Von: Sophia Molitor
Bozen – Bozen erlebte zwischen dem späten 19. Jahrhundert und den frühen 1920er-Jahren einen tiefgreifenden Wandel. Aus einer vergleichsweise kleinen Stadt entwickelte sich ein modernes urbanes Zentrum – zugleich veränderten Erster Weltkrieg, der Übergang an Italien und der politische Umbruch der frühen 1920er-Jahre die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen grundlegend. Eine Tagung widmet sich nun dieser bewegten Phase und nimmt dabei auch die Rolle des langjährigen Bürgermeisters Julius Perathoner in den Blick.
Das ermöglicht einen größeren Rahmen für die kritische Kontextualisierung Bozens und seines letzten gewählten deutschsprachigen Bürgermeisters – Julius Perathoner. Sein politisches Schaffen und Werk hat Bozen auf dem Weg in die Moderne geprägt. Ihm ist zum 100. Todesjahr diese Veranstaltung gewidmet!
Als Julius Perathoner Anfang Oktober 1922 von Faschisten, kurz bevor diese in Italien die Macht endgültig an sich reißen sollten, zum Rückzug aus dem Amt gezwungen wurde, konnte er auf drei Jahrzehnte intensiver politischer Tätigkeit zurückblicken. Als Mitglied der deutschfreiheitlichen Partei war er 1892 zum Stadtrat berufen worden. Nur drei Jahre später bekleidete Perathoner bereits das Amt des Bürgermeisters. Nach der Revolution von 1848 hatte der zum österreichischen Kronland Tirol-Vorarlberg gehörende zentrale Ort am Zusammenfluss von Talfer und Eisack kaum 8.000 Einwohner aufzuweisen.
Die letzte Volkszählung der Habsburgermonarchie 1910 kam hingegen bereits auf knapp 15.000 (inkl. Zwölfmalgreien de facto 24.000). Obwohl Bozen zu den kleineren Zentren der Monarchie zählte, hatte die Stadt – nicht zuletzt dank der Initiativen Perathoners – während der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg einen bemerkenswerten Weg der Modernisierung eingeschlagen. Parallel dazu schuf sich das Bürgertum, nicht nur in Bozen, sondern in der gesamten Habsburgermonarchie öffentlichen Raum und erlangte zunehmend politisches Gewicht. Es hatte sichtbar und bleibend begonnen, sich in den städtischen Raum mit eigenen Vorstellungen einzuschreiben.
Der Große Krieg stellte Bozen vor ungeahnte Herausforderungen. Das Kriegsende und die darauffolgenden Jahre lösten mit den Pariser Friedensverträgen indes nicht nur eine staatliche Neuausrichtung nach Italien – nach Rom – aus, sondern leiteten weithin ebenso einen grundlegenden Bruch bisheriger gesellschaftlicher Orientierungen ein. Mit der Abtrennung der südlichen Landesteile Alttirols hatte Bozen seine bisherige politische Zugehörigkeit aufgeben müssen. Die vorwiegend deutsch geprägte Stadt und ihre Bevölkerung fand sich jetzt in der Situation einer sprachlichen wie kulturellen Minderheit wieder, die durch Radikalisierung der italienischen Politik zunehmend unter Druck geriet und erst lernen musste, sich dennoch zu behaupten.




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