Von: Redaktion Südtirol News
Bozen – Frauen haben im Arbeitsleben noch nicht überall dieselben Chancen wie Männer – etwa bei beruflicher Entwicklung, Vereinbarkeit, Führungspositionen und Entlohnung. Wie Unternehmen Chancengleichheit konkret fördern können und welche Rolle dabei die Zertifizierung der Geschlechtergleichstellung und die Entgelttransparenz spielen, stand im Mittelpunkt der Tagung „Gleichstellung in der Arbeitswelt – Zertifizierung und Entgelttransparenz: Chancen für Unternehmen” in der Handelskammer Bozen. Die gemeinsame Veranstaltung von Gleichstellungsrätin Brigitte Hofer und der Handelskammer Bozen am heutigen 1. Oktober verband Informationen zur Zertifizierung und zur Entgelttransparenz mit Erfahrungen bereits zertifizierter Südtiroler Unternehmen. Zugleich wurde deutlich gemacht, dass Gleichstellung nicht nur eine gesellschaftliche Aufgabe ist, sondern für Unternehmen selbst einen Mehrwert bieten kann – bei der Gewinnung und Bindung von Fachkräften, der Unternehmenskultur und der Gestaltung fairer, transparenter Arbeitsbedingungen.
In den Grußworten betonten mehrere Vertreter:innen aus Politik und Wirtschaft die Bedeutung des Themas. Handelskammerpräsident Michl Ebner hob den wirtschaftlichen Aspekt hervor: „Chancengleichheit stärkt die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Gerade im Wettbewerb um Fachkräfte wird sie zunehmend zu einem wichtigen Erfolgsfaktor.” Arbeitslandesrätin Magdalena Amhof ergänzte: „Arbeitsmodelle und Unternehmensstrukturen müssen unterschiedliche Lebensphasen berücksichtigen, ohne dass daraus berufliche Nachteile entstehen.” Die Nationale Gleichstellungsrätin Filomena D’Antini verwies auf die Bedeutung konkreter Instrumente: „Zertifizierung und Entgelttransparenz helfen dabei, Ungleichheiten sichtbar zu machen und strukturell anzugehen.” In seiner Grußbotschaft betonte Landtagspräsident Angelo Gennaccaro die gesellschaftliche Dimension: „Gleiche Chancen im Arbeitsleben sind eine wesentliche Voraussetzung für tatsächliche gesellschaftliche Gleichstellung.” Landeshauptmann und Landesrat für Chancengleichheit Arno Kompatscher erklärte: „Südtirol braucht das Potenzial aller Menschen. Unternehmen, die Gleichstellung fördern, stärken damit auch ihre eigene Zukunftsfähigkeit.” Gerade Betreuungspflichten dürften nicht dazu führen, dass berufliche Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt werden.
Gleichstellungsrätin Brigitte Hofer stellte anschließend Voraussetzungen und Ablauf der Zertifizierung der Geschlechtergleichstellung vor. Viele Unternehmen würden bereits einzelne Maßnahmen umsetzen – etwa im Bereich Vereinbarkeit, Personalentwicklung oder flexible Arbeitszeiten. Die Zertifizierung ermögliche es jedoch, die verschiedenen Bereiche eines Unternehmens gemeinsam zu betrachten und zu überprüfen, ob Frauen und Männer tatsächlich dieselben Chancen haben: „Die Zertifizierung hilft Unternehmen, ihre Strukturen genau daraufhin zu überprüfen und Chancengleichheit systematisch zu verankern”, so Hofer. Die Zertifizierung sei dabei kein Selbstzweck – Geschlechtergleichstellung könne auch ohne Zertifikat umgesetzt werden –, biete Unternehmen aber einen strukturierten Rahmen, um bestehende Maßnahmen zu überprüfen, Entwicklungen sichtbar zu machen und konkrete Ziele festzulegen.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigten vier bereits zertifizierte Südtiroler Unternehmen aus sehr unterschiedlichen Branchen: FC Südtirol, Raiffeisen Landesbank Südtirol, Markas und Rothoblaas berichteten über ihre Beweggründe, ihre Erfahrungen im Zertifizierungsprozess und den Nutzen für den betrieblichen Alltag. Gerade diese Vielfalt zeigte, dass Gleichstellung und Zertifizierung nicht auf einen bestimmten Wirtschaftszweig beschränkt sind, und sollte auch jene Südtiroler Unternehmen ansprechen und ermutigen, die sich bislang noch nicht für eine Zertifizierung entschieden haben.
Zweiter Schwerpunkt der Veranstaltung war die Entgelttransparenz. Luca Filippi, Vizegeneralsekretär der Handelskammer Bozen, zeigte auf, wie aus der gesetzlichen Pflicht ein Wettbewerbsvorteil für Unternehmen entstehen kann. Matteo Borzaga, Gleichstellungsrat der Autonomen Provinz Trient, beleuchtete die neue Rolle der Gleichstellungsrätinnen und -räte im veränderten Rechtsrahmen. Transparente Entlohnungsstrukturen sind eine wesentliche Voraussetzung für faire Chancen: Wenn Kriterien für Gehalt, Einstufung und berufliche Entwicklung nachvollziehbar sind, können ungerechtfertigte Unterschiede leichter erkannt und korrigiert werden – gerade für Frauen von Bedeutung, da Einkommensunterschiede langfristig auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Pension betreffen. Auch Johanna Santa Falser, Vizepräsidentin der Handelskammer Bozen, und Nadia Mazzardis, Vizepräsidentin des Landesbeirates für Chancengleichheit für Frauen, unterstrichen in ihren Statements, wie wichtig es ist, Chancengleichheit stärker in der Arbeitswelt zu verankern und Unternehmen bei der konkreten Umsetzung zu unterstützen.
Zertifizierung und Entgelttransparenz ergänzen sich damit als zwei Instrumente für mehr Chancengleichheit – die Zertifizierung als freiwilliges Angebot, das die Strukturen des gesamten Unternehmens in den Blick nimmt, die Entgelttransparenz als gesetzliche Pflicht, die dafür sorgt, dass faire Bezahlung nachvollziehbar und überprüfbar wird. „Ziel muss es sein, noch mehr Südtiroler Unternehmen für diese Themen zu gewinnen”, so Hofer abschließend. „Chancengleichheit von Frauen, faire berufliche Entwicklung und transparente Entlohnung sind eine Frage der Gerechtigkeit – und zunehmend auch eine Voraussetzung für zukunftsfähige Unternehmen.”




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