Von: Matthias Knapp
Bozen – Die demografische Entwicklung und die Veränderungen der Arbeitswelt gefährden zunehmend die Angemessenheit der Renten für künftige Generationen – insbesondere für Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, Teilzeitarbeit oder schlecht bezahlten Berufen. Deshalb werden neben der staatlichen Rente die Zusatzvorsorge und ein besseres Verständnis ihrer Funktionsweise durch die Beschäftigten zu zentralen Instrumenten, um Altersarmut vorzubeugen. Flankierend unterstützt das Land Südtirol die Bürgerinnen und Bürger mit gezielten Maßnahmen.
„Rente 2050: Reicht das noch“? So der Titel des elften Webinars der Reihe „AFI im Dialog“, stattgefunden letzten Freitag. Mehr als 60 Personen nahmen daran teil, und verschiedene Fachleute tauschten ihre Einschätzungen aus.
Demografische Krise und beitragsbezogenes Rentensystem
Nach dem Crash von Lehman Brothers (2008) und der Staatsschuldenkrise, die darauffolgte, hat die Rentenreform von 2011 die Rentenhöhe eng an das demografische Gleichgewicht gekoppelt. Dadurch reagiert das beitragsbezogene System empfindlich auf Veränderungen der Bevölkerungsstruktur. Wie Prognosen des Landesinstituts für Statistik ASTAT untermauern, betrifft die demografische Entwicklung Südtirol und Italien insgesamt in erheblichem Ausmaß: Zwischen 2025 und 2043 wird der Abhängigkeitskoeffizient älterer Menschen – also das Verhältnis der Bevölkerung ab 65 Jahren zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, bezogen auf 100 Personen – von 33,8 im Jahr 2025 auf 48,7 im Jahr 2043 ansteigen. Damit werden auch die Netto-Ersatzquoten (Verhältnis zwischen dem letzten Einkommen und der ersten Rente) sinken. Wie der von der AFI-Forscherin Martina Cunial entwickelte Rentensimulator zeigt, können bereits wenige Jahre Erwerbsunterbrechung die Rentenhöhe zusätzlich deutlich verringern. Diese Entwicklung dürfte die Rentenausgaben Italiens weiter belasten, die mit 16,1 Prozent des BIP bereits zu den höchsten im OECD-Raum zählen. Um diesen Schock abzufedern, muss vor allem am Arbeitsmarkt angesetzt werden: durch eine höhere Erwerbsbeteiligung, eine höhere Produktivität, gezielte Zuwanderung und bessere Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, damit die Geburtenrate wieder steigt.
Gut informiert, um böse Überraschungen zu vermeiden
Durchgehende Erwerbsbiografien und Vollzeitarbeit führen zu angemessenen Renten. Wer hingegen sai-sonal oder in Teilzeit gearbeitet hat, muss mit deutlich niedrigeren Beträgen rechnen. Darauf weist Luisa Gnecchi hin, ehemalige Landesrätin für Arbeit und heute Mitglied des nationalen Verwaltungsrats des NISF/INPS. Sie erläutert, dass die Berechnung der Rentenbeiträge auf der gesamten Erwerbsbiografie beruht. Eine Standardlösung gebe es in solchen Fällen nicht: „Jeder Mensch hat eine eigene Situation“, sagt Gnecchi. Es brauche daher „eine maßgeschneiderte Beratung, um zu verstehen, wie das System funktioniert“. Rentenmäßig besonders benachteiligt werden weiterhin Frauen sein: durch kürzere Erwerbsbiografien wegen der Betreuung von Kindern oder Angehörigen, häufig unfreiwillige Teilzeitarbeit, schlechter bezahlte Berufe und fiktive Beitragszeiten, die diese Benachteiligungsfaktoren nicht immer kompensieren können.
Eine zweite Säule der Altersvorsorge aufbauen
Die staatliche Rente durch eine kapitalgedeckte Zusatzvorsorge zu ergänzen, ist heute eine grundlegende Entscheidung. Darauf weist Matteo Caracristi, Leiter des Bereichs Welfare Management bei Pensplan, hin. Wer seine Abfertigung in einen Zusatzrentenfonds einzahlt, kann sowohl steuerliche Vorteile als auch einen Arbeitgeberbeitrag geltend machen und so ein wirksames Instrument gegen das Risiko von Altersarmut aufbauen. Der Beitritt allein reicht jedoch nicht: Beschäftigte müssen verstehen, wie ein Rentenfonds funktioniert und warum es sich lohnt, einen solchen zu eröffnen. Andernfalls, warnt Caracristi, führe die Komplexität des Themas dazu, dass viele „sich dafür entscheiden, keine Entscheidung zu treffen“. Um diesem Dilemma entgegenzuwirken, bietet Pensplan seit 2023 Finanzbildungskurse an Schulen an. Ergänzt werden sie durch die 152 Pensplan-Infopoints, die in der gesamten Region tätig sind.
Was unternimmt die öffentliche Hand?
Wie Eugenio Bizzotto, Direktor der ASWE (Agentur für soziale und wirtschaftliche Entwicklung), erläuterte, unterstützen Staat, Region und Land die Menschen mit einem gezielten Maßnahmenpaket über den gesamten Verlauf ihres Erwerbs- und Vorsorgebiografie hinweg. Um die Kontinuität der Beitragszeiten zu fördern, hat die Region eine Rentenabsicherung für Zeiten der Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen eingeführt. Darüber hinaus hat das Land für über 65-Jährige mit einem ISEE-Wert von weniger als 20.000 € jährlich und einem monatlichen Bruttorenteneinkommen von weniger als 1.000 € eine Unterstützungsleistung eingerichtet, welche den Differenzbetrag integriert. Dieses Bündel an Maßnahmen ist laut Bizzotto „darauf ausgerichtet, die Kontinuität der Rentenansprüche zu gewährleisten und das Risiko von Beitragslücken zu verringern, ohne dabei eine Gruppe von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern auszuschließen“.
Erst kürzlich hat der Staat zudem wichtige Anreize für die ergänzende Altersvorsorge eingeführt, um den Abschluss von Pensionsfonds für Neugeborene zu fördern.
In der anschließenden Diskussion unter den Webinar-Teilnehmenden kamen weitere interessante Aspekte zur Sprache. Besonders betont wurde, dass die künftige Rentenhöhe unmittelbar von der Erwerbsbiografie abhängt. Deshalb sei es notwendig, Schwarzarbeit zu vermeiden und Steuerhinterziehung konsequent zu bekämpfen. So können die regulär geleisteten Beitragszahlungen erhöht und zusätzliche Steuereinnahmen generiert werden, damit öffentliche Mittel nicht dafür eingesetzt werden müssen, fehlende Rentenansprüche von Menschen auszugleichen, die irregulär beschäftigt waren.




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