Südtirol im Testlauf

Die Weidezäune für Kühe werden virtuell

Donnerstag, 01. Oktober 2026 | 10:09 Uhr

Von: Sophia Molitor

Bozen – Kühe grasen auf einer Weide, die keinen sichtbaren Zaun hat. Stattdessen begrenzt ein digitales System den Bewegungsraum der Tiere. Diese sogenannte „Virtual Fencing“-Technologie wird nun erstmals auch in Südtirol wissenschaftlich erprobt. Das Versuchszentrum Laimburg beteiligt sich am europäischen Forschungsprojekt „SAGE“, das untersucht, wie digitale Weidetechnologien, Weidehaltung und erneuerbare Energie miteinander verbunden werden können.

Das auf drei Jahre angelegte Projekt ist 2026 gestartet. Insgesamt sind zehn internationale Partner beteiligt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Weidehaltung angesichts des Klimawandels, des steigenden Arbeitsaufwands, des zunehmenden Flächendrucks und des Ausbaus erneuerbarer Energien zukunftsfähiger gestaltet werden kann.

Für die Südtiroler Versuche spielt dabei das sogenannte Virtual Fencing eine zentrale Rolle. Die Tiere tragen Halsbänder mit GPS-Technologie. Über diese lässt sich eine virtuelle Grenze festlegen, ohne dass dafür ein physischer Zaun errichtet werden muss. Nähert sich eine Kuh der festgelegten Grenze, gibt das Halsband zunächst ein akustisches Signal ab. Überschreitet das Tier die Grenze dennoch, folgt ein kurzer elektrischer Impuls. Dieser ist laut Projektbeschreibung schwächer als bei herkömmlichen Elektrozäunen.

Erster Versuch mit 15 Kühen

Getestet wird das System am Versuchsbetrieb Mair am Hof in Dietenheim, der von der Agentur Landesdomäne betrieben wird. Rund 15 Milchkühe der Rasse Tiroler Grauvieh nehmen an dem Versuch teil. Die Beobachtungen sollen über die gesamte Weideperiode und auch in den kommenden Jahren fortgeführt werden.

Die Forschenden untersuchen dabei unter anderem, wie die Tiere auf die virtuellen Grenzen reagieren und wie zuverlässig sie sich damit auf der vorgesehenen Fläche halten lassen. Die GPS-Halsbänder liefern zudem Daten über Bewegungsmuster, Aufenthaltsorte und Ruhezeiten der Tiere. Diese Informationen können auch Hinweise auf Veränderungen im Verhalten und damit möglicherweise auf die Gesundheit der Tiere geben.

Neben dem Verhalten der Kühe werden auch technische Aspekte untersucht. Dazu zählen unter anderem die Batterieleistung und die Genauigkeit der GPS-Ortung sowie die Frage, wie praktikabel das System im landwirtschaftlichen Alltag ist.

„Unser Ziel ist es, mehr landwirtschaftlichen Betrieben zu erleichtern, ihre Tiere auf die Weide zu schicken“, erklärt Giovanni Peratoner, Leiter des Fachbereichs Berglandwirtschaft am Versuchszentrum Laimburg. Mit Virtual Fencing solle untersucht werden, „wie gut sich die Kühe damit lenken lassen“ und wie sie auf die digitalen Grenzen reagieren.

Auch am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie in Dummerstorf bei Rostock, das das Projekt koordiniert, wird die Technologie erprobt. Dort soll Virtual Fencing künftig auch bei Schafen zum Einsatz kommen.

Weidehaltung und Photovoltaik

Virtual Fencing ist allerdings nur ein Teil des Projekts. „SAGE“ beschäftigt sich auch mit der Verbindung von Weidehaltung und Agri-Photovoltaik. Dabei werden Photovoltaikanlagen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen errichtet. Die Anlagen können Strom erzeugen und zugleich Schatten spenden, was für Weidetiere insbesondere während Hitzeperioden von Bedeutung sein kann.

Die Kombination könnte zudem neue Möglichkeiten für die Bewirtschaftung solcher Flächen schaffen. Mit virtuellen Grenzen ließen sich etwa sensible Bereiche wie geschützte Pflanzenbestände, Gebäude oder Baumgruppen gezielt von der Beweidung ausnehmen.

Die Untersuchungen zu den Agri-Photovoltaikanlagen selbst finden nicht in Südtirol statt. Das Versuchszentrum Laimburg beteiligt sich jedoch mit seiner Expertise in der Grünlandforschung. Unter anderem werden Futterproben von Versuchsflächen aus mehreren europäischen Ländern analysiert, um mögliche Auswirkungen der Photovoltaikanlagen auf Futterertrag und -qualität zu untersuchen.

Darüber hinaus befragt das Forschungsteam verschiedene Interessengruppen zu Erwartungen, Fragen und möglichen Bedenken gegenüber der Kombination von Landwirtschaft und Photovoltaik. Dabei sollen auch Fragen der Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz untersucht werden.

Das Projekt „SAGE“ steht für „Sustainable Agrivoltaic Grazing Ecosystem“ und wird im Rahmen der von der Europäischen Kommission kofinanzierten Partnerschaft AGROECOLOGY durchgeführt. Gefördert wird es auch von der Autonomen Provinz Bozen. Untersucht werden sollen die ökologischen, tiergesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Verbindung von Agri-Photovoltaik und Weidehaltung.

Bezirk: Bozen

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