Gottfried Helnwein stellt in Barcelona aus

“Heute aktueller denn je”: Helnwein und Goya in Barcelona

Freitag, 06. November 2026 | 13:51 Uhr

Von: importer

Das Gesicht des Mädchens im rosa Unterhemd ist kaum zu erkennen. Ihr Kopf ist von einem mit Blut durchtränkten Verband verdeckt, der auf eine Platzwunde hinweist. Ein Bub mit Lendenverdeckung ist in einer biblischen Auferstehungspose mit einer blutenden Seitenwunde dargestellt, wie sie Jesus hatte. Kinder werden in den nun in Barcelona ausgestellten hyperrealistischen Gemälden des österreichischen Künstlers Gottfried Helnwein zum Symbol für Unschuld und Verletzlichkeit.

Zwischen seinen Arbeiten stößt der Besucher im Museu Europeu d’Art Modern (MEAM) immer wieder auf Radierungen aus der Serie “Die Schrecken des Krieges”, die Francisco de Goya Anfang des 19. Jahrhunderts über die Schrecken des spanischen Unabhängigkeitskrieges gegen Napoleon fertigte. Sie bilden Menschen ab, die gefoltert, verstümmelt oder getötet werden, unschuldige Opfer und eine Menschheit, die ihre eigene Grausamkeit kaum noch zu kennen scheint.

Helnwein: “Goyas Werke sind heute aktueller denn je.”

Zwei Jahrhunderte liegen zwischen den Werken von Goya und Helnwein, die noch bis zum 7. Februar in dem auf zeitgenössische figurative Kunst spezialisierten Museum in einem alten Stadtpalast gezeigt werden. Doch beeindruckend zeigt die Ausstellung “Der Krieg geht weiter” mit 13 Radierarbeiten Goyas und 50 Werken Helnweins, wie nah sich beide Künstler in ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit Krieg, Gewalt und menschlicher Grausamkeit sind.

“Goya war der erste Künstler, der eine Zäsur in der Kunstgeschichte einleitete. Bis dahin war die europäische Kunst vorwiegend Auftragskunst. Schlachten und Kriege wurden glorifiziert dargestellt. Doch Goya zeigte das Schlachten, Töten, Vergewaltigen und wie Menschen zu Bestien werden”, sagte Helnwein am Rande der Ausstellungseröffnung im Gespräch mit der APA. Das Erschreckende, so Helnwein: “Goyas Werke sind heute aktueller denn je.” Ihn fasziniert die Art und Weise, wie Goya menschliches Leid und Krieg in einer damals ganz neuen Dimension darstellte.

Während Goya generell unschuldige Opfer darstellte, konzentriert sich Helnwein auf Kinder “als Sinnbild der unschuldigen Opfer”. Kinder erscheinen in Militäruniformen, mit Waffen, verletzt oder blutüberströmt. Damit thematisiert er die Instrumentalisierung und Zerstörung der Unschuld. “Es gibt heuer Kriegsschauplätze, wo Zigtausende Kinder verstümmelt und elternlos werden. Und das ist einfach immer falsch, egal, ob es ein jüdisches Kind ist, ein palästinensisches, ein ukrainisches, ein russisches oder ein somalisches Kind”, so Helnwein.

Kulissen des Schreckens

In seinen hyperrealistischen Gemälden und Mischtechniken verbindet er diese Motive mit Elementen der Popkultur. Sogar Comicfiguren, Manga-Mädchen, Donald Duck oder Mickey Mouse tauchen in Szenen auf, deren Bedrohlichkeit in starkem Kontrast zu den Figuren steht. Gerade diese Verbindung von scheinbarer Unschuld und brutalem Inhalt macht Helnweins Arbeiten so verstörend. Die vertrauten Bildwelten der Kindheit werden zu Kulissen des Schreckens, wie besonders in seinem Werk “The Visit” deutlich wird, in der sich eine orange-gelb gekleidete Figur mit Pinocchio-Nase und Zylinder wie eine Schreckgestalt der schlafenden Unschuld des Mädchens nähert.

In “Epiphany III” (2015/16) verwendet er eine historische Fotografie von französischen Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg, deren Gesichter durch Granatsplitter entstellt wurden. Die Männer stehen um einen Tisch, auf dem ein schlafendes Mädchen liegt, die wie ein zu schützendes Symbol von Unschuld wirkt. Das Bild gehört zu der Serie Epiphany, an der Helnwein bereits seit 1996 arbeitet und die in ihren Titeln auf biblische Episoden aus der Kindheit Jesu oder auf die Anbetung der Könige anspielt.

Der Künstler zwingt sein Publikum damit, genauer hinzusehen und die eigene Wahrnehmung von Gewalt und medialen Bildern zu hinterfragen. Gerade diese Verbindung von scheinbarer Unschuld und brutalem Inhalt macht Helnweins Arbeiten so verstörend. Die vertrauten Bildwelten der Kindheit werden zu Kulissen des Schreckens.

Die Gegenüberstellung mit Goyas Werken erhält dadurch eine zusätzliche Dimension. Während der Spanier die Gräuel eines konkreten historischen Krieges festhielt, richtet Helnwein den Blick auf Gewalt als fortdauerndes gesellschaftliches Phänomen. Der Titel der Ausstellung ist insofern Programm: Der Krieg ist nicht vorbei, seine Opfer und seine Mechanismen wechseln lediglich ihre Gestalt.

Kunst als “letzte Instanz, die die Würde und die Menschlichkeit noch retten kann”

Helnwein überträgt Goyas Darstellungen des Krieges in die Gegenwart. Viele Bilder wie aus der Epiphany-Serie greifen die Zeit der Weltkriege und des Holocausts auf. Doch geht es dem Künstler weniger um die Rekonstruktion eines bestimmten militärischen Konflikts als um die universelle Frage, warum Menschen anderen Menschen Gewalt antun.

Nicht nur Helnweins Motive sorgen für Aufmerksamkeit, sondern auch seine Kunstform: Er verbindet Fotografie, digitale Bildbearbeitung und traditionelle Öl- und Acrylmalerei. Dadurch entsteht eine Bildsprache, die wie eine Fotografie wirkt, tatsächlich aber ein aufwendig konstruiertes Gemälde ist. Helnwein entwickelt zunächst ein Bildmotiv auf Grundlage von Fotografien. Dabei kombiniert er mitunter unterschiedliche Bildquellen. Das fertige Motiv wird entweder auf die Leinwand projiziert und nachgezeichnet oder in grober Form digital auf die Leinwand gedruckt. Anschließend überarbeitet er das Bild mit Acryl- und Ölfarben. Dabei trägt er zahlreiche Schichten auf, verändert Details und verfeinert die Darstellung.

Die oftmals steril wirkenden Hochglanz-Gemälde stehen dabei in einem starken Gegensatz zum dargestellten Leid. Und genau hier liegt für Helnwein der Unterschied, den Kunst in einer Welt uns überrollender Medienbilder ausmachen kann: “Kunst ist in unserer heutigen medialen Welt die letzte Instanz, die die Würde und die Menschlichkeit noch retten kann”, so der Künstler.

(Von Manuel Meyer/APA)

(S E R V I C E – www.meam.es )

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