Von: Sophia Molitor
Rasen-Antholz – Die Baustelle für die Errichtung einer neuen Einfahrt nach Antholz und Olang hat sich in den vergangenen Monaten als außergewöhnlicher Blick in die frühe Geschichte Südtirols erwiesen: Seit Februar laufen am Galgenbichl in Niederrasen archäologische Grabungen (LPA hat berichtet). Nun stehen die Arbeiten kurz vor dem Abschluss.
Die Funde sind laut Amt für Archäologie bemerkenswert: Zum ersten Mal wurde in Südtirol eine Siedlung aus der Eisenzeit in dieser Größe genau untersucht. Die Archäologinnen und Archäologen legten die Überreste von mehr als dreißig Häusern frei. Die Funde zeigen, wie Menschen hier zwischen 800 und 500 vor Christus gelebt, gewohnt und zusammengearbeitet haben. Die Lage im Pustertal war günstig: So pflegte die Dorfgemeinschaft unter anderem Kontakte mit dem venetischen Raum im heutigen Nordosten Italiens.
Zahlreiche Gegenstände erzählen vom Alltag der damaligen Bewohnerinnen und Bewohner. Gefunden wurden unter anderem Werkzeuge zum Weben und Spinnen, Hinweise auf die Verarbeitung von Bronze sowie Mahlsteine, mit denen Getreide zerkleinert wurde. Auch Tierknochen liefern den Fachleuten wichtige Informationen: Sie zeigen, welche Tiere gehalten und gegessen wurden. Besonders häufig fanden die Archäologinnen und Archäologen Rinderknochen. Das könnte darauf hindeuten, dass die Menschen am Galgenbichl vergleichsweise wohlhabend waren.
Eine bemerkenswerte Entdeckung betrifft den Umgang mit verstorbenen Kindern. Innerhalb der Siedlung wurde ein kleiner Begräbnisplatz gefunden, auf dem ausschließlich Kleinkinder bestattet waren. Anders als auf dem nahe gelegenen Brandgräberfeld in der Windschnur (ebenfalls in Niederrasen) wurden diese Kinder nicht verbrannt, sondern direkt in der Siedlung beigesetzt. Das zeigt, dass es für sie offenbar besondere Formen des Abschieds und des Totengedenkens gab. Zugleich erinnert der Fund daran, wie hoch die Kindersterblichkeit damals war: Viele Kinder überlebten das erste Lebensjahr nicht, die Sterblichkeitsrate lag bei 20 bis 35 Prozent.
Mit den Grabungen am Galgenbichl rückt Niederrasen stärker in den Blick der Forschung. Gemeinsam mit dem Friedhof in der Windschnur zählt der Fundplatz nun zu den wichtigsten Zeugnissen der frühen Eisenzeit im Alpenraum. Die Grabungen am Galgenbichl machten deutlich, welches Wissen noch immer im Boden verborgen liege, sagt Landesrat Philipp Achammer. “Wir fahren täglich an Orten vorbei, deren Geschichte wir oft gar nicht kennen. Umso beeindruckender ist es, wenn plötzlich ein ganzes Kapitel unserer Vergangenheit sichtbar wird. Am Galgenbichl ist das auf eindrucksvolle Weise gelungen. Der Fund zeigt: Geschichte liegt oft direkt unter unseren Füßen.”




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