Jede hat ihr Kreuz zu tragen

“Eternity”: Mit Florentina Holzinger im kalten Ferienlager

Dienstag, 03. November 2026 | 05:02 Uhr

Von: importer

“Es war wie ein kaltes Ferienlager”, sagt Florentina Holzinger. Die Starchoreografin hat sich eine kurze Auszeit von der Biennale in Venedig genommen, um ihren neuen Film “Eternity” von Susanne Regina Meures auf der Viennale zu präsentieren. Nach ihrer ersten Hauptrolle in Kurdwin Ayubs Drama “Mond” versammelt sie darin ihre Frauentruppe mitsamt Musikerin Peaches auf dem Rhone-Gletscher in der Schweiz. Eine großartige Version der Apokalypse.

Gletscher, sagt die Regisseurin, hätten sie “schon immer fasziniert”. Denn: “Sie stehen für Vergangenheit”, seien zugleich “monumental und fragil”. Und sie hätten sie an ihren ersten Holzinger-Abend in Berlin erinnert. Also habe sie diese mit ihrer “Wohnzimmer-Idee” konfrontiert. Sie, so Holzinger, sei damals “mitten im Sancta-Prozess” gestanden – ihre erste Opernpremiere. Nachsatz: “Ich bin immer Fan von schlechten Ideen, daher habe ich mich dafür interessiert”, scherzt Holzinger. Nach dem Screening muss widersprochen werden: Dieses Projekt war eine hervorragende Idee.

Spektakuläre Show im gar nicht ewigen Eis

All die Zutaten einer typischen Holzinger-Show sind vorhanden: wunderbare Choreografien, die unerschrockene Übernahme von Bühnen, Symbolen und männlich dominierten Genres, atemberaubende Stunts, stete Nacktheit, der eine oder andere Haken unter der Haut sowie der spektakuläre Mix aus Tanz, Akrobatik, Geschwindigkeit, Schmerz, Stille, Humor, Hedonismus und Grenzerfahrungen funktionieren. Vor allem auch wegen der klugen Kritik an der Ausbeutung der Natur und der allerletzten Mahnung vor dem ökologischen Kollaps. Der eklektische Sound und die flirrend-organische Kamera steigern das Hör- und Seherlebnis noch.

Hochtouriger Start

Der Sechsakter startet hochtourig: Die nackte Truppe rast in zwei Boliden die serpentinenartige Rennstrecke nach oben. Einige Performerinnen lehnen sich dabei in den Kurven schwindelerregend aus dem Fenster, Motoren heulen auf, Öl tropft aus dem Auspuff. Der Name der Party: “der letzte Sommer”, eventuell sei die Truppe “wegen der Pillen” beeinträchtigt. Diese Frauen haben nichts mehr zu verlieren, sie verkörpern so etwas wie die allerletzte Menschheit.

Die Performerinnen Peaches, Annina Machaz, Fibi Eyewalker, Luna Duran, Xana Novais, Netti Nüganen, Paige A Flasch, Sophie Duncan sowie Holzinger posieren zwischen Gletschersee, Steinen und Felsen mit Selfiesticks in der prallen Bergsonne, liefern sich eine Paintball-Schlacht, beobachten Drohnen, schlagen mit einer Axt aufs Eis, zündeln mit Pyrotechnik oder entern den Gipfel im Hubschrauber mit einem riesigen Kreuz, das sie am alles andere als ewigen Eis befestigen. Die radikale Körperlichkeit bis zur Ekstase, die die Shows der Wienerin seit Jahren auszeichnet, ist auch auf der Leinwand atemberaubend spürbar.

Knappes Budget und andere Sorgen

Der Drehort allerdings existiert heute nicht mehr, denn der Rhone-Gletscher in der Schweiz schmilzt jedes Jahr um rund 50 Meter. Zahlreiche Spalten und Rinnsale zeugen davon. In einer der stärksten Szenen des Films werden diese auf unterschiedliche Art und Weise in Regenbogentönen eingefärbt: “Das sind Farben, die die Fließgeschwindigkeit des Wassers messen”, berichtet die Filmemacherin. Diese seien komplett biologisch abbaubar.

“Der Drehort befindet sich in einem der konservativsten und katholischsten Orte der Schweiz: Ich hatte große Angst, dass uns jemand sieht und dann berichtet”, erzählt die Schweizer Filmemacherin. Die Drehzeit ist mit zehn Tagen äußerst knapp bemessen worden. “Proben war nicht drin”, sagt Meures: “Alles musste jeden Tag ad hoc inszeniert werden, jeder Drehtag war anders.” Holzinger hat das Terrain auf damals noch 2.500 Höhenmetern als “unglaublich” erlebt und blickt nun fast ein wenig “nostalgisch” auf die Dreharbeiten zurück. Auf eine komische Art sei der Film für sie auch eine Art “Trauerfilm”.

“Tsunami-Release”

Im Jänner 2027 steht noch ein Screening im Wiener Stadtkino auf dem Programm. Danach, so Stadtkino-Geschäftsführerin Wiktoria Pelzer, komme es zu einem “Tsunami-Release”. Das heißt: Ein Kinostart für eine Woche. Volle Power voraus – passend zum “Holzinger”-Effekt.

(Von Julia Schafferhofer/APA)

(S E R V I C E – www.viennale.at/de/film/eternity )

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