Viele Fragen und nur wenige Antworten aus Moskau

Woran arbeitete und starb die Pestforscherin Darya Shipilova?

Freitag, 09. Oktober 2026 | 08:03 Uhr

Von: Martin Geier

Moskau/Irkutsk – In Irkutsk, wo russische Oppositionsmedien von einem tödlichen Laborunfall in einer Forschungseinrichtung berichten, der sehr strenge Quarantänemaßnahmen erforderlich werden ließ, geben die Gesundheitsbehörden laut jüngsten Meldungen langsam Entwarnung, nachdem Tausende von Tests negativ ausgefallen sind.

Der tragische Tod der 28-jährigen Forscherin Darya Shipilova gibt jedoch weiterhin Anlass zur Besorgnis, da viele Fragen zum Umgang mit Informationen über eine mögliche Pestinfektion noch immer unbeantwortet sind. Die wichtigsten sind: An was arbeitete die junge Forscherin und woran ist sie gestorben? Denn laut der offiziellen russischen Darstellung ist sie einer „Lungenentzündung unbekannter Genese” erlegen – genaue Angaben zur Todesursache und dem Auslöser der Lungenentzündung sind weiterhin nicht bekannt.

Люди Байкала/People of Baikal/Darya Shipilova

Tagelang galt Darya Shipilova vor allem als „die im Pestinstitut verstorbene Laborantin“, doch laut einer Rekonstruktion des oppositionellen Lokalmediums People of Baikal, wies die junge Forscherin, die von ehemaligen Mitstudenten und Kollegen als intelligent, verantwortungsbewusst und zurückhaltend beschrieben wird, mit nur 28 Jahren eine beachtliche Karriere als Medizinerin und Forscherin auf.

Darya Shipilova, in Irkutsk geboren und aufgewachsen, hatte früh beschlossen, einen medizinischen Beruf einzuschlagen. Im Jahr 2022 schloss sie ihr sechsjähriges Studium der Medizinischen Biochemie an der Staatlichen Medizinischen Universität Irkutsk ab. Das Forschungsinstitut zur Bekämpfung der Pest in Irkutsk kannte sie bereits, da sie dort ein Praktikum absolviert hatte. Noch im selben Jahr wurde sie dort eingestellt.

Zunächst arbeitete sie als einfache Laborantin, doch ihre Karriere schritt rasch voran. Laut People of Baikal wurde sie bereits nach etwa eineinhalb Jahren zur wissenschaftlichen Mitarbeiterin befördert und in die Forschungsabteilung versetzt. Das Institut finanzierte ihr eine Spezialisierung in klinischer Labordiagnostik, die sie 2024 mit Auszeichnung absolvierte. Bis Januar 2025 ist sie in der Abteilung für Pestmikrobiologie beschäftigt.

YouTube/Люди Байкала/People of Baikal

Wie der Corriere della Sera berichtet, zeugen dokumentarische Belege von ihrer Forschungsarbeit. In den Tagungsunterlagen des XVIII. Allrussischen Jahreskongresses für Infektionskrankheiten, der im Frühjahr dieses Jahres in Moskau stattfand, ist eine Studie mit dem Titel „Untersuchung der Empfindlichkeit von Yersinia pestis aus natürlichen Pestherden in Sibirien gegenüber antibakteriellen Wirkstoffen” enthalten. Laut den Unterlagen war Shipilova Mitautorin dieser Studie. Somit ist belegt, dass die junge Forscherin direkt an der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts zur Pest beteiligt war.

In der Studie wird untersucht, wie die in den natürlichen Herden Sibiriens vorkommenden Stämme von Yersinia pestis auf die gegen die Krankheit eingesetzten Antibiotika reagieren. Die Autoren bezeichnen die Bestimmung der Empfindlichkeit gegenüber antibakteriellen Medikamenten als „wichtigen Bestandteil der epidemiologischen Überwachung“. Zu wissen, ob die bei Tieren zirkulierenden Stämme auf die verfügbaren Medikamente ansprechen, ist entscheidend, um im Falle einer Übertragung auf den Menschen die richtigen therapeutischen Mittel einsetzen zu können.

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Die Stämme stammen aus natürlichen Hochgebirgsherden im Gorno-Altaischen Gebiet und aus dem Berggebiet von Tuva. Unter den untersuchten Antibiotika befinden sich Streptomycin, Amikacin, Gentamicin, Doxycyclin, Kanamycin, Chloramphenicol, Cefotaxim, Ciprofloxacin und Azithromycin.

Nach ihrem Tod berichteten einige russische Medien, Shipilova habe im Rahmen von Studien zur Immunantwort auf die Pest an Experimenten mit Hunderten weißen Mäusen teilgenommen.

APA/APA/AFP/TATYANA MAKEYEVA/TATYANA MAKEYEVA

Ein in Science veröffentlichter Artikel fügt einen wichtigen Aspekt hinzu. Javier Pizarro-Cerda, der Leiter der Yersinia Research Unit am Institut Pasteur in Paris, erklärt darin, dass in Russland Personen, die beruflich mit dem Pestbakterium arbeiten, geimpft werden.

In den Ländern der ehemaligen UdSSR wird seit Jahrzehnten ein Impfstoff verwendet, der auf einem abgeschwächten Stamm von Yersinia pestis basiert. Das exponierte Personal wird normalerweise jedes Jahr erneut geimpft, da der Schutz nur von kurzer Dauer ist. Infektionen mit der Pest im Labor sind äußerst selten. Science erinnert daran, dass das Institut Pasteur in über 130 Jahren keinen einzigen solchen Fall verzeichnet hat.

Laut einer Darstellung soll sich Darya Shipilova an ihrem Arbeitsplatz unwohl gefühlt haben, bevor sie am 29. September mit Symptomen einer schweren Lungenentzündung in das Krankenhaus der nahegelegenen Stadt Schelechow eingeliefert wurde. Ihr Zustand verschlechterte sich rapide und sie starb in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober.

Fast sofort kursierte die Behauptung, sie habe am 25. September ein Reagenzglas mit dem Pest-Erreger zerbrochen und sei daraufhin erkrankt. Der Journalist Pavel Stepanov behauptete zudem in einem Telegram-Beitrag, sie habe den Vorfall vertuscht. Doch keiner dieser Punkte wurde bestätigt, wie Science klarstellt. Es gibt keinen öffentlich zugänglichen Bericht, der den Bruch des Reagenzglases belegt. Der möglicherweise betroffene Bakterienstamm ist ebenfalls unbekannt, und es wurde keine genetische Analyse veröffentlicht, die einen Laborstamm mit der Erkrankung der Forscherin in Verbindung bringt. Vor allem wurde nicht öffentlich nachgewiesen, dass Shipilova an der Pest gestorben ist.

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Die russische Gesundheitsbehörde Rospotrebnadzor gibt sich zugeknöpft und behauptet, Shipilova sei an einer „Lungenentzündung unbekannter Genese” gestorben. In den biologischen Proben seien keine auf ihre berufliche Tätigkeit zurückzuführenden Mikroorganismen festgestellt worden. Zudem habe die mit den Untersuchungen beauftragte Kommission keine Vorfälle beim Umgang mit Krankheitserregern festgestellt. Laut den russischen Behörden wurden bei fast 5.000 Labortests keine gefährlichen Krankheitserreger nachgewiesen. Daraufhin wurden etwa neun Zehntel der Personen, die ursprünglich unter Quarantäne gestellt oder unter Gesundheitsüberwachung standen, wieder freigegeben.

Am 8. Oktober wies Rospotrebnadzor Berichte über einen zweiten Mitarbeiter, der nach Kontakt mit der Forscherin erkrankt sein soll, ausdrücklich als falsch zurück. Zudem teilte die Behörde mit, dass die Vorsorgemaßnahmen für alle Kontaktpersonen abgeschlossen wurden, ohne dass gefährliche pathogene Mikroorganismen festgestellt wurden. Somit gibt es weder bestätigte Pestfälle unter den Kontaktpersonen noch dokumentierte Hinweise auf eine Sekundärübertragung.

Der zentrale Punkt der Angelegenheit bleibt jedoch ungeklärt: Die russischen Behörden haben bislang weder öffentlich geklärt, welcher Erreger die tödliche Lungenentzündung bei Shipilova verursacht hat, noch eine detaillierte Erklärung für die umfangreichen Vorsichtsmaßnahmen abgegeben. Die Weltgesundheitsorganisation, die am 7. Oktober betont hatte, noch nicht über ein vollständiges Bild zur Bewertung des Vorfalls zu verfügen, wartet daher weiterhin auf ausreichende Informationen, um die Umstände des Todes zu klären.

YouTube/Люди Байкала/People of Baikal/Darya Shipilova

Darya Shipilovas Mutter äußerte sich in scharfen Worten, um das Andenken ihrer Tochter zu verteidigen. Sie erklärte kategorisch, dass „die Pest nicht aus einem Reagenzglas entwichen ist” und ihre Tochter keinen groben beruflichen Fehler begangen habe.

Zudem erhob sie schwere Vorwürfe gegen das medizinische Krisenmanagement und warf den Verantwortlichen vor, die Rettung gravierend verzögert zu haben. Offen erklärte sie: „Sie haben meine Tochter sterben lassen!”

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