Rumäniens einziges AKW Cernavodă steht still

Rumäniens Wirtschaft kämpft mit steigenden Strompreisen

Sonntag, 27. September 2026 | 06:06 Uhr

Von: importer

Rumäniens einziges Atomkraftwerk steht seit August still, das Land deckt seinen Strombedarf seither mit zusätzlichen Importen. Die Folgen für die Wirtschaft könnten erst jetzt richtig spürbar werden: Die Energiepreise sind bereits höher als vor einigen Monaten und könnten noch weiter steigen.

Die Reaktoren des Atomkraftwerks Cernavodă wurden im August aufgrund von hitze- und dürrebedingtem Niedrigwasser vorübergehend heruntergefahren und seither nicht wieder in Betrieb genommen. Rumäniens einziges Atomkraftwerk hatte davor rund ein Fünftel des nationalen Strombedarfs gedeckt. Seither importiert das Land deswegen zusätzlichen Strom aus Bulgarien und der Ukraine. Mit Ausfällen bei der Stromversorgung ist nach Einschätzung nationaler Expertinnen und Experten auch weiterhin nicht zu rechnen. Spüren wird man die Abschaltung des Kraftwerks viel eher durch hohe Energiekosten, vermutet Mihnea Cătuți, Geschäftsführer des rumänischen Energie-Thinktanks EPG.

Ankündigungen gab es diesbezüglich bereits vom größten Stromerzeuger des Landes, Hidroelectrica. Ab Oktober soll es Preiserhöhungen von rund 13 Prozent bei Anschlussverträgen geben. Laut Cătuți gibt es momentan einen Aufwärtsdruck auf die Strompreise für Endverbraucher, auswirken werde es sich allerdings dann auf die Großhandelspreise in der abendlichen Verbrauchsspitzenzeit. Private Haushalte werde die Energiekrise nicht so massiv treffen, wie die Industrie: “Für sie wird ein Preisanstieg problematischer, weil sie im europäischen Vergleich bereits zuvor sehr viel mehr für Strom gezahlt haben”, erklärt der Energieexperte. Das liege an fiskalpolitischen Entscheidungen der Vergangenheit: Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern zahlen Haushalte und Industrie in Rumänien einen recht ähnlichen Preis pro Kilowattstunde. Zum Beispiel in Österreich zahlt die Industrie weniger für Energie als Haushalte.

Geringe Elektrifizierung

Ein Anstieg der Energiekosten könnte nicht nur die internationale Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen, sondern auch ausländische Unternehmen ihren Standort in Rumänien überdenken lassen. Zu den größten Niederlassungen gehören die Autobauer Ford und Renault/Dacia. Die zu erwartenden Mehrkosten könnten für sie zum Problem werden, mehr Sorgen macht sich Cătuți allerdings um den Rest des hiesigen Automobilsektors: “Die Komponentenfertigung ist weit weniger flexibel als diese riesigen Autokonzerne. Besonders Unternehmen, die in Lieferketten für Verbrennungsmotoren eingebunden sind, werden künftig stark unter Druck geraten”, vermutet der Thinktank-CEO.

Das sei nicht nur eine Kostenfrage, sondern auch eine der Elektrifizierungsrate im Land. Eine verhältnismäßig geringe Stromproduktion war bereits vor der Energiekrise ein Thema: Rumänien gehörte in der EU zu den am geringsten elektrifizierten Wirtschaften. Das betrifft insbesondere den Verkehrs- und Heizsektor. Das ist auch eine Herausforderung für Rumänien als großen Hersteller von Getrieben und Antriebssystemen für Verbrennermotoren. Die zunehmende Verlagerung der Automobilproduktion auf Elektrofahrzeuge gefährdet laut Cătuți diesen Bereich stark: “Derzeit gibt es keine Absicht von diesem Geschäftsmodell abzukehren”.

Rückkehr zur Kohlekraft

Die niedrige Elektrifizierungsrate im europäischen Vergleich lasse sich zudem damit erklären, dass das derzeitige System nicht förderlich für die Elektrifizierung sei, sagt Cătuți. Das liege an finanzpolitischen Entscheidungen bei der Energiepreisgestaltung: “Strom kostet in Rumänien für Haushalte etwa fünfmal so viel wie die gleiche Energiemenge in Form von Gas.” Zwar ist eine Wärmepumpe etwa viermal so effizient wie eine Gasheizung, doch gleicht das den hohen Strompreis nicht aus. Auf Strom umzusteigen, wäre für Verbraucherinnen und Verbraucher demnach trotzdem teurer.

Viel diskutiert wird seit der AKW-Abschaltung zudem wieder mehr auf Kohlekraft zu setzen. Die rumänische Regierung kündigte seitdem an, den Betrieb der Braunkohlekraftwerke in Turceni und Craiova vorübergehend zu verlängern, berichteten mehrere rumänische Medien. Geplant war für diesen August eigentlich deren Stilllegung, um einen Kohleausstieg bis spätestens 2030 zu ermöglichen. Wird dieses Ziel nicht erreicht, könnte das auch Konsequenzen hinsichtlich EU-Förderungen haben.

(Das Gespräch führte Katharina Nieschalk/APA).

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