Weitere klinische Studien

Creatin gegen Krebs? Forscher entdecken überraschenden Effekt auf Immunzellen

Sonntag, 08. November 2026 | 09:50 Uhr

Von: Lukas Unterkofler

Los Angeles – Creatin gilt vor allem als Klassiker unter Fitness-Supplementen. Jetzt liefern Forschende der University of California, Los Angeles (UCLA), einen unerwarteten neuen Blickwinkel: Creatin könnte auch die Immunzellen stärken, die den Körper im Kampf gegen Tumoren koordinieren.

In einer Studie mit Mäusen und menschlichen Zellen verlangsamte eine Creatin-Gabe das Tumorwachstum bei Melanom-Modellen deutlich. Zugleich stiegen Anzahl und Aktivität bestimmter Immunzellen im Tumor – der dendritischen Zellen.

Was Creatin im Körper macht

Creatin ist eine natürliche organische Säure, die vor allem für die schnelle Energiebereitstellung in Muskeln bekannt ist. Sportler und Bodybuilder nehmen es häufig als Nahrungsergänzungsmittel ein, um Leistung und Muskelaufbau zu unterstützen.

Die UCLA-Forscherinnen und -Forscher fanden nun heraus, dass auch dendritische Zellen Creatin aufnehmen und dafür offenbar stark auf den Stoff angewiesen sind. Diese Zellen fungieren gewissermaßen als „Lotsen“ des Immunsystems: Sie nehmen Bestandteile von Tumoren auf und aktivieren Killer-T-Zellen, die Krebszellen angreifen sollen.

Der entscheidende Mechanismus

In Tumoren haben dendritische Zellen oft wenig Energie und Nährstoffe zur Verfügung. Als Reaktion darauf bilden sie mehr Transportproteine, mit denen sie Creatin aus ihrer Umgebung aufnehmen. Das könnte ihnen helfen, in dieser stressigen Umgebung funktionsfähig zu bleiben.

Als die Forschenden diesen Transporter ausschalteten, verschlechterten sich Überleben, Aktivierung und Funktion der dendritischen Zellen. Die T-Zellen teilten sich weniger und produzierten weniger Botenstoffe, die für eine wirksame Abwehrreaktion gegen Tumoren wichtig sind.

Umgekehrt zeigte eine tägliche Creatin-Gabe in Melanom-Mausmodellen einen deutlichen Effekt: Das Tumorwachstum verlangsamte sich, während mehr dendritische Zellen in den Tumor einwanderten und dort aktiver wurden.

Creatin als „Energiebatterie“

Die Forschenden vergleichen Creatin mit einer molekularen Batterie: Es speichert Energie und gibt sie bei Bedarf wieder ab. In den dendritischen Zellen erhöhte die Supplementierung den intrazellulären ATP-Spiegel – die universelle Energieform der Zelle – und stabilisierte wichtige Entzündungs- und Aktivierungssignale.

Das könnte erklären, warum Creatin den Immunzellen hilft, auch in der konkurrenzreichen Umgebung eines Tumors funktionsfähig zu bleiben. Tumorzellen verbrauchen enorme Mengen an Nährstoffen und Energie; Immunzellen brauchen ihrerseits ausreichend „Treibstoff“, um effektiv zu reagieren.

Auch an menschlichen Zellen getestet

Neben den Mausmodellen untersuchte das Team auch im Labor gezüchtete menschliche dendritische Zellen. Creatin verbesserte deren Aktivierung und stärkte ihre Fähigkeit, T-Zellen gegen ein krebsassoziiertes Zielmolekül zu stimulieren.

Das ist besonders interessant für die Entwicklung dendritischer Zellimpfstoffe. Solche Therapien nutzen dendritische Zellen, um das Immunsystem gezielt auf Tumorantigene vorzubereiten. Creatin könnte künftig helfen, ihre Wirksamkeit bereits bei der Herstellung zu verbessern.

Warum die Studie wichtig ist

Viele zugelassene Krebsimmuntherapien setzen direkt an Killer-T-Zellen an. Doch laut UCLA reagieren nur etwa 20 bis 40 Prozent der Patientinnen und Patienten ausreichend auf solche Behandlungen.

Die neue Forschung zielt deshalb einen Schritt früher an: nicht nur auf die T-Zellen selbst, sondern auf die dendritischen Zellen, die sie ausbilden und aktivieren. Könnte man diese „Kommandozentrale“ des Immunsystems metabolisch stärken, könnten möglicherweise mehr Patientinnen und Patienten von Immuntherapien profitieren.

Was das nicht bedeutet

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse ist von einer Krebsbehandlung mit Creatin noch keine Rede. Die Untersuchung wurde an Mäusen und Laborzellen durchgeführt, nicht an Krebspatienten. Klinische Studien am Menschen stehen noch aus.

Auch die UCLA betont ausdrücklich, dass aus der Studie keine Ernährungs- oder Medikamentenempfehlung abgeleitet werden darf. Wer eine Krebstherapie erhält, sollte vor der Einnahme von Creatin oder anderen Supplementen unbedingt mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin sprechen.

Was nun kommt

Das Forschungsteam um Lili Yang möchte als Nächstes mit Ärztinnen und Ärzten prospektive klinische Studien planen. Geprüft werden soll, ob eine Creatin-Supplementierung die Ergebnisse von Patientinnen und Patienten verbessern kann, die bereits eine Immuntherapie erhalten.

Bis dahin bleibt die Botschaft nüchtern: Creatin ist kein Krebsmittel. Die Studie liefert aber einen faszinierenden Hinweis darauf, wie ein weit verbreitetes Fitness-Supplement eines Tages die Immuntherapie unterstützen könnte.

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen