Dialog in der Betreuung

Bessere Kommunikation zwischen Arzt und Patient

Montag, 27. Mai 2024 | 13:21 Uhr

Von: mk

Bozen – Die Rolle der Kommunikation im medizinischen Bereich wird immer wichtiger. Dialog und Gegenseitigkeit bilden ein wichtiges Paradigma der Pflege. „Vertrauen und gegenseitiger Respekt verbessern die Qualität der Pflege und bereichern sowohl Ärzte als auch Patienten. Aktives Zuhören und Zusammenarbeit schaffen eine effizientere und zugleich menschlichere Pflegeumgebung“, betont Dr. Giuliano Piccoliori, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen. Eine Sensibilisierungskampagne des Instituts und ein neues Buch – veröffentlicht im renommierten Verlag Il Mulino – zielen darauf ab, eine „Ethik der Gegenseitigkeit“ in der Gesellschaft zu fördern.

Das Prinzip der Gegenseitigkeit in der medizinischen Versorgung

„Es ist wichtig, dass der Patient ein aktiver Bestandteil des Pflegeprozesses ist, da das Verhältnis zwischen Behandelndem und Behandeltem notwendigerweise asymmetrisch ist. Der Arzt verfügt über Kenntnisse, die der Patient nicht hat, aber der Patient erlebt Symptome, die er oft im Zusammenhang mit seinem psychologischen und sozialen Erleben schildert“, erklärt Prof. Giovanni Guandalini, Dozent für Physikalische und Rehabilitative Medizin am Universitären Ausbildungszentrum für Gesundheitsberufe Claudiana in Bozen. „Die Betreuung basiert auf gegenseitigem Vertrauen und dem Respekt der gegenseitigen Kompetenzen. Das hilft dem Arzt, die tatsächlichen Probleme der Patienten im Detail zu verstehen, wodurch ein nicht nur ganzheitlicher, sondern auch ‚maßgeschneiderter‘ Ansatz zur Diagnose und Therapie ermöglicht wird“, fügt Dr. Giuliano Piccoliori hinzu, Hausarzt in Gröden und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen.

Laut Piccoliori sind die Patienten und Patientinnen– wenn sie das echte Interesse der Ärztin oder des Arztes an ihren Problemen wahrnehmen – eher geneigt, die ärztlichen Anweisungen zu befolgen und aktiv am Pflegeprozess teilzunehmen.

Eine bessere Interaktion zwischen Arzt und Patient

Das Institut für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen hat bereits 2022 die Kampagne mit dem Titel „12 Tipps für eine erfolgreiche ärztliche Visite“ lanciert, um die Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten zu optimieren. Im Sommer und Herbst 2024 wird diese Kampagne, die die Verteilung von Broschüren und Plakaten in Südtirol vorsieht, wieder aufgenommen, um allen Bürgerinnen und Bürgern praxisbezogene Ratschläge zu geben und sie dazu zu ermutigen, ihre Kommunikationsfähigkeiten bestmöglich zu nutzen.

Zwölf Tipps für eine erfolgreiche ärztliche Visite

1. Grund für die Visite im Vorfeld festlegen

2. Sich überlegen, welche Fragen an den Arzt gestellt werden sollen

3. Medikamentenliste und Befunde mitbringen

4. Offen über Beschwerden, Ängste und psychosoziale Belastungen reden

5. Vermutungen und Behandlungsversuche mitteilen

6. Nachfragen, wenn etwas nicht verständlich ist

7. Informationen der Ärztin aufschreiben

8. Dem Arzt Zeit geben, damit er sich ein Bild vom Problem machen kann

9. Die Ärztin nach Tipps für einen gesunden Lebensstil fragen

10. Nach der Visite die Therapie befolgen

11. Geduldig bleiben. Linderung und Heilung brauchen Zeit

12. Den Arzt über den Verlauf der Therapie informieren

„Die Patientinnen und Patienten können einen sehr wichtigen Beitrag zum Erfolg einer Visite leisten. Die Patientinnen und Patienten müssen begreifen, dass sie die Experten für ihre Krankheit oder ihr Unwohlsein sind – die Medizinerinnen und Mediziner sind sozusagen ihre Beraterinnen und Berater“, sagt Dr. Piccoliori. „Es handelt sich um einen echten Paradigmenwechsel. Wie jeder ‚Experte‘ kann sich die Patientin bzw. der Patient auf das Treffen mit dem Arzt oder der Ärztin vorbereiten, indem man sich Gedanken über die eigenen Beschwerden macht, um die Symptome und Merkmale genau zu schildern. Von großer Bedeutung für Ärztinnen und Ärzte sind auch die Erwartungen der Patientinnen und Patienten, die sie im Rahmen eines offenen Dialogs äußern sollten, z.B. können sie über eventuelle psychosoziale Beschwerden sprechen“, betont Dr. Giuliano Piccoliori.

Gegenseitigkeit als zweifacher Nutzen für Patienten und Ärzte

Prof. Fulvio Longato, Ordinarius für Philosophie an der Universität Triest, erklärt: „In seiner griechischen und lateinischen Etymologie bedeutet ‚cura‘ (therapeia) sowohl heilen als auch zuhören und sich fürsorglich um den anderen kümmern. Wir werden von anderen umsorgt und sorgen für andere – mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Unsere Beziehungen sind immer wechselseitig, es ist also ein asymmetrisches Geben und Nehmen, da wir alle verschieden sind. Wären wir alle gleich, hätten wir nichts zu geben und zu empfangen: Wir wären autark – und somit eine Insel.“ Laut Prof. Giovanni Guandalini, Facharzt für Rehabilitationsmedizin, „ermöglicht die Förderung einer Beziehung des gegenseitigen Vertrauens den Patient:innen, sich angenommen, verstanden und mehr in ihrer Ganzheit gesehen zu fühlen. Patient:innen in eine nicht nur passive Position zu versetzen, ist notwendig, um das Risiko von Behandlungsfehlern zu verringern und gleichzeitig eine für beide Seiten befriedigende Begegnung zu ermöglichen, die die verständlichen Ängste und Sorgen minimiert und die Begleitung im Pflegeprozess erleichtert“, betont Prof. Guandalini. „Eine Beziehung der Gegenseitigkeit – in der Fachsprache ist von ‚Reziprozität‘ die Rede – macht dem Arzt bewusst, dass er vom Patienten, den er behandelt, lernen kann. Dadurch kann er sich beruflich, aber auch menschlich weiterentwickeln“, sagt Prof. Guandalini. Dr. Giuliano Piccoliori ergänzt, dass Reziprozität eine Personalisierung der Beziehung zu den Patient:innen zur Folge hat. „Dies verhindert, dass diese Beziehung zu mechanisch und wiederholend wird. Zugleich fördert die Gegenseitigkeit eine medizinische Praxis, die die Individualität der Patient:innen wertschätzt“, so der Wissenschaftliche Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen.

Autonomie und Solidarität in der Betreuung

Pflegebeziehungen finden nicht losgelöst von menschlichen Interaktionen in der Gesellschaft statt. „Die persönliche Autonomie wird durch unsere Beziehungen gebildet, sie ist also eine sog. relationale Autonomie. Die Fähigkeit, eigenständig zu wählen, emotionale Fähigkeiten zu entwickeln, zu reflektieren und Vertrauen in sich selbst zu haben, indem man verantwortungsbewusst mit anderen interagiert, beginnt bei der Geburt und setzt sich in den verschiedenen Lebensphasen in einem Kontext der Sorge fort“, erläutert Prof. Fulvio Longato, Mitglied des Wissenschaftsrates der Health Humanities der Universität Triest. „Die zwischenmenschliche Solidarität bedeutet, ohne gesetzliche Verpflichtungen zu helfen und eine Symmetrie zu schaffen, die die Unterschiede anerkennt und bewahrt. In der Arzt-Patienten-Beziehung ist diese Verbindung wesentlich. Die Symmetrie basiert auf dem Nichtwissen: Die Ärztin/der Arzt kennt das Erleben der Patienten nicht und die Patienten haben keine medizinischen Kenntnisse. Demut und Zuhören sind folglich grundlegend – sowohl für die Patientinnen und Patienten, die der Ärztin/dem Arzt vertrauen, als auch für die Medizinerinnen und Mediziner, die technische Kompetenz mit persönlicher Fürsorge verbinden“, so Prof. Fulvio Longato.

Eine „therapeutische Gemeinschaft“ schaffen

„Der wechselseitige Pflegeansatz als Bereitschaft, sich um den anderen zu kümmern, bildet die Grundlage der therapeutischen Gemeinschaft als Sorgegemeinschaft“, sagt Prof. Longato und fügt hinzu: „Das Pflegeverhältnis und der Dialog zwischen Gesundheitsdienstleister und Patient spiegeln die vorherrschende Pflegeeinstellung auf gesellschaftlicher Ebene wider. Die Verantwortung der Institutionen, die Bedeutung der Gesundheitspolitik zur Unterstützung von Solidaritätspraktiken, die ‚von unten‘ ausgehen, muss stark betont werden, damit ein allgemeines Klima der Reziprozität gefestigt wird. Die therapeutische Gemeinschaft zwischen Gesundheitsdienstleister und Patient kann als proaktives Beispiel für eine Pflegegemeinschaft auf gesellschaftlicher Ebene dienen“, unterstreicht Philosophieprofessor Longato.

Eine „Ethik der Reziprozität“ schaffen

„Seit der Antike“, so Prof. Fulvio Longato, „haben verschiedene philosophische Perspektiven die konstitutive Dimension der Sorge und der Beziehungsfähigkeit für das Menschsein hervorgehoben. Viele Philosophen und insbesondere Philosophinnen widmen sich der ‚Philosophie der Sorge‘. Die Philosophie hilft, die Grundlagen und versteckten Annahmen in der Pflege zu verstehen. Sie erklärt, was die Begriffe bedeuten und welche ethischen Folgen sie haben.“ Longato erinnert an das Prinzip ‚Eine Gesundheit, eine Ethik‘, das dazu einlädt, verschiedene ethische Ansätze zu integrieren. Menschen werden dabei als einzigartige Individuen behandelt. „Eine auf Reziprozität fußende Ethik erzeugt einen Nutzen, der sich in der Gemeinschaft verbreitet und zum Interesse aller wird“, sagt Longato.

Drei Bände zum Thema „Pflege und Reziprozität“

Prof. Giovanni Guandalini hat zusammen mit dem Geriater und klinischen Bioethiker Valter Giantin eine Reihe in drei Bänden zum Thema „Pflege und Reziprozität“ initiiert. „Die Idee entstand nach Begegnungen mit einem beeinträchtigten Freund, der meinte, dass eine Behinderung die Gegenseitigkeit in den Beziehungen erleichtere. Das veranlasste mich, mein berufliches und persönliches Leben zu überdenken. Ich stellte fest, dass ich sowohl ‚gegeben‘ als auch ‚empfangen‘ hatte. Ich besprach dies mit meinem Freund und Arztkollegen Giantin. Daraufhin beschlossen wir, die Reziprozität in der Gesundheitsversorgung und in anderen Bereichen zu beleuchten.“ Die bisher erschienenen zwei Bände, die auch Beiträge über bioethische und philosophische Fragestellungen beinhalten, heben die Notwendigkeit interdisziplinärer Zusammenarbeit hervor. Prof. Fulvio Longato, der als Autor am zweiten Band der Reihe mitgewirkt hat, betont: „Fächerübergreifende Zusammenarbeit erfordert größere Kompetenz in der eigenen Disziplin und zugleich die Bereitschaft, sich – je nachdem – in führender und unterstützender Rolle zu engagieren.“ Der abschließende dritte Band der Reihe erscheint im Dezember 2024 im renommierten Verlag Il Mulino.

Bezirk: Bozen

Kommentare

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1 Kommentar auf "Bessere Kommunikation zwischen Arzt und Patient"


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Roland Lang
Roland Lang
Tratscher
27 Tage 4 h

Alles schön und gut, das klappt aber nur wenn der Arzt meine Sprache versteht und sich für jeden Patienten Zeiz nehmen kann.

Beides ist aber leider oft nicht der Fall!

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