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Auf dem 74. Internationalen Filmfestival von San Sebastián wird am Samstag die Goldene Muschel vergeben. Einer der aussichtsreichen Anwärter für den Hauptpreis ist Mike Leighs “Tender Loving Care”. Der britische Altmeister, einer der großen Namen des europäischen Autorenkinos, präsentierte sich in der nordspanischen Küstenstadt mit einem bewegenden wie humorvollen Sozialdrama über eine engagierte Sozialarbeiterin, die sich auch um ihren demenzkranken Vater kümmern muss.
Der 83-jährige Kult-Regisseur, der mit “Secrets & Lies” die Goldene Palme in Cannes gewann und für “Vera Drake” den Goldenen Löwen in Venedig erhielt, leidet an einer Muskelbewegungskrankheit, die ihm das Filmemachen erschwere. “Tender Loving Care” werde “mehr als wahrscheinlich mein letzter Film sein”, sagte Leigh auf einer Pressekonferenz, zu der er sich per Video zuschaltete.
Ein klarer Favorit ist er aber nicht. Gleich mehrere Festivalbeiträge haben sich gut im Rennen um die Goldene Muschel positioniert – unter anderem “El mal padre” des Spaniers Roberto Buesos, der sich in dem Drama mit einem schwierigen Vater-Kinder-Verhältnis und den Folgen emotionaler Abwesenheit beschäftigt.
Viel Aufmerksamkeit für Eisenberg-Film
Für besondere Aufmerksamkeit sorgte in San Sebastián auch “The Debut” von Jesse Eisenberg. Es ist bereits die dritte Regiearbeit des US-Amerikaners, der als Schauspieler in der Rolle des Mark Zuckerberg in “The Social Network” international bekannt wurde. Eisenberg erzählt in seiner Tragikomödie die Geschichte von Mona Friedman, einer unscheinbaren, schüchternen Hausfrau, die sich als Sängerin für ein Musical bewirbt und ihre Rolle nutzt, ihrem angepassten, grauen Leben zu entfliehen. Hollywood-Star Julianne Moore glänzt neben Paul Giamatti in der Rolle der Hausfrau wie selten zuvor und ist eine der großen Muschel-Anwärterinnen für die beste schauspielerische Leistung in diesem urwitzigen, tragischen Film.
Die Jury dürfte auch “7:40 ce matin-là” der französischen Regie-Legende Nicole Garcia und einer überzeugenden Interpretation von Marion Cotillard auf dem Zettel haben. Zu den aussichtsreichsten Produktionen des Wettbewerbs gehört auch die Literaturverfilmung des norwegischen Regisseurs Hans Petter Moland von Knut Hamsuns Klassiker “Growth of the Soil”. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Isak und Inger, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts in der norwegischen Wildnis niederlassen. Es geht um Arbeit, Entbehrung, Sesshaftigkeit und das Verhältnis des Menschen zur Natur.
Zwei Newcomerinnen im Rennen
Zwei Newcomerinnen sind ebenfalls mit großartigen Filmdebüts im Rennen um die Goldene Muschel von San Sebastián, das neben Cannes, Berlin und Venedig zu den international wichtigsten Filmfestivals gehört. Die deutsche Filmemacherin Tony Vahl erzählt in ihrem bildstarken “Krux” von einem Dorf im Nordosten Deutschlands, das aus Angst vor der heranrückenden Roten Armee und unter dem Druck des nationalsozialistischen Fanatismus in einen kollektiven Selbstmord hineingezogen wird. Ein feinfühliges, poetisch-düsteres psychologisches Porträt einer Gesellschaft, in dem Gewalt und Krieg nicht gezeigt, sondern nur angedeutet werden.
Unterdessen begeisterte die japanische Regisseurin Maha Harada in ihrem Erstlingsfilm “In My Father’s Room” mit einer poetischen und atmosphärisch überragenden Erzählweise. Die Museumsangestellte Satomi (Yu Aoi) erhält nach dem Tod ihres entfremdeten Vaters einen Umschlag mit einem Schlüssel. Auf der Suche nach dessen Bedeutung entdeckt sie nach und nach eine bisher unbekannte Seite ihres Vaters, ein zurückgezogener Mann, der Poesie schrieb und sich intensiv mit Kunst, Keramik und Teezeremonien beschäftigte.
Ob Maha Haradas zarte Bilder und die im Film innewohnende japanische Ruhe die Jury unter Vorsitz des US-amerikanischen Regisseurs Ira Sachs überzeugen, wird sich aber erst am Samstagabend zeigen.
(Von Manuel Meyer/APA)
(S E R V I C E – www.sansebastianfestival.com )




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