erklärt, damit fortzufahren.
Doch in den ukrainischen Wohnungen macht sich die große Politik in Form von Lärm, Dunkelheit und Kälte bemerkbar. Sie zwingt eine Mutter dazu, innerhalb von Sekunden zu entscheiden, ob sie in den Schutzraum rennt oder im Badezimmer bleibt.

Liuba wird ihre Tochter weiterhin in den Kindergarten bringen. Sie wird weiterarbeiten und die Benachrichtigungen prüfen. Abends wird sie ein Bett im Badezimmer herrichten, Wasserkübel füllen, die Taschenlampe bereithalten und den Rucksack nahe der Tür platzieren. Dann wird sie auf die Sirene warten – in der Hoffnung, dass sie dieses Mal rechtzeitig zu hören sein wird.

Das Leben in Kiew gleicht inzwischen einem täglichen Kampf ums Überleben. Gerade Mütter und ihre Kinder sehnen sich jedoch nach einem normalen, friedlichen Alltag.













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