Angriffe auf Wildberries

Warum die Ukraine jetzt das “russische Amazon” ins Visier nimmt

Montag, 27. Juli 2026 | 08:19 Uhr

Von: mk

Die Ukraine hat zuletzt mehrfach Drohnenangriffe auf Logistikzentren des größten russischen Online-Versandhändlers Wildberries gestartet. Während Russland bislang beim Zerbomben von Krankenhäusern, Theatersälen, Wohnungen und anderen zivilen Einrichtungen keine Skrupel zeigte, war die Ukraine bislang weit vorsichtiger mit ihren Attacken auf russisches Kernland. In erster Linie zielte die Ukraine auf Ölraffinieren und Militärstützpunkte. Warum nun der Onlinehändler ins Visier gerät, hängt in erster Linie mit dem Verkauf sogenannter Dual-Use-Güter zusammen. Gleichzeitig wird der russischen Wirtschaft damit ein weiterer empfindlicher Schlag versetzt.

Wildberries wird oft als “russisches Amazon” bezeichnet und ermöglicht schnelle Lieferungen ins gesamte Staatsgebiet. Das Unternehmen bietet dabei in erster Linie eine Plattform, auf der Analysten zufolge rund 800.000 unabhängige Händler ihre Waren verkaufen. Dabei handelt es sich vielfach um kleine und mittlere Unternehmen. Laut Betriebsangaben werden täglich über Wildberries mehr als 20 Millionen Transaktionen abgewickelt. Zehntausende Abholstationen existieren überall in Russland – selbst in abgelegenen Orten und kleinen Städten.

Angaben russischer Behörden zufolge gab es durch ukrainische Angriffe auf die Verteilerzentren auch Tote. Zudem wurden mehrere Menschen verletzt. Riesige Rauchwolken blähten sich auf und verteilten sich am Himmel.

Wie Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, sieht die Ukraine die Lagerhäuser als Teil der russischen Kriegslogistik – vor allem, weil über den Onlinehändler auch sogenannte Dual-Use-Güter vertrieben werden. Damit sind Waren gemeint, die sowohl im zivilen Leben als auch für militärische Zwecke verwendet werden können. Die Palette reicht von Funkgeräten und Schutzwesten über Wärmebildgeräte bis hin zu technischen Bestandteilen von Drohnen.

Zudem werben einzelne Händler bei militärisch nutzbaren Produkten mit Hinweisen wie “Tested in the SMO” (“Getestet in der Militärischen Spezialoperation”). Die Werbehinweise stammen zwar nicht von der Plattform selbst, zeigen aber, dass der russische Angriffskrieg im Onlinehandel als Marketinginstrument genutzt wird.

Die Ukraine nimmt mit ihren Angriffen aber nicht nur die militärische Versorgung ins Visier, sondern sie schadet auch der russischen Wirtschaft, mit deren Hilfe Kreml-Despot Wladimir Putin den Krieg gegen die Ukraine finanziert – und sie bringt den Krieg zu den Menschen in Russland: Jene kleinen und mittleren Unternehmen, denen Putin eigentlich Schutz zugesichert hat, spüren nun die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine unmittelbar. Der Krieg in der Ukraine ist nicht mehr etwas Fernes, wovon man nur in Propaganda-Sendungen im Fernsehen hört. Betroffene stehen nun zum Teil vor den Scherben ihrer Existenz.

Der Schaden für die Händler soll sich laut Schätzungen allein nach den Angriffen bei Moskau und in der Region Tambow auf insgesamt rund 1,7 Milliarden Euro belaufen. Die Bloggerin Marina Gorschkowa erzählte in einem Video: “Ich habe den ganzen Vormittag geweint, weil unser Geschäft möglicherweise schließen muss.” Sie verkaufe seit Jahren mit ihrem Mann Kosmetikartikel. 35 bis 40 Prozent ihrer Bestände seien durch die Brände zerstört worden.

Wie die russische Zeitung “Kommersant” berichtet, haben die Angriffe am Donnerstag etwa zehn Prozent der Logistikkapazitäten von Wildberries beschädigt. Der Wiederaufbau der Lagerhäuser koste das Unternehmen umgerechnet schätzungsweise bis zu 400 Millionen Euro – knapp ein Fünftel des Nettogewinns aus dem Jahr 2025. Durch Angriffe auf weitere Lager am Freitag dürften diese Zahlen nochmals steigen.

Wildberries-Chefin Tatjana Kim versprach den Verkäufern Entschädigungen für verlorene Waren. Sie versicherte, dass “vorrangig die kleinsten und am wenigsten geschützten Unternehmer” unterstützt würden. Zahlreiche Verkäufer beschwerten sich jedoch online über die Höhe der Entschädigungen. Andere gingen von leeren Versprechungen aus.

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