Suchtexperten warnen vor sinkender Hemmschwelle bei Jugendlichen

Bedenklich: Kokain wird in Südtirol zur neuen Normalität

Mittwoch, 24. Juni 2026 | 10:20 Uhr

Von: luk

Bozen – Kokain wird zunehmend gesellschaftlich akzeptiert, Psychopharmaka sind leicht verfügbar und der Konsum mehrerer Suchtmittel gleichzeitig nimmt zu. Vor dieser Entwicklung warnt das Südtiroler Sozialunternehmen HANDS KDS anlässlich des Internationalen Tages gegen Drogenmissbrauch am 26. Juni.

Jährlich begleitet HANDS nach eigenen Angaben rund 1.600 Menschen mit Suchterkrankungen und psychischen Belastungen. Während Alkohol und Glücksspiel weiterhin die häufigsten Gründe für eine Betreuung sind, gewinnen Kokain, Medikamente und digitale Abhängigkeiten wie exzessives Gaming zunehmend an Bedeutung.

Besonders besorgt zeigt sich HANDS-Direktor Bruno Marcato über die Entwicklung bei Jugendlichen. Viele machten bereits im Alter von zwölf oder 13 Jahren erste Erfahrungen mit Suchtmitteln. Gleichzeitig sinke die gesellschaftliche Hemmschwelle gegenüber Kokain. Die Droge werde heute von manchen ähnlich wahrgenommen wie Cannabis vor zwei Jahrzehnten – als Begleiter von Partys, Stressbewältigung oder sogar des Berufsalltags.

Hinter dem Konsum stehen oft Belastungen

Auch der Missbrauch von Medikamenten bereitet den Fachleuten Sorgen. Beruhigungs- und Schlafmittel würden von vielen jungen Menschen als harmlos angesehen, da sie häufig im familiären Umfeld verfügbar seien. Hinzu komme die einfache Beschaffung über das Internet und soziale Netzwerke.

Nach Beobachtungen von HANDS treten Suchterkrankungen zudem immer häufiger gemeinsam mit psychischen Problemen wie Depressionen oder Angststörungen auf. Im ambulanten Bereich weist etwa die Hälfte der betreuten Personen mehrere Abhängigkeiten gleichzeitig auf, in den Rehabilitationsprogrammen liegt dieser Anteil sogar bei rund 90 Prozent.

Wenn die ganze Familie Teil des Problems wird

Marcato fordert deshalb einen ganzheitlichen Blick auf die Betroffenen. Nicht einzelne Substanzen stünden im Mittelpunkt, sondern die Lebenssituation der Menschen. Viele Jugendliche litten unter Leistungsdruck, Unsicherheit, Einsamkeit oder belastenden Erfahrungen im familiären Umfeld.

Wie komplex diese Situationen sein können, zeigt ein Fall aus der Praxis von HANDS. Eine junge Frau wuchs in einer Familie auf, in der Kokain, Cannabis, Medikamente und Ketamin zum Alltag gehörten. Gewalt gab es keine. Die Familie beschrieb sich selbst als harmonisch und eng verbunden. Gleichzeitig fehlten klare Grenzen zwischen Eltern und Kindern. Konsum gehörte zum gemeinsamen Lebensstil. Die junge Frau musste sich deshalb nicht nur mit ihrer eigenen Abhängigkeit auseinandersetzen, sondern auch mit den Wertvorstellungen und Verhaltensmustern ihres gesamten Umfelds. Mehrfach erlitt sie lebensbedrohliche Krisen und fiel aufgrund von Ketaminmissbrauch ins Koma. Schritt für Schritt gelang es ihr, neue Perspektiven für ihr Leben zu entwickeln und sich von den bisherigen Mustern zu lösen. Heute lebt sie selbstständig und ohne problematischen Konsum.

Neue Wege in der Begleitung

Um darauf zu reagieren, setzt HANDS verstärkt auf individuelle Betreuungsangebote. Neben Therapie und Beratung gehören dazu auch erlebnispädagogische Projekte, Aufenthalte in den Bergen, Aktivitäten mit Tieren oder Kletterangebote. Ziel sei es, jungen Menschen neue Perspektiven aufzuzeigen und ihre persönlichen Ressourcen zu stärken.

Zum Internationalen Tag gegen Drogenmissbrauch appelliert Marcato an Eltern, Lehrkräfte und andere Bezugspersonen, Warnsignale frühzeitig ernst zu nehmen. Suchtprobleme würden oft zu spät erkannt oder als normale Phase des Erwachsenwerdens abgetan. Dabei könne rechtzeitige Hilfe entscheidend sein.

Bezirk: Bozen

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