Von: Martin Geier
Lanzo Torinese – Auch am Tag danach sorgt die Amokfahrt eines älteren Autolenkers für großes Entsetzen. In Lanzo Torinese im Piemont hatte er absichtlich eine Gruppe von sechs Rennradfahrern angefahren und vier von ihnen teilweise schwer verletzt. Der 73-jährige Giuseppe Campagna, der am Steuer seines VW Polo saß und kurz nach dem Unfall von den Carabinieri gestellt werden konnte, wurde wegen versuchten Mordes und mehrfacher Körperverletzung im Straßenverkehr festgenommen. Auf Anordnung der ermittelnden Staatsanwaltschaft von Ivrea wurde er unter Hausarrest gestellt.
Einer der Radfahrer schwebt in Lebensgefahr und wird auf der Intensivstation in Turin behandelt. Seine Prognose ist ungewiss. Die Ermittlungen der Carabinieri müssen nun den genauen Hergang des Vorfalls rekonstruieren und die beiden mit großer Wahrscheinlichkeit absichtlichen Auffahrunfälle aufklären. Im Großen und Ganzen scheint der Unfallhergang jedoch kaum mehr Zweifel offen zu lassen.
Die Rekonstruktion des Geschehens beginnt mit einem riskanten Überholmanöver. Giuseppe Campagna war mit seinem Kleinwagen in Richtung Coassolo unterwegs, als er sechs Radsportler überholte, die am Morgen von San Mauro, Settimo Torinese und San Raffaele Cimena zu einer Tour aufgebrochen waren. Dabei hupte er andauernd. Als der VW Polo vorbeifuhr, breitete einer der Radfahrer die Arme aus, um gegen das Hupen und die beharrlichen Lichtsignale zu protestieren. In diesem Moment soll Giuseppe Campagna offensichtlich völlig die Fassung verloren haben. Er bremste das Auto plötzlich ab, schaltete den Rückwärtsgang ein und gab Gas, wobei er die gesamte Gruppe mit voller Wucht überfuhr.

„Zu sehen, wie dieses Auto so auf uns zuraste, war wie eine Szene aus einem Horrorfilm – wir hatten keine Zeit, ihm auszuweichen. Das hätte wirklich eine Tragödie mit Toten werden können“, fasst der erfahrene Läufer und Hobbyrennradfahrer Piercarlo Lagna gegenüber der Turiner Tageszeitung La Stampa die Momente des puren Wahnsinns zusammen.
„Wir waren gerade losgefahren, radelten in der Gruppe, unterhielten uns und fuhren langsam, vielleicht 20 Kilometer pro Stunde. Irgendwann überholte uns dieses Auto und hupte dabei. Doch damit nicht genug! Der Fahrer fing auch noch an, uns mit dem Fernlicht zu blenden. Er wollte vorbeifahren. Einer von uns hob daraufhin den Arm, um seinen Unmut auszudrücken. Das war nichts Besonderes, nur eine Geste, um ihm zu zeigen, dass wir zur Seite gehen würden. Als wir den Kreisverkehr erreichten, bremste er ab. Es sah so aus, als wolle er uns vorbeilassen oder die Situation klären. Stattdessen fuhr er plötzlich im Rückwärtsgang auf uns zu. Dann hat er uns überfahren. All das geschah in einem Bruchteil einer Sekunde.“
Nach dem ersten Aufprall machte sich der Autofahrer aus dem Staub. Als er sah, dass Lagna ihm zu Fuß hinterherlief, um sich das Kennzeichen zu notieren, wendete der Mann das Fahrzeug und fuhr erneut auf Lagna und die anderen Radfahrer zu. Diese eilten gerade ihrem am Boden liegenden Kameraden zu Hilfe. „Der erste von uns, den er erfasst hat, flog 30 Meter weit“, fährt Lagna fort. „Er ließ ihn am Boden liegen und floh dann im ersten Gang. Instinktiv rannte ich ihm hinterher, nachdem ich mein Fahrrad stehen gelassen hatte, und notierte mir das Kennzeichen. Da fuhr er auch auf mich zu. Ich konnte mich retten, indem ich mich auf die Seite warf. So bin ich ihm ausgewichen. Er kehrte jedoch zu der Gruppe der anderen Radfahrer zurück, die sich inzwischen mitten auf der Straße befanden, da sie dem ersten von uns halfen, der angefahren worden war und nicht mehr aufstehen konnte. Ich hatte keine Zeit, sie zu warnen. Er hat sie voll erwischt. Einer von ihnen wurde gegen das Geländer geschleudert und ist jetzt schwer verletzt. Hätten sie den ersten, der zu Boden geschleudert worden war, nicht beiseitegeschoben, hätte er ihn ohne Weiteres überrollt.

Die von der „Croce Reale di Venaria“ koordinierten Rettungskräfte rückten mit mehreren Krankenwagen und einem Rettungshubschrauber aus, um die vier Verletzten am Unfallort zu versorgen und in ein Krankenhaus zu bringen. Die beiden Schwerverletzten, der 69-jährige Sabatino Terracciano, der 30 Meter durch die Luft geschleudert worden war, und der 60-jährige Gianfranco Padellino, der zwischen dem Auto und der eisernen Leitplanke am Straßenrand eingeklemmt worden war, wurden ins Krankenhaus CTO in Turin gebracht. Terracciano erlitt einen Schulterbruch, Padellino einen Oberschenkelbruch sowie schwere Verletzungen im Gesicht und am Brustkorb mit sechs gebrochenen Rippen. Er befindet sich weiterhin auf der Intensivstation, seine Prognose ist ungewiss. Die beiden anderen Verletzten wurden ins Krankenhaus San Giovanni Bosco gebracht.
In der Zwischenzeit spürten die Carabinieri Giuseppe Campagna in Venaria auf und nahmen ihn fest. „Ich bitte die Angehörigen der Verletzten um Vergebung. Ich gebe meine Schuld zu und übernehme die Verantwortung.“ So äußert sich der 73-jährige ehemalige Bauhandwerker aus Coassolo, der wegen versuchten Mordes und mehrfacher Körperverletzung im Straßenverkehr unter Hausarrest steht. Angesichts seiner Amokfahrt bezeichnet er sich als „verzweifelt“.
In der italienischen Öffentlichkeit herrscht großes Entsetzen. Die Tat hat die ohnehin nie ganz verstummte Debatte über das Verhältnis zwischen Autofahrern und Rennradfahrern auf öffentlichen Straßen erneut entfacht.





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