Von: Matthias Knapp
Bozen – Der Strompreis für die rund drei Millionen Haushaltskunden in Italien und Südtirol, die als besonders schutzbedürftig gelten und weiterhin im Geschützten Markt versorgt werden, steigt ab Oktober 2026 um 37,3 Prozent gegenüber dem dritten Quartal. Der von ARERA festgelegte Preis erreicht damit 43,43 Cent pro Kilowattstunde. Auf Jahresbasis bedeutet die Erhöhung für einen typischen Haushalt laut ARERA rund 236 Euro Mehrkosten. Für den Verbraucherschutzverein Robin ist dieser Preissprung ein Alarmsignal.
Gerade jene Haushalte, die besonderen Schutz benötigen, würden mit einer massiven Erhöhung konfrontiert. Gleichzeitig finden sich am freien Markt deutlich günstigere Fixpreisangebote. „Wenn ausgerechnet die Schwächsten bei einem Preissprung von 37 Prozent mit über 43 Cent pro Kilowattstunde konfrontiert werden, dann muss die Politik erklären, wie dieser Markt eigentlich funktionieren soll. Die Verbraucher hören seit Jahren vom Wettbewerb – jetzt sehen sie vor allem die Rechnung“, sagt der ehrenamtliche Geschäftsführer von Robin, Walther Andreaus.
Strom wird teuer – aber niemand erklärt den Mechanismus
ARERA begründet die Erhöhung vor allem mit den gestiegenen Beschaffungskosten und den Erwartungen für die Großhandelspreise. Maßgeblich ist dabei die Entwicklung des italienischen Stromgroßhandels und insbesondere des PUN Index GME, des vom „Gestore dei Mercati Energetici“ berechneten Referenzindex für den italienischen Strommarkt.
Die aktuelle Entwicklung zeigt, wie stark die Preise schwanken: Der PUN Index GME lag im August 2026 im Monatsmittel bei rund 18 Cent/kWh. Im September wurden an einzelnen Tagen bereits Werte von über 22 Cent/kWh registriert. Zu diesen werden Netzverluste von zehn Prozent dazugerechnet.
„Warum müssen Haushalte Preisbewegungen des Großhandelsmarktes unmittelbar und in dieser Größenordnung tragen – und welche Mechanismen verhindern eigentlich spekulative Übertreibungen?“, fragt Andreaus.
Politik, Aufsichtsbehörden und Wirtschaftswissenschaft müssten diese Zusammenhänge endlich verständlich erklären. Stattdessen herrsche bei den Verantwortlichen weitgehend Schweigen.
Die Schwächsten vor paradoxer Situation
Besonders bemerkenswert sei die derzeitige Situation der vulnerablen Kunden, warnt Robin: „Einerseits existiert der Geschützte Markt gerade deshalb, um besonders schutzbedürftige Verbraucher abzusichern. Andererseits führt die aktuelle Preisentwicklung zu einem Tarif von 43,43 Cent/kWh.“
Gleichzeitig würden auf dem freien Markt Fixpreisangebote angeboten, die – abhängig von Verbrauch, Vertragsbedingungen und den übrigen Bestandteilen der Stromrechnung – deutlich darunter liegen können. In Südtirol waren zuletzt für Durchschnittsverbraucher beispielsweise Fixangebote mit einem Energiepreis von rund 10,5 Cent/kWh verfügbar; inklusive weiterer Rechnungskomponenten ergibt sich daraus laut Tarifrechner ein Endpreis von 27,5 Cent/kWh.
Damit entsteht laut Robin für viele vulnerable Verbraucher eine ungewöhnliche Situation: Der geschützte Tarif kann derzeit deutlich teurer sein als verfügbare Angebote des freien Marktes.
Robin fordert deshalb eine klare und verständliche Information der Verbraucher darüber, welche Möglichkeiten bestehen und welche Konsequenzen ein Wechsel hat.
Südtirol: Wasserkraft vor der Haustür, aber Preisbildung aus Rom und Europa
Die aktuelle Entwicklung betrifft auch Südtirol unmittelbar, wie Robin erklärt: „Südtirol verfügt über erhebliche Wasserkraftressourcen und produziert das doppelte des Verbrauchs. Gleichzeitig orientieren sich die Strompreise der Verbraucher wesentlich an den übergeordneten italienischen und europäischen Marktmechanismen.“
Bereits die internationale Preisbetrachtung zeige die Dimension des Problems. Eine am 31. August 2026 veröffentlichte Analyse von Verivox auf Basis von Global Petrol Prices weist für das zweite Quartal 2026 einen Haushaltsstrompreis von 34,5 Cent/kWh für Italien aus. Deutschland lag bei 35,6 Cent, Frankreich bei 23,3 Cent, die USA bei 18,3 Cent und China bei 6,7 Cent. Der Durchschnitt der G20-Staaten lag bei rund 16,3 Cent/kWh.
„Italien gehört damit zu den teuersten Stromstandorten unter den großen Volkswirtschaften“, so Robin.
Für Südtirol sei dies besonders relevant. „Die hohen Strompreise belasten nicht nur Familien, sondern auch Handwerk, Landwirtschaft, Gastronomie, Handel und produzierende Betriebe. Steigende Energiekosten werden über die gesamte Wertschöpfungskette weitergegeben und landen letztlich erneut beim Verbraucher“, kritisiert Robin.
Spekulation: Warum werden extreme Preisausschläge einfach weitergereicht?
Robin sieht auch die Funktionsweise der europäischen Rohstoff- und Energiemärkte kritisch: „Kritische Ökonomen weisen seit Jahren darauf hin, dass finanzielle Spekulation auf Rohstoffmärkten die Preisbewegungen verstärken kann. Zu den diskutierten Instrumenten gehören unter anderem Beschränkungen für rein finanzielle Marktteilnehmer, Nachweispflichten für physische Lagerkapazitäten sowie Positions- und Transaktionslimits.“
Robin fordert eine ernsthafte politische Diskussion darüber, welche Marktmechanismen reale Knappheiten abbilden und welche Preisschwankungen durch Finanzmarktmechanismen verstärkt werden. Dies sei überfällig.
„Denn für einen Haushalt macht es keinen Unterschied, ob eine Preisexplosion auf reale Knappheit, geopolitische Entwicklungen, Marktmechanismen oder spekulative Dynamiken zurückzuführen ist: Die Rechnung kommt immer beim Verbraucher an“, so Robin.
Robin: Stromautonomie muss beim Geldbeutel beginnen
Für Robin muss deshalb auch Südtirol seine energiepolitischen Möglichkeiten neu bewerten: „Artikel 13 des Autonomiestatuts sieht bei großen Wasserkraftkonzessionen unter anderem eine kostenlose jährliche Stromlieferquote an das Land oder die Haushalte vor.“ Gleichzeitig bestehen nach den von Robin herangezogenen Rechtsgutachten zur Stromautonomie Handlungsmöglichkeiten für Südtirol, die bisher nicht ausreichend genutzt werden.
Robin fordert deshalb:
• eine systematische Kontrolle und transparente Darstellung der Strompreise in Südtirol;
• eine Prüfung, wie der Vorteil der heimischen Wasserkraft direkter bei Haushalten und heimischen Unternehmen ankommen kann;
• eine stärkere Nutzung der bestehenden autonomen Handlungsspielräume auch bei der Festlegung des Strompreises und einer eigenen Gebotszone;
• eine Überprüfung der Wirkung von Strombonus und Gratisstrom;
• eine ernsthafte Prüfung eigener regulatorischer Zuständigkeiten für Strom und Wasser;
• und vor allem eine verständliche Information der Verbraucher über die tatsächliche Funktionsweise des Strommarktes.
Andreaus betont: „Es reicht nicht, den Verbrauchern zu erklären, dass die Preise am Markt eben so sind. Politik und Ökonomen müssen erklären, warum sie so sind, wer davon profitiert, wer die Risiken trägt und welche Alternativen es gibt. Wenn selbst die Schwächsten plötzlich über 43 Cent für eine Kilowattstunde bezahlen sollen, darf die Antwort nicht Schweigen sein.“
Laut Robin dürfe die Energieautonomie nicht bei der Stromproduktion enden: „Südtirol produziert Wasserkraft. Italien verfügt über einen großen und zunehmend erneuerbaren Stromsektor. Europa hat einen integrierten Strommarkt. Die entscheidende verbraucherpolitische Frage bleibt jedoch: Was kommt davon beim Menschen an?“
Robin fordert deshalb eine energiepolitische Debatte, die nicht bei Produktion, Börsenpreisen und Marktmodellen stehen bleibe, sondern beim Geldbeutel der Verbraucher beginne. Denn Energieautonomie ist für Robin erst dann erreicht, wenn auch die Verbraucher etwas davon haben.




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