Von: Sophia Molitor
Was zunächst wie eine Alternative zu den klassischen Strukturen der Arbeitswelt klingt, kann sich bei genauerem Hinsehen als ein Geschäftsmodell erweisen, bei dem hinter der versprochenen Freiheit vor allem viel Arbeit und ständige Selbstvermarktung stecken. Ein Beispiel dafür ist die britische Mutter Nicola Lewis. Ihre Geschichte wird in Medien als Erfolgsgeschichte erzählt: Sie gab ihren Beruf auf, um mehr Zeit für ihren Sohn zu haben, und baute anschließend von zu Hause aus ein eigenes Reisegeschäft auf. Sie organisiert Reisen zu exklusiven Zielen und wirbt zugleich dafür, dass auch andere Frauen sich mit einem solchen Online-Reisegeschäft ein eigenes Einkommen aufbauen.
Ein kurzer, kritischer Blick auf ihren Instagram-Account wirft jedoch die Frage auf, wie viel Freiheit hinter diesem Lebensmodell tatsächlich steckt.
Der zunehmende Druck des Alltags, feste Arbeitsstrukturen und unflexible Arbeitszeiten lassen bei vielen Menschen den Wunsch nach mehr Freiheit und Unabhängigkeit wachsen. Die steigenden Lebenshaltungskosten führen dazu, dass in vielen Familien beide Elternteile auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen sind – und damit auch auf einen Alltag, in dem Zeit für anderes knapp wird. Wer nur für sich selbst verantwortlich ist, kann die wenigen Stunden außerhalb der Arbeit leichter nach den eigenen Bedürfnissen gestalten. Mit Kindern verändert sich diese Rechnung grundlegend.
Gerade in den sozialen Medien finden sich deshalb immer wieder Beiträge von Menschen, die ein freieres und unabhängigeres Leben versprechen: mehr Zeit für die Familie, flexibles Arbeiten von zu Hause und gleichzeitig ein eigenes Einkommen. Was dabei zunächst nach einem Ausweg aus den klassischen Strukturen der Arbeitswelt klingt, verdient jedoch einen genaueren Blick.
In Fall von Lewis basiert ihr Modell nicht allein darauf, Reisen für Kundinnen und Kunden zu organisieren und dafür Provisionen zu erhalten. Ein wesentlicher Bestandteil ist vielmehr der Aufbau eines eigenen Netzwerks: Andere Menschen sollen ebenfalls in das Modell einsteigen, ein eigenes Reisegeschäft aufbauen und wiederum weitere Personen dafür gewinnen. Lewis selbst beschreibt ihre Tätigkeit deshalb inzwischen ausdrücklich auch als Mentoring für Menschen, die ein solches Online-Reisegeschäft aufbauen möchten. Damit rückt ein Aspekt in den Vordergrund, der in den Medienberichten über sie weniger betont wird: Neben der Vermittlung von Reisen geht es offenbar auch darum, andere für dieses Geschäftsmodell zu gewinnen und beim Aufbau eines eigenen Online-Geschäfts zu begleiten. Ihre Einnahmen scheinen dabei wesentlich von einer kontinuierlichen Selbstvermarktung über Instagram abzuhängen.
Ist Freiheit überhaupt rein individuell zu betrachten?
Das Beispiel von Lewis steht dabei stellvertretend für eine Entwicklung, die sich in ähnlicher Form auch in anderen Branchen und zunehmend in den sozialen Medien beobachten lässt. Was als Ausweg aus einem Alltag präsentiert wird, der durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Zwänge als zunehmend einschränkend empfunden wird, führt nicht selten zu einem neuen Modell, bei dem der eigene Weg auch anderen schmackhaft gemacht werden soll. Wer sich bewusst für ein solches Geschäftsmodell entscheidet, mag darin eine Möglichkeit sehen, den eigenen Berufsalltag selbst zu gestalten. Problematisch wird es jedoch dort, wo dieses Modell mit dem Versprechen von Freiheit und Unabhängigkeit verbunden wird.
Denn was bleibt von dieser Freiheit, wenn der eigene Erfolg davon abhängt, andere von genau demselben Weg zu überzeugen?
Beim Blick auf diesen Trend stellt sich daher die Frage, ob Freiheit tatsächlich in der Abgrenzung von einem bestimmten Arbeitsmodell liegt oder eher in der Möglichkeit, eine Tätigkeit zu finden, die den eigenen Fähigkeiten und dem persönlichen Lebensentwurf entspricht. Die Vorstellung, sich von bestehenden Strukturen lösen zu müssen, um frei zu sein, greift dabei möglicherweise zu kurz.
Gleichzeitig zeigen solche Geschichten, wie stark die Verantwortung für ein freieres und selbstbestimmteres Leben auf die individuelle Ebene verlagert wird, obwohl die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle spielen. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit, Einkommen und verfügbarer Lebenszeit bleibt eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Familien nicht nur finanziell abgesichert sind, sondern auch ausreichend Zeit füreinander haben. Angesichts dessen könnte man fast meinen, dass Freiheit nicht nur eine persönliche, sondern immer auch eine politische Frage ist.




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