Von: Sophia Molitor
Bozen – Politische Krisen, steigende Staatsschulden und der Boom der künstlichen Intelligenz beeinflussen die internationalen Finanzmärkte. Wie Anleger mit diesen Entwicklungen umgehen sollten, erläuterte der Volkswirt Martin von Malfèr bei den Herbstveranstaltungen des Raiffeisen InvestmentClubs. Sein Rat: langfristig denken, Risiken breit streuen und sich nicht von kurzfristigen Schlagzeilen zu voreiligen Entscheidungen verleiten lassen.
„Die Finanzmärkte reagieren natürlich auf kurzfristige Nachrichten, die allerdings langfristig meistens innerhalb kurzer Zeit wieder vergessen werden“, erklärte von Malfèr bei seinem Vortrag „Bewegte Märkte – klare Entscheidungen“. Der Experte für Finanz- und Vorsorgethemen bei der Raiffeisen Landesbank Südtirol riet dazu, wirtschaftliche Entwicklungen im größeren Zusammenhang zu betrachten und Anlageentscheidungen nicht von Emotionen oder einzelnen Nachrichten abhängig zu machen.
KI als langfristiger Wachstumstreiber
Als einen der wichtigsten Wachstumstreiber der kommenden Jahre bezeichnete von Malfèr die künstliche Intelligenz. Ihr Potenzial beschränke sich nicht auf die Technologiebranche, sondern könne nahezu alle Wirtschaftsbereiche verändern. Durch effizientere Arbeitsabläufe, geringere Kosten und neue Geschäftsmodelle seien erhebliche Produktivitätssteigerungen möglich. Besonders im Dienstleistungssektor sieht der Finanzexperte große Chancen. Viele dieser Effekte dürften sich allerdings erst in den kommenden Jahren vollständig zeigen.
Anleger sollten dabei jedoch nicht davon ausgehen, dass jede Aktie aus dem KI-Bereich automatisch eine lohnende Investition sei. Einige Unternehmen, die entsprechende Technologien entwickeln, würden weiterhin hohe Verluste schreiben. Gleichzeitig könnten Betriebe aus anderen Branchen profitieren, wenn sie KI erfolgreich in ihre Geschäftsprozesse integrieren.
Weitere langfristige Wachstumsthemen sieht von Malfèr in der Elektrifizierung, dem Ausbau der Energieinfrastruktur, der Automatisierung und der Robotik. Auch die wirtschaftliche Entwicklung Indiens und anderer aufstrebender Regionen werde zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Staatsverschuldung und Konflikte als Risiken
Zu den wesentlichen Risiken für die Weltwirtschaft zählte von Malfèr die steigende Staatsverschuldung. In den USA habe sie inzwischen rund 128 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung erreicht. In Europa sei die Situation unterschiedlich: Während Deutschland noch vergleichsweise über finanziellen Spielraum verfüge, stelle insbesondere die Entwicklung in Frankreich eine Belastung dar.
Auch geopolitische Konflikte, handelspolitische Unsicherheiten und die Energiepreisentwicklung könnten die Märkte weiterhin beeinflussen. Dennoch warnte der Experte davor, aus jeder politischen Krise unmittelbar Konsequenzen für die eigene Geldanlage abzuleiten. Für die langfristige Entwicklung der Aktienmärkte seien vor allem das Wirtschaftswachstum, die Unternehmensgewinne, technologische Fortschritte und die verfügbare Liquidität entscheidend.
Breite Streuung statt Einzelwetten
Für private Anleger empfahl von Malfèr, nicht zu versuchen, jede kurzfristige Börsenbewegung vorherzusagen. Die vergangenen Jahrzehnte hätten gezeigt, dass sich die Aktienmärkte trotz Finanzkrisen, Pandemie und Kriegen langfristig immer wieder erholt hätten. Eine Garantie für künftige Kursentwicklungen sei dies allerdings nicht. Zudem gelte diese Entwicklung nicht zwangsläufig für jedes einzelne Unternehmen.
Wesentlich sei deshalb eine breite Streuung des investierten Kapitals. Während die Konzentration auf einzelne Unternehmen mit erheblichen Verlustrisiken verbunden sei, verteile sich das Risiko bei breit aufgestellten Aktienfonds oder ETFs auf zahlreiche Unternehmen. Auch diese Anlageformen seien jedoch nicht vor Kursverlusten geschützt.
„Die Frage hängt immer vom Zeithorizont ab“, erklärte von Malfèr. Wer langfristig investiere, könne kurzfristige Schwankungen eher aussitzen, ohne zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkaufen zu müssen. Auch ETFs seien nicht automatisch für jede Anlagesituation geeignet. Entscheidend sei unter anderem, welche Märkte und Unternehmen darin enthalten seien.
Europa will Aktienkultur fördern
Ein weiteres Thema war die Entwicklung der europäischen Kapitalmärkte. Die Europäische Union wolle mehr Menschen dazu bewegen, in Aktien zu investieren. Hintergrund sei auch der Bedarf an Kapital für innovative Unternehmen und Start-ups. Während Unternehmen in Europa vielfach über Banken finanziert würden, spielten Kapitalmärkte in den USA eine deutlich größere Rolle. Als weitere Beispiele für eine ausgeprägte Aktienkultur nannte von Malfèr die skandinavischen Länder.
Ein stärkerer Kapitalmarkt könne dazu beitragen, neue Geschäftsideen und Zukunftsinvestitionen zu finanzieren. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Bevölkerung die Chancen und Risiken der Geldanlage besser verstehe.
Rund 300 Teilnehmer bei drei Herbstveranstaltungen
Die drei Herbstveranstaltungen des Raiffeisen InvestmentClubs fanden am 3. und 5. November bei Caroma in Völs am Schlern sowie am 4. November bei Rubner Türen in Kiens statt. Insgesamt nahmen rund 300 Clubmitglieder teil.
Neben dem Vortrag erhielten die Besucher Einblicke in die gastgebenden Unternehmen. Bei Caroma erläuterte Gründer und Geschäftsführer Valentin Hofer die Auswahl hochwertiger Rohkaffees, die Handelsbeziehungen zu den Anbauländern und das Langzeitröstverfahren. Auch die Herausforderungen durch schwankende Rohkaffeepreise und Erntebedingungen kamen zur Sprache. Hofer betonte dabei die Bedeutung langfristiger Partnerschaften und eines konsequenten Qualitätsanspruchs.
Bei Rubner Türen stellte Peter Rubner, Präsident der Rubner Gruppe, die Unternehmensgruppe und ihre Tätigkeitsbereiche vor. Markus Nöckler, CEO von Rubner Türen, verwies auf die Bedeutung langfristiger Entscheidungen, nachhaltigen Wachstums und kontinuierlicher Investitionen.
Der Obmann des Raiffeisen InvestmentClubs, Gernot Häufler, bedankte sich bei Referent und Gastgebern und zeigte sich erfreut über das Interesse der Mitglieder.
Der im Jahr 2000 gegründete Raiffeisen InvestmentClub zählt heute mehr als 6.000 Mitglieder. Seit 2011 organisiert er regelmäßig Veranstaltungen mit Finanzexperten aus dem In- und Ausland, um Finanzwissen zu vermitteln und Orientierung bei Anlageentscheidungen zu bieten.




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