Von: Sophia Molitor
Meran – Mit einem „Mellanspel“ (Zwischenspiel) des schwedischen Komponisten Wilhelm Stenhammar eröffnet das von Robert Treviño geleitete Baltic Sea Philharmonic – das dieses Programm ohne Noten und stehend spielt – am 22. September sein Gastspiel im Meraner Kursaal. Das Abschlusskonzert der Saison 2026 des südtirol festival meran wird dann mit einer Hommage an den „Klassiker“ Mozart fortgesetzt: In seinen „Variationen über ein Rokokothema“ für Violoncello und Orchester nähert sich Peter Tschaikowsky 1877 idealisierten und stilisierten Klangwelten des 18. Jahrhunderts. In Auftrag gegeben hatte das Stück der Violoncellist Wilhelm Fitzenhagen, der den Solopart – mit dem Einverständnis des Komponisten – überarbeitete. Solistin ist an diesem Abend die 13-jährige Violoncellistin Charlotte Melkonian. Beginn: 20.30 Uhr.
Inspiration und Last: Wenn der „Riese“ Beethoven hinter Johannes Brahms aufmarschiert, gerät der kreative Prozess ins Stocken. Erst 1876, mehr als 20 Jahre nach den ersten Skizzen, vollendet er die Erste Sinfonie, die dieses Konzert abschließt. Eine „Schwergeburt“ also, aber mit Happy End. Im vierten Satz kehrt das Stück, dessen Einflussraum von ungarischen Volkstänzen bis zur barocken Vokalmusik reicht, zur Ursprungstonart C-Dur zurück, wie Beethovens Neunte Sinfonie, die mit einem Freudenhymnus endet. Eine Abenteuerfahrt mit Untiefen – von der Nacht ins Licht.
Charlotte Melkonian wurde 2013 in Deutschland geboren, begann im Alter von vier Jahren Violoncello zu spielen und erhielt ihren ersten Unterricht in der Cello-Akademie Hamburg. Zusätzlich wurde sie am Komitas-Konservatorium in Jerewan in Armenien ausgebildet. Seit 2022 wird sie am Institut für musikalisch Hochbegabte an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover gefördert und ist seit 2023 Jungstudentin an der Universität der Künste Berlin in der Klasse von Professor Jens Peter Maintz.
In zahlreichen Wettbewerben errang sie als Preisträgerin erste Preise, wie etwa den ersten Preis bei Jugend musiziert in den Kategorien Cello Solo und Kammermusik (Duo und Trio), den ersten Preis und den Sonderpreis des Europäischen Freundeskreises Berlin bei der International Young Ludwig Youth Competition, den ersten Preis mit Auszeichnung beim Hamburger Instrumentalwettbewerb, den ersten Preis bei der International Geringas Cello Competition in Klaipéda (Litauen) und den Usedomer Musikpreis 2026. Außerdem wurde sie mit dem Kammermusik-Förderpreis “Note um Note” ausgezeichnet. Charlotte Melkonian ist seit 2024 Stipendiatin der Deutschen Stiftung Musikleben und spielt ein Violoncello von Renault & Chatelain von 1779, eine Leihgabe des Deutschen Musikinstrumentenfonds.
Ohne Notenblätter Musik erleben
Die Baltic Sea Philharmonic musiziert nahezu vollständig ohne Notenblätter. Dadurch entsteht Raum für etwas anderes: Der Atem ersetzt den Taktstock, Bewegung entsteht aus dem Zuhören, und Klang wird zu etwas, das im Kollektiv erlebt und getragen wird. Aus einem breiten Spektrum musikalischer Traditionen und Einflüsse schöpfend, formen die Musikerinnen und Musiker einen gemeinsamen, fokussierten Klang – klar, flexibel und lebendig. Das Usedomer Musikfestival verfolgt seit vielen Jahren die Vision, junge Musikerinnen und Musiker aus dem gesamten Ostseeraum zusammenzubringen, um Vertrauen und Zusammenarbeit zu fördern. Dieser Traum wurde 2007 zuerst durch ein Pilotprojekt unter der Leitung von Robertas Servenikas verwirklicht. 2008 gründete das Festival dann das Baltic Sea Philharmonic mit Kristjan Järvi als Gründungsdirigenten und künstlerischem Leiter.
Von Beginn an lag der Fokus des Orchesters nicht nur auf dem Aufführen von Musik, sondern auch darauf, wie Musik erlernt und weitergegeben wird. Aus diesem Geist heraus entstand 2013 die Baltic Sea Music Education Foundation. Heute ist diese Stiftung ein zentraler Bestandteil der Identität des Orchesters und unterstützt Mentoring-Programme, Schulkonzerte sowie den generationenübergreifenden Austausch im gesamten Ostseeraum.
Der US-amerikanisch-mexikanische Dirigent Robert Treviño wurde 1984 in Fort Worth (Texas, USA) geboren und zählt heute international zu den profiliertesten Talenten der jüngeren Generation. Er ist Erster Gastdirigent des Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai und des Baltic Sea Philharmonic und war von 2017 bis 2025 Chefdirigent des Basque National Orchestra. Von 2019 bis 2021 war er Chefdirigent des Malmö Symphony Orchestra.
Sein Exklusivvertrag mit dem Label Ondine führte zu einem weithin gelobten Zyklus sämtlicher Beethoven-Sinfonien, zwei vielbeachteten Ravel-Alben, einem Album mit Werken von Rautavaara und „Americascapes” – einer Zusammenstellung wenig bekannter amerikanischer Meisterwerke, die von Presto Music als Beste Aufnahme des Jahres 2021 und von Gramophone als Editor’s Choice ausgezeichnet wurde. Mit der Saison 2026/27 übernimmt Robert Treviño die Position als Principal Conductor des George Enescu Philharmonic Orchestra.




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