Von: Sophia Molitor
Augsburg – Die Taube war jahrhundertelang ein vom Menschen geschätztes Nutztier. Doch obwohl wir heute hauptsächlich über Whatsapp und nicht mehr über eine Brieftaube kommunizieren, lebt sie mitten unter uns. Sie wird häufig wie ein lästiges Wildtier behandelt, obwohl ihre Anwesenheit eigentlich erst durch die Zucht des Menschen möglich wurde.
Sie sitzen auf Dächern, brüten unter Brücken und suchen zwischen Straßencafés nach Essensresten. Stadttauben gehören zum Alltag vieler Städte. Doch nur wenige denken darüber nach, warum die Tiere überhaupt in dieser Zahl mitten unter uns leben. Ihre Geschichte reicht Tausende Jahre zurück und beginnt mit der Felsentaube (Columba livia). Ihre ursprünglichen Lebensräume sind felsige Küsten und steile Gebirgslandschaften. Dort findet sie geschützte Nischen zum Brüten und offene Flächen, auf denen sie Nahrung suchen kann. Der Mensch erkannte früh, dass sich die Vögel relativ leicht halten und vermehren lassen. Bereits vor mehreren Tausend Jahren begann er, Tauben zu domestizieren und gezielt zu züchten.
Tauben lieferten Fleisch und Dünger, dienten als Brieftauben der Nachrichtenübermittlung und waren besonders beliebt, weil sie zuverlässig zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrten. Als diese Aufgaben durch die industrielle Landwirtschaft, moderne Kommunikation und veränderte Lebensweisen an Bedeutung verloren, blieben viele Tiere zurück. Aus ehemaligen Haustieren wurden verwilderte Stadtbewohner – ohne dass ihre Lebensbedingungen überall entsprechend berücksichtigt wurden.
Die heutigen Stadttauben stammen überwiegend von domestizierten Tauben ab, die entkommen, ausgesetzt oder freigelassen wurden und sich anschließend selbstständig vermehrten. Städte bieten ihnen Bedingungen, die an ihre ursprüngliche Lebensweise erinnern. Man findet sie deshalb in Gebäudenischen, auf Dachvorsprüngen und unter Brücken.
Dass Tauben in Städten regelmäßig Nahrung finden, bedeutet nicht automatisch, dass sie gut versorgt sind. Ihre natürliche Ernährung besteht vor allem aus Samen und Körnern. Brot, Pommes und andere menschliche Essensreste sind für die Tiere nicht gut geeignet.
Ein wesentlicher Unterschied zu vielen Wildvögeln liegt unter anderem in ihrem Fortpflanzungsverhalten. Anders als viele Vogelarten sind sie nicht strikt auf eine kurze Brutzeit im Frühjahr beschränkt. Häufig ziehen sie mehrere Bruten pro Jahr groß. Das kann dazu führen, dass ihre Bestände wachsen, solange Nahrung und Nistplätze verfügbar sind.
Werden Tauben gefüttert, ohne zugleich ihre Vermehrung zu berücksichtigen, kann sich das Problem langfristig verschärfen. Die Tauben selbst leiden ebenfalls unter schlechten Lebensbedingungen, Krankheiten und dem Mangel an geeigneten Rückzugsorten.
Das heutige Problem liegt im Umgang mit Tieren, deren Lebensraum und Verhalten wesentlich durch den Menschen geprägt wurden. Sie als reine Plage zu betrachten, ist einseitig. Ebenso wenig hilft es, sie wahllos zu füttern und damit ihre Vermehrung weiter zu fördern.
Welche Lösungen gibt es?
Ein Ansatz ist das Modell aus der Stadt Augsburg in Bayern, bei dem betreute Taubenschläge eingerichtet werden. Dort erhalten die Tiere artgerechtes Körnerfutter, Wasser und geeignete Brutplätze. Die gelegten Eier werden regelmäßig gegen künstliche Eier ausgetauscht, um den Nachwuchs zu begrenzen. Gleichzeitig lassen sich die Bestände besser beobachten und die Tiere gezielt versorgen. Da sie einen großen Teil ihrer Zeit im Taubenschlag verbringen können, lässt sich außerdem die Verschmutzung öffentlicher Plätze verringern.
Das Konzept zeigt, dass wir bei vielem nicht einfach wegsehen können, sondern Verantwortung tragen. Der Mensch trägt eine Geschichte mit sich, deren Folgen noch heute zu sehen sind. Umso wichtiger ist es, zu verstehen, wie es dazu gekommen ist, und entsprechend zu handeln. Die Taube ist durch unseren Wandel nicht einfach verschwunden. Sie ist geblieben – und damit auch unsere Verantwortung für einen angemessenen Umgang mit ihr.




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