Von: Matthias Knapp
Bozen – Vor genau 100 Jahren, im Sommer 1926, schuf der Dichter Karl Felderer auf dem Ritten ein musikalisches Denkmal, das bis heute die Herzen der Südtiroler bewegt: das Bozner Bergsteigerlied. Anlässlich dieses besonderen Jubiläums erinnert der Südtiroler Heimatbund (SHB) an die tiefe historische Bedeutung des Liedes und die enge Verbundenheit mit seinem Schöpfer, der im Jahr 1982 zum Ehrenmitglied des SHB ernannt wurde.
„Das Lied mit der weltbekannten Zeile ‚Wohl ist die Welt so groß und weit‘ gilt heute als inoffizielle Hymne Südtirols. Doch seine Entstehungsgeschichte im Jahr 1926 ist untrennbar mit dem dunkelsten Kapitel der Südtiroler Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden – der Hochphase des italienischen Faschismus unter Benito Mussolini“, erklärt SHB-Obmann Roland Lang.
Wer den Text des Bozner Bergsteigerliedes aufmerksam liest, stellt fest: Das Wort „Südtirol“ sucht man darin vergebens. Dies war kein Zufall, sondern eine lebensnotwendige Notwendigkeit, um der harten Zensur der faschistischen Behörden zu entgehen. Im Zuge der rigorosen Italianisierungspolitik war der Name „Südtirol“ (sowie „Deutsch-Südtirol“) strengstens verboten und unter Strafe gestellt. Nicht umsonst steht im Text „mit seinem schweren Leid“.
„Um seine Heimat dennoch zu besingen, bediente sich Karl Felderer einer genialen geografischen Umschreibung. Statt den verbotenen Namen zu nennen, grenzte er die Region durch unverkennbare Fixpunkte ab: vom Ursprung des Flusses Eisack im Norden über die Festung Sigmundskron bis hin zur Salurner Klause, der historischen Sprachgrenze im Süden. Jeder Einheimische wusste sofort und ohne Zweifel, welches Land gemeint war, während der Text für die faschistischen Zensoren wie ein harmloses, unpolitisches Wanderlied über eine schöne Bergregion wirkte“, unterstreicht Lang.
Für den Südtiroler Heimatbund haben das Lied und sein Schöpfer einen ganz besonderen Stellenwert. Am 4. April 1982 wurde Karl Felderer auf der achten Bundesversammlung des SHB in Würdigung seiner Verdienste zum Ehrenmitglied ernannt. Die AVS-Ortsstelle Ritten hat dazu eine historische Schau mit dem Titel „100 Jahre große weite Welt“ am Bahnhofsplatz in Klobenstein organisiert. Sie dokumentiert die Entstehung des Liedes im Sommer 1926 auf dem Ritten und zeigt historische Bilder und Texte aus dem Nachlass von Karl Felderer. Die Schützenkompanie Ritten brachte 1988 beim Gasthaus Weber in Moos lobenswerterweise eine Erinnerungtafel an.
SHB-Obmann Roland Lang betont zum Jubiläum die zeitlose Botschaft des Liedes: „Karl Felderer, der 1978 die Verdienstmedaille des Landes Tirol erhielt, hat mit dem Bozner Bergsteigerlied ein Meisterwerk des friedlichen Widerstands und der gelebten Heimatliebe geschaffen. In einer Zeit, in der unsere Muttersprache, unsere Kultur und selbst der Name unserer Heimat ausgelöscht werden sollten, hat er den Südtirolern eine Stimme gegeben. Dass das Wort ‘Südtirol’ im Text nicht vorkommt, zeigt die ganze Härte der damaligen Diktatur – und gleichzeitig die Klugheit unseres Volkes, das sich seine Identität nicht nehmen ließ.“
„Wenn wir heute, 100 Jahre später, dieses Lied singen, dann tun wir das nicht nur aus Freude an den Bergen, sondern auch in tiefer Dankbarkeit für jene Generationen, die unsere Heimat durch schwerste Zeiten getragen haben. Karl Felderer bleibt durch sein Werk unvergessen. Als Ehrenmitglied des Südtiroler Heimatbundes hat er uns ein Vermächtnis hinterlassen, das wir mit Stolz und Verantwortung in die Zukunft tragen. Das Bozner Bergsteigerlied zeigt uns: Wahre Heimatliebe lässt sich nicht verbieten“, betont Lang.
„Wir rufen dazu auf, dieses Jubiläum zum Anlass zu nehmen, um sich der eigenen Wurzeln und der Geschichte dieses Liedes bewusst zu werden. Es ist mehr als nur Volksgut – es ist ein gesungenes Dokument des Südtiroler Überlebenswillens“, schließt Lang.




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