Neuer Roman von Daniel Kehlmann

Kakanische Groteske: Daniel Kehlmanns neuer “Afrika”-Roman

Donnerstag, 05. November 2026 | 05:25 Uhr

Von: importer

Ein neuer Roman von Daniel Kehlmann ist immer ein Ereignis. Sein 2005 erschienenes Buch “Die Vermessung der Welt” rund um den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und den Naturforscher Alexander von Humboldt wurde zum internationalen Bestseller. Zuletzt reüssierte er mit “Lichtspiel”, dem Lebensdrama des Regisseurs Gustav Wilhelm Pabst, auch in den USA. In “Afrika” steht nun die Berliner Kongokonferenz vom Winter 1884/85 im Zentrum. Wie sich Kehlmann dem Thema nähert, verblüfft.

Hauptfigur ist der erst seit kurzem an der Berliner Botschaft arbeitende österreichische Legationsrat Gustav Strinetzky, der hofft, hier nicht nur eine ruhige Kugel schieben, sondern auch einer peinlichen Affäre entkommen zu können. Daheim hatte er seine Kenntnisse der kaum zu durchschauenden k.u.k.-Bürokratie für Unterschlagungen genützt, die ihm seine teure Liaison mit einer anspruchsvollen Schauspielerin des Theaters an der Wien finanzierten. Doch an der Spree schlägt seine gelangweilte Gattin zurück und betrügt ihren Mann mit einem vorwiegend auf germanische Götter und soldatische Aufmärsche spezialisierten schlechten Maler.

Auf den Spuren von Herzmanovsky-Orlando

Grundkonstellation und Figurenzeichnung erinnern in ihrer kakanischen Skurrilität an Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Doch die weitere Handlung nimmt rasch Kurs auf das Groteske und Humoreske. Die große Afrika-Konferenz, bei der sich die europäischen Großmächte den Kontinent aufteilen und dabei nicht so recht wissen, was sie von der von Belgien gepushten Internationalen Kongo-Gesellschaft halten sollen, die völkerrechtlichen Souveränitätsstatus anstrebt, darf nicht ohne österreichische Beteiligung über die Bühne gehen. Doch der Botschafter hat Besseres zu tun: Sein alter Schulfreund Franz Liszt hat ihm ein Klavierstück geschrieben, das der Hobbypianist anderntags vor Freunden zur Aufführung bringen will. Die Komposition entpuppt sich als vertrackt schwer. Da hilft in den verbleibenden Stunden nur eines: üben, üben, üben. Strinetzky muss ad hoc einspringen. In Galauniform, aber ohne den blassesten Schimmer, was ihn bei der Botschafterkonferenz erwartet und was Österreichs Verhandlungsposition sein könnte.

Kehlmann hat keine Scheu vor großen Namen, starken Übertreibungen und unwahrscheinlichen Situationen. Gleich beim verspäteten Eintreffen am Konferenzort läuft der mit nur wenig Ambition und Intelligenz ausgestattete k.u.k.-Beamte dem deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck in die Arme. Dieser Mächtigste der Mächtigen, der hier mit seinen zwei riesigen Doggen im Gefolge innerhalb weniger Zeilen ebenfalls zur Karikatur gemacht wird, kann sich auf diesen österreichischen Tölpel, der auf jede Frage mit einem lateinischen Sprüchlein antwortet, keinen Reim machen. Er kommt zum Schluss: Kaiser Franz Joseph hat einen mit allen Wassern gewaschenen Verhandlungsprofi geschickt, dessen Taktik ist, sich dumm zu stellen. Strinetzky gerät völlig unbegründet in den Ruf, besonders gefinkelt zu sein, wird zum Star der Konferenz – und kommt zu einem Geheimtermin beim belgischen König Leopold, der inkognito bei einem jüdischen Bankier in der Nähe abgestiegen ist, um die Konferenz persönlich in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken.

Inspiriert von Volker Schlöndorff

Heute gelte das, was in dem von Leopold II. zur persönlichen Bereicherung errichteten und ausgebeuteten Kongo-Freistaat geschah, als “eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte”, als “Schreckensherrschaft, welche Millionen Menschen das Leben kosten sollte”, schreibt Kehlmann in einer Nachbemerkung. In ihr bedankt er sich bei Volker Schlöndorff, ihn auf die Konferenz aufmerksam gemacht und Quellen und Dokumente zur Verfügung gestellt zu haben – eine Konferenz, an der kein einziger Vertreter aus Afrika teilgenommen habe, was “der eigentliche Kern der Geschichte” sei.

Die einzige aus Afrika stammende Romanfigur, den preußischen Militär August Sabac el Cher, der als Kind in Kairo Prinz Albrecht geschenkt und in der Folge in Deutschland erzogen worden sei, habe er nicht erfunden, so Kehlmann. Er lässt ihm nicht am Verhandlungstisch, sondern als Sekundant eine Rolle spielen. Denn “Afrika” hat noch einen zweiten parallelen Handlungsstrang, der Strinetzky bedeutend mehr zu schaffen macht als das Schicksal eines ganzen Kontinents oder die Großmachtinteressen Österreich-Ungarns.

Duell im Grunewald

In Gestalt eines Ingenieurs Waldbach lässt Kehlmann nämlich den personifizierten Albtraum in Strinetzkys Büro vorsprechen. Im Namen eines von ihm erfundenen Mitarbeiters hatte er sich in Wien immer wieder höhere Summen bar auszahlen lassen. In Berlin steht nun in Träger dieses Namens vor ihm und verlangt Aufklärung. Strinetzky gerät in Panik, versucht die unterschlagene Summe aufzutreiben und lässt sich in einem Lokal auf einen Disput mit einem deutschen Patrioten ein. Resultat ist die Forderung zum Duell, das am übernächsten Morgen im Grunewald ausgetragen werden soll.

Mit einem Mal steht alles auf dem Spiel – und Strinetzky vor dem König der Belgier. Dieser, von Kehlmann als unflätiger, ausfälliger Kretin gezeichnet, schreckt vor üblen Drohungen nicht zurück (“Falls deine Tochter noch keinen echten Mann hatte, ich schick einen. Oder ich lass sie herbringen und mach’s selbst mit ihr.”), möchte sich aber Österreichs Zustimmung zu seinen Plänen erkaufen. Er stellt die bei Deals einzig relevante Frage: “Was willst du?” Und für einen entscheidenden Moment wird der Simpel Strinetzky tatsächlich zum eiskalten Verhandler.

Der große Büffelwilli

Kalt-warm gibt es uns dagegen Kehlmann mit seinem im eisigen Berliner Winter spielenden “Afrika”-Roman. So sehr das Thema fasziniert, so wenig erwärmt man sich für seine Umsetzung. Das karikaturhaft überzeichnete Personal, zu dem auch Buffalo Bill (“der große Büffelwilli”) und der Afrikaforscher Henry Morton Stanley gehören, wirkt schablonenhaft und dem historischen Skandal, den der 51-jährige Erfolgsautor doch anprangern will, unangemessen. Immerhin hat sich Österreich – mit oder ohne Strinetzkys Zutun – wenigstens an dieser Welttragödie tatsächlich nicht beteiligt. “Alle wollen jetzt ein Stück Afrika, aber wir brauchen das nicht.” Gut so.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – Daniel Kehlmann: “Afrika”, Rowohlt, 256 Seiten, 24,70 Euro)

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