HANDS fordert bessere Versorgung

Sucht: “Unterstützung muss sich verändern”

Dienstag, 20. Oktober 2026 | 15:14 Uhr

Von: Sophia Molitor

Bozen – 60 bis 80 Kilometer für einen Kontrolltermin: Für Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung kann bereits der Weg zur Unterstützung eine hohe Hürde sein. Bei seiner jährlichen Fortbildungs- und Austauschtagung vor wenigen Tagen hat der Verein HANDS deshalb neue Ansätze für eine erreichbare Suchthilfe diskutiert. Im Mittelpunkt standen junge Menschen, Personen mit langjährigen Abhängigkeiten und die Belastung der Mitarbeitenden. HANDS lädt das Land Südtirol, den Südtiroler Sanitätsbetrieb und die freien Trägerorganisationen dazu ein, gemeinsam neue Angebote und passende Finanzierungsformen zu entwickeln.

Unter dem Titel „Innovation in der Suchthilfe“ tauschten sich Fachkräfte, Freiwillige und Vereinsmitglieder über die Entwicklung von Abhängigkeiten in Südtirol und die Angebote von HANDS aus. Präsident Georg Senoner und Direktor Bruno Marcato eröffneten die Tagung. Anschließend sammelten die Teilnehmenden in Gruppen Vorschläge, wie die Dienste verbessert und ergänzt werden können. HANDS begleitet jährlich rund 1.500 Menschen und erweitert seine Angebote und sein Einzugsgebiet laufend. Viele der betreuten Personen konsumieren unterschiedliche Substanzen. Wie schnell sich das Spektrum verändert, zeigt auch der europäische Überblick: Ende 2025 beobachtete die EU-Drogenagentur EUDA insgesamt 1.050 neue psychoaktive Substanzen.

Junge Menschen früher erreichen

Eine zentrale Frage der Tagung war, wie junge Konsumierende besser erreicht werden können. Ambulante Angebote, therapeutische Gemeinschaften und Maßnahmen zur sozialen Eingliederung finden nach den Erfahrungen von HANDS bislang zu manchen jungen Menschen keinen Zugang. Gefragt sind deshalb Angebote mit wenigen Zugangshürden, die Vertrauen aufbauen, Beratung und Behandlung ermöglichen und neue Perspektiven eröffnen. Auch Menschen, die seit vielen Jahren konsumieren, brauchen verlässliche Begleitung. Für sie geht es darum, den Konsum und seine gesundheitlichen Folgen zu verringern, soziale Kontakte zu stärken und Teilhabe zu ermöglichen. Suchthilfe müsse auch dann erreichbar bleiben, wenn ein vollständiger Ausstieg zunächst fernliegt, betont Bruno Marcato.

Dafür braucht es nach Ansicht von HANDS auch in der klinischen Arbeit neue Ansätze. Die aktive Beteiligung der begleiteten Menschen und gezielte Projekte sollen das bestehende Versorgungsmodell ergänzen. Die Mitarbeitenden bekräftigten bei der Fortbildung, dass sie diesen Weg weiterverfolgen und gemeinsam nach neuen Lösungen suchen möchten.

Todesfälle verhindern und Mitarbeitende stärken

Substanzkonsum führt weiterhin zu Todesfällen; viele der Verstorbenen sind junge Menschen. Diese Todesfälle zu verhindern, muss nach Ansicht von HANDS wieder stärker im Mittelpunkt stehen. Bruno Marcato verweist neben Überdosierungen auch auf Suizide und Unfälle im Zusammenhang mit Substanzkonsum. Auch Suizidversuche müssten in der Versorgung konsequent berücksichtigt werden. Zugleich fordert die Begleitung von Menschen in Krisen den Mitarbeitenden viel ab. Rückschläge und belastende Situationen verlangen fachliche Weiterbildung, ausreichende Ressourcen und Unterstützung im Arbeitsalltag.

Neue Angebote brauchen passende Finanzierung

Aus der Tagung gingen drei Vorschläge für die Zusammenarbeit mit den öffentlichen Stellen hervor: eine ergänzende Finanzierung über Projekte, mehr wohnortnahe Angebote und eine stärkere Unterstützung der Mitarbeitenden. „Angebote, die zunächst Kontakt herstellen und Menschen wieder Perspektiven eröffnen, lassen sich nicht allein über einzelne Leistungen oder Tagessätze finanzieren. Dafür brauchen wir auch eine Förderung von Projekten“, erklärt Bruno Marcato. Das betrifft etwa Einzel- und Gruppenangebote für schwer erreichbare Menschen, die Veränderung erst ermöglichen.

Zudem regt HANDS Anlaufstellen in den größeren Orten der Täler an, die Begleitung und gesundheitliche Versorgung zusammen anbieten. Wege von bis zu 60 oder 80 Kilometern zu Kontrollterminen oder Angeboten zur Rückfallvorbeugung seien für besonders verletzliche Menschen eine erhebliche Belastung. Auch die Zusammenarbeit zwischen den Diensten brauche Zeit und finanzielle Mittel. Sie verbessert die Abstimmung und entlastet Mitarbeitende, die sich mit schwierigen Situationen häufig allein fühlen.

„In Südtirol wird bereits viel getan, und es laufen wichtige Investitionen. Jetzt braucht es aber weitere Schritte, bei denen öffentliche Stellen und freie Träger ihre Kompetenzen und Ressourcen zusammenführen“, sagt HANDS-Direktor Bruno Marcato abschließend.

Bezirk: Bozen

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen