Hupen, schimpfen, beschleunigen: Was dahintersteckt

Was das Autofahren über uns verrät

Montag, 26. Oktober 2026 | 08:08 Uhr

Von: Sophia Molitor

Bozen – Ungeduld an der Ampel, Aggression im Stau, Selbstüberschätzung auf der Autobahn: Im Straßenverkehr zeigt sich oft mehr als nur unser Fahrstil. Der Südtiroler Psychologe Max Dorfer, ehemaliger Präsident der Südtiroler Psychologenkammer und heute Fachpsychologe im Südtiroler Sanitätsbetrieb, beschäftigt sich mit der Frage, was unser Verhalten am Steuer über uns und unsere Gesellschaft verrät.

Manchmal genügt eine einzige Fahrt, um einen Einblick in die menschliche Psyche zu bekommen. Da ist der Fahrer, der bei Gelb noch schnell über die Kreuzung fährt. Die Person hinter ihm, die sofort hupt, sobald sich der Verkehr nicht schnell genug bewegt. Jemand, der auf der Autobahn beschleunigt, weil er glaubt, dadurch deutlich früher anzukommen. Und jene, die sich über sämtliche anderen Verkehrsteilnehmer aufregen, als wären sie selbst die Einzigen, die sich richtig verhalten. Auf der Straße geht es um Geduld, Selbstkontrolle und den Umgang mit anderen.

Ein typisches Beispiel, das der Psychologe nennt, ist der Umgang mit dem Stau. Kaum stehen die Fahrzeuge still, steigt bei vielen der Ärger. Es wird gehupt, geschimpft und nach einer Möglichkeit gesucht, irgendwie schneller voranzukommen. Dabei lässt sich die Situation häufig nicht beeinflussen.

Besonders interessant ist der Umgang mit den anderen Verkehrsteilnehmern. Wer mit dem Auto unterwegs ist, ärgert sich über Radfahrer. Wer Rad fährt, ärgert sich über Autofahrer. Und beide können sich über Fußgänger aufregen. Am Ende wird womöglich noch die Gemeinde für die Straßenführung verantwortlich gemacht.

Dorfer weist darauf hin, dass solche Konflikte keineswegs neu sind. Schon Berichte aus dem frühen 20. Jahrhundert schildern aggressive Auseinandersetzungen zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern. Das Problem lässt sich daher nicht allein auf moderne Technik oder die heutige Verkehrsdichte zurückführen, sondern auch auf das menschliche Verhalten.

Wer hupt, weil ein Lastwagen beim Ausfahren aus einer Baustelle länger braucht, denkt möglicherweise nur an die eigene Verzögerung. Dass der Fahrer des Lastwagens gerade versucht, eine schwierige Situation zu bewältigen, wird schnell vergessen. Dorfer erzählt von einer solchen Begebenheit aus Terlan: Er hielt an, um einem Lastwagen das Ausfahren aus einer Baustelle zu ermöglichen. Der Fahrer hinter ihm reagierte prompt mit Hupen. Kurz darauf standen alle gemeinsam an einer Ampel.

„Frauen am Steuer sind eine Gefahr“ – dieser Spruch hält sich ebenfalls hartnäckig. Dorfer hält ihn für ein Relikt aus einer Zeit, in der Frauen deutlich seltener selbst Auto fuhren und dadurch weniger Fahrpraxis sammeln konnten. Heute seien die Unterschiede nicht mehr in dieser Weise zu erklären. Das Klischee habe seine Grundlage weitgehend verloren.

Wer am Steuer sitzt, nimmt auch seine Persönlichkeit mit

Autofahren bedeutet, Entscheidungen zu treffen, auf Unvorhergesehenes zu reagieren und die eigenen Bewegungen mit denen anderer abzustimmen. Man muss die Kontrolle über sich selbst behalten, wissend, dass alles, was außerhalb von uns ist, nicht mehr unter unserer Kontrolle ist. Eine Fähigkeit, die auch außerhalb des Autos wichtig wäre.

Das gegenseitige Hupen, Schimpfen und Beschuldigen zeigt somit, wie schnell wir die Verantwortung bei anderen suchen, statt das eigene Verhalten zu hinterfragen. Beim Autofahren, aber auch im Leben.

Bezirk: Bozen

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