Von: importer
Der Schriftsteller Navid Kermani (58) kritisiert eine “Verballermannisierung” seiner Wahlheimat Köln. “Viele Jahre lang war es erklärte Politik der Stadtspitze, Köln nicht als Kulturstadt in Szene zu setzen, sondern als Eventstadt”, sagte Kermani der Deutschen Presse-Agentur. “Die Stadt wurde so zur deutschen Party-Metropole.” Die Auswüchse dieser Entwicklung würden in den Massenbesäufnissen zu Karneval besonders offensichtlich.
“Es ist eine Kultur der Hemmungslosigkeit, die sich über den Karneval hinaus ausgebreitet hat”, meinte der Friedenspreisträger, der seiner Wahlheimat jetzt erstmals ein Buch gewidmet hat: “Köln. E Jeföhl”, erschienen im C.H. Beck-Verlag.
Als er in den 80er Jahren zum Studium nach Köln gekommen sei, habe die Stadt international als Kunst- und Kulturmetropole ausgestrahlt, erinnert er sich. “Damals sind wahnsinnig viele Leute wegen der Kultur nach Köln gezogen. Köln war die In-Stadt für Kunst- und Kulturschaffende, für bildende Künstler, Musiker.” Diesen überragenden Status habe die Stadt schon lange eingebüßt.
Archiveinsturz und Operndebakel
Zum Teil habe das einfach damit zu tun, dass nach dem Mauerfall Berlin die Rolle der großen Kulturmetropole übernommen habe, aber zum Teil sei der Niedergang auch hausgemacht. “Denken wir nur an den Einsturz des Stadtarchivs und die Endlos-Sanierung von Oper und Schauspielhaus – so etwas passiert ja nicht im luftleeren Raum, das ist auch das Ergebnis einer langen Vernachlässigung und bindet unglaublich viel Geld, das dann an anderer Stelle fehlt.”
In den letzten Kommunal-Wahlkämpfen habe Kultur überhaupt keine Rolle mehr gespielt. “Das ist für eine Stadt wie Köln, die sich ja gleichsam über Kunst und Kultur definiert, die über so großartige Baudenkmäler verfügt und über eine so reiche kulturelle Infrastruktur, schon ein Armutszeugnis.” Zumal sich die große Begeisterungsfähigkeit der Menschen für kulturelle Angebote erhalten habe.
Das Thema, das den Wahlkampf des vergangenen Jahrs beherrschte, war die Vernachlässigung des öffentlichen Raums. Auch hier sei die Stadtverwaltung mit in der Verantwortung, weil sie ein schlechtes Vorbild abgebe, sagte Kermani. So drohe der Bastei, einem Aussichtsrestaurant im expressionistischen Stil von 1924, der Abriss, weil es komplett baufällig sei.
“Für mich und viele andere ist das eines der schönsten Gebäude der Stadt. Und solche Fälle von absoluter Lieblosigkeit sind natürlich nicht dazu geeignet, die Einwohner dazu anzuhalten, selbst mehr acht auf ihre Umgebung zu geben.”
Mit einem Schritt tausend Jahre in der Zeit zurück
Gleichzeitig bekennt der in Siegen geborene Sohn iranischer Eltern: “Ich liebe Köln – wenn ich Kritik übe, dann nur aus Zuneigung. Ich wüsste keine Stadt in Deutschland, in der ich lieber wohnen würde.” Zum einen schätze er das Alter der Stadt. “Mit einem Schritt überwindet man hier 1.000, 2.000 Jahre, indem man aus der Fußgängerzone in eine romanische Kirche eintritt oder plötzlich vor einer römischen Ruine steht. Und dieses Alter, das gibt der Stadt eine geschichtliche, aber auch spirituelle Tiefe, die mir sehr viel bedeutet.”
Dazu komme – ein Klischee, aber eben auch Realität – dass der hier ansässige Menschenschlag auffallend freundlich und zugewandt sei. “Seit ich in Köln lebe, gehören Diversität und Toleranz zur DNA dieser Stadt. Es ist kein Wunder, dass Köln die erste Stadt in Deutschland war, die den Christopher Street Day etabliert hat. Dass Köln die erste Stadt war, in der es Massendemonstrationen mit Hunderttausenden Menschen gegen Rassismus gab. Und das zeigt sich eben auch im Kleinen. Deshalb sollte die Stadt unbedingt wieder mehr Stolz für das entwickeln, was sie eigentlich ausmacht, ihre Kultur, ihre Geschichte und ihre Toleranz.”
(Von Christoph Driessen/dpa)
(S E R V I C E – “Köln. E Jeföhl” von Navid Kermani, C.H. Beck Verlag, 175 Seiten, 23 Euro)




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