Gedenktafel an Bowies Berliner Wohnung

Vor 50 Jahre begann die Berliner Zeit von David Bowie

Montag, 10. August 2026 | 11:57 Uhr

Von: importer

Es lag an der erhofften Anonymität: David Bowie (1947-2016) hat im August 1976 seinen Lebensmittelpunkt für die folgenden Jahre nach West-Berlin verlegt, in eine Stadt, in der es damals noch viele Ruinen gab und in der in alle Himmelsrichtungen “Osten” war. Vor 50 Jahren begann die als Berliner Zeit titulierte Phase im Leben des legendären Popkünstlers.

Bowie kam in die Mauerstadt auf der Flucht vor diversen Problemen, unter anderem um sich von Drogenmissbrauch zu erholen. Das wirkt heute fast ironisch, denn Berlins Partyszene und Nachtleben ist als drogenaffin bekannt. Auch Mitte der 70er war das schon so. West-Berlin galt als Hauptstadt der Fixer, als eine Stadt des Heroins.

Genau in Bowies Berlin-Jahren etwa spielte sich auch die Drogenjugend von Christiane F. ab: “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”. Erstmals Heroin probierte die Protagonistin des legendären “Stern”-Buchs als 13-Jährige im April 1976 in der Deutschlandhalle – bei einem Bowie-Konzert. Auch in der Verfilmung von 1981 spielt Bowies Live-Auftritt ’76 eine wichtige Rolle.

Bowie war interessiert an Berlins (Kunst-)Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er mochte etwa Bert Brecht und Kurt Weill, die expressionistische Künstlergruppe Brücke oder die autobiografischen Berlin-Storys des britisch-amerikanischen Schriftstellers Christopher Isherwood (“Mr. Norris steigt um”, “Leb wohl, Berlin”), die Grundlage des Filmmusicals “Cabaret” sind. Der Brite war auch Fan von damals aktuellen Entwicklungen der (elektronischen) Musik, von deutschen Bands wie Neu!, Kraftwerk, Tangerine Dream oder der Innovationsfreude von Produzenten und Tontechnikern wie Conny Plank.

Rastlose Zeit Mitte der 70er

Zwischen Sommer 1973 und Sommer 1976 war Bowie geradezu rastlos. Im Sommer ’73 beerdigte er bei einem Konzert in London überraschend seine Kunstfigur Ziggy Stardust, einen androgynen, bisexuellen Alien-Rockstar. Er nahm dann mehrere Alben innerhalb kurzer Zeit auf, etwa “Diamond Dogs” (1974), das in weiten Teilen auf George Orwells Dystopie “1984” basiert, sowie das soulige “Young Americans” (1975), auf dem sich sein erster US-Nummer-eins-Hit “Fame” befindet, der in Zusammenarbeit mit John Lennon entstand.

Zwischen Juni und September ’75 fanden die Dreharbeiten zum Science-Fiction-Film “Der Mann, der vom Himmel fiel” von Nicolas Roeg (“Wenn die Gondeln Trauer tragen”) statt – hauptsächlich in New Mexico. In dem Film mimt Bowie einen Außerirdischen, der sich als Mensch ausgeben muss, um seinen sterbenden Planeten zu retten. Der Film feierte 1976 Premiere auf der damals noch im Juni statt Februar veranstalteten Berlinale.

Zwischendurch produzierte Bowie in Los Angeles aber noch sein Album “Station to Station”. Von Februar bis Mai ’76 absolvierte er eine Tournee mit mehr als 60 Konzerten in Nordamerika und Europa (“Isolar – 1976 Tour”).

WG mit Iggy

Bowie wollte nach diesen stressigen Monaten zur Ruhe kommen. Im Spätsommer ’76 wohnte er ein paar Wochen in der Schwäbischen Straße in Berlin-Schöneberg – bei Edgar Froese von der Band Tangerine Dream. Bowies spätere Bleibe, eine Sieben-Zimmer-Altbauwohnung in der Hauptstraße 155 in Schöneberg, war noch nicht fertig renoviert.

“Edgar und seine Frau haben mir wirklich geholfen, als ich in Berlin lebte”, sagte Bowie im Jahr 2002 in einem “Tagesspiegel”-Interview. “Ich ging damals durch eine schwierige Phase, hatte ungeheure Schmerzen. Und sie haben mich unterstützt, vom Kokain wegzukommen. Ja, die beiden waren sehr lieb zu mir.”

Nach anfänglicher WG-Zeit mit Kumpel Iggy Pop in der Hauptstraße bezog dieser lieber eine eigene Wohnung im selben Haus, es hatte unter anderem Streit ums Essen im Kühlschrank gegeben. An der Fassade des Gebäudes hängt heute eine Gedenktafel, im Erdgeschoss des Hauses befindet sich eine Praxis für Osteopathie und Physiotherapie.

Umtriebig auch in Berlin

So richtig ruhig war auch die Zeit in Berlin nicht. Bowie nahm selbst Platten auf, half aber auch Iggy Pop, unter anderem bei dem Album “Lust for Life” und der Fertigstellung von “The Idiot”. Bowie spielte außerdem Anfang 1978 in Berlin die Hauptrolle im Weimarer-Republik-Gesellschaftspanorama “Schöner Gigolo, armer Gigolo”. Es ist Marlene Dietrichs letzter Film, wobei sich Bowie und die Dietrich nicht begegneten, weil die Dietrich für ihre zwei hoch bezahlten Drehtage Paris nicht verlassen wollte.

Bowie unternahm in seiner Berlin-Zeit Ausflüge zum Wannsee oder ins Brücke-Museum in Berlin-Dahlem am Grunewald. Er ging viel aus, saß etwa im Café “Anderes Ufer” (heute “Neues Ufer”) in der Hauptstraße 157. Er besuchte auch das glamouröse Travestiecabaret “Chez Romy Haag”, Welser-/Ecke Fuggerstraße (wo später lange der jetzt auch geschlossene Schwulenklub “Connection” residierte).

Das Lokal trug den Namen seiner Gründerin, einer in den Niederlanden geborenen Transfrau mit rauchiger Stimme und betörendem Aussehen, die berühmt war für eine genderfluide Gesangsnummer, bei der sie sich am Ende von Shirley Basseys “This Is My Life” dramatisch eine Perücke vom Kopf riss. Bowie ging zu Beginn seiner Berliner Zeit eine intensive Beziehung mit ihr ein.

“Berlin-Trilogie” nicht nur in Berlin aufgenommen

In Bowies Werk ist von der sogenannten Berlin-Trilogie oder den drei “Berliner Alben” die Rede: “Low” (1977), “Heroes” (1977) und “Lodger” (1979), sie zählen zu den wichtigsten Werken seiner Karriere. Nur “Heroes” wurde aber komplett in Berlin aufgenommen. Teile des experimentellen “Low” hingegen entstanden nahe Paris im Château d’Hérouville, bevor Bowie nach Berlin zog. “Lodger” wurde eigentlich komplett in der Schweiz und den USA produziert.

Bowies bevorzugter Arbeitsplatz in Berlin waren Tonstudios in der Köthener Straße in Kreuzberg. Sie befanden sich in unmittelbarer Nähe zum Todesstreifen, im sogenannten Niemandsland des Kalten Krieges, mit Blick auf den untergegangenen früheren Potsdamer Platz: die Hansa Studios, die neben den Abbey Road Studios in London zu den bekanntesten Musikstudios der Popgeschichte gehören.

Bowie lebte an einigen Orten viel länger als in Berlin, aber nie ist beispielsweise von seinen “Schweizer Jahren” die Rede. Berlin von 1976 bis etwa 1979 erscheint dagegen in der Erzählung seiner Biografie oft als Dreh- und Angelpunkt. “Das waren sehr wichtige Jahre”, sagte Bowie 2002 selbst in einem Interview. “Es war in so vieler Hinsicht sehr befreiend für mich, in Berlin zu leben.”

Nach fast zehn Jahren eines zurückgezogenen Lebens in New York feierte Bowie 2013 ein Comeback mit einem Berlin-Song. An seinem 66. Geburtstag tauchte wie aus dem Nichts ein neues Lied mit dazugehörigem Video auf: “Where Are We Now?”

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