Betroffene erkranken früher und schwerer als bisher

Essstörungen nehmen in Südtirol zu

Freitag, 14. August 2026 | 08:41 Uhr

Von: Matthias Knapp

Bozen – Die jüngsten nationalen Daten zeigen, dass Essstörungen in Italien in den letzten Jahren um 30 Prozent zugenommen haben: Drei Millionen Patienten wurden 2024 behandelt, davon 678.034 neu Erkrankte. Allerletzte Zahlen aus Südtirol hat jetzt Dr. Michael Zöbl, Primar der Pädiatrie Brixen und Vizeleiter des Netzwerks für Essstörungen EATNET, erarbeitet: 2025 wurden 693 Patienten in Südtirol behandelt, das entspricht einer Zunahme um sechs Prozent gegenüber 2024.

EATNET

Die Neuerkrankungen haben sogar um 17 Prozent zugenommen. In 92 Prozent der Fälle handelt es sich um meist sehr junge bis junge Frauen, in acht Prozent um Männer. 28 Prozent der Betroffenen sind minderjährig, bei ihnen ist die Rate der Neuerkrankungen auf bedenkliche 21 Prozent gestiegen.

Die größte und gefährdetste Patientengruppe besteht aus Menschen, die an Magersucht oder Anorexie Nervosa leiden. Sie machten 2025 in Südtirol 235 Personen oder 34 Prozent aller Behandelten aus.

Die nackten Zahlen belegen drei Dinge: Essstörungen nehmen – durch die Zeiten der Pandemie noch beschleunigt – zu. Betroffene erkranken früher und schwerer als bisher.

Außerdem sind auch Essstörungen in deutlichem Wandel begriffen. Sie treten in 60 Prozent der Fälle kombiniert mit anderen psychischen Krankheiten wie Depression, Angststörung oder Persönlichkeitsstörung auf, beginnen manchmal schon im Alter von neun Jahren, in 30 Prozent der Fälle vor dem 14. Lebensjahr.

Die restriktive Essstörung kommt als neue Krankheit zu Magersucht, Bulimie und Esssucht (Binge-Eating) hinzu. Es handelt sich dabei um eingeschränkte Nahrungsaufnahme mit Abmagerung oder Mangel an Nährstoffen, ohne dass das Körpererleben gestört ist. Betroffene fühlen sich im Gegensatz zu Menschen mit Magersucht nicht zu dick, obwohl sie längst viel zu dünn sind. Sie bemerken ihren Gewichtsverlust auch besorgt, aber vermeiden weiterhin bestimmte Speisen aufgrund von Ängsten.

Das Suizidrisiko ist bei Patienten mit Essstörungen sechsmal höher als beim Durchschnitt der Bevölkerung und steigt besonders dann, wenn Anorektikerinnen deutlich an Gewicht zunehmen. 2025 verstarben 4158 Personen in Italien an Essstörungen. Südtirol hat diesbezüglich eine sehr niedrige Sterberate, weil sich das Netzwerk EATNET außerordentlich engagiert um Erkrankte kümmert, wie die nationale Expertin Laura Dalla Ragione im Frühjahr auf einer Tagung in Bozen erläuterte. Südtirol stellt ein Prozent der nationale Bevölkerung und beklagte im selben Jahr nur zwei Tote wegen Essstörungen, das entspricht weniger als einem halben Promille der nationalen Opfer. „Freilich sind die Erkrankten deutlich mehr geworden, die Helfer bisher kaum“, erklärt Roger Pycha, Koordinator von EATNET in einer Aussendung.

EATNET soll leicht erreichbar sein, sich aus verschiedenen Fachgebieten zusammensetzen und unterschiedliche Betreuungsstufen, von der Sensibilisierung und Prävention bis hin zur Aufnahme in der Intensivstation, anbieten. Gleichzeitig muss enge Kooperation bei hoher Verlässlichkeit herrschen. „Man verliert die Patienten besonders leicht aus den Augen, wenn sie von einer Betreuungsart in eine andere wechseln sollen. Das hat auch damit zu tun, dass Betroffene oft nur zwiespältig motiviert sind, sich helfen zu lassen, und leicht von therapeutischen Vereinbarungen abspringen“, so Pycha. Von einer hoch spezialisierten Einrichtung entlassen sich meist zehn Prozent der Patientinnen selbst, bei ambulanten Behandlungen kommt der Abbruch sehr viel häufiger vor. Er hat oft auch mit beruflichen Veränderungen wie Schulabschluss und Studienbeginn zu tun. Auch familiäre Spannungen, Wohnungswechsel oder Ende einer Partnerschaft senken die Motivation, sich behandeln zu lassen.

Ein besonders kritischer Moment ist die Vorstellung an der Ersten Hilfe wegen zu niedrigen Gewichts, Schwächezuständen, Mangels an Zucker und Salzen oder Herzrhythmusstörungen.

In Italien werden nur 15 Prozent der Patienten, die mit solchen Dringlichkeiten an die Erste Hilfe kommen, im Krankenhaus tatsächlich aufgenommen. Das Gesundheitsministerium schreibt deshalb seit 2018 vor, dass Patienten mit einem Body-Mass-Index von weniger als zwölf unbedingt im Krankenhaus bleiben müssen. Bei ihnen besteht eine potentiell lebensgefährliche Auszehrung.

„In Südtirol wird soeben ein Betreuungspfad dafür erarbeitet, welche Abteilung die gefährdeten Patienten jeweils im Krankenhaus aufnehmen und behandeln soll. Für Minderjährige spielt sich der Großteil der Behandlungen an der Pädiatrie Brixen ab, die das landesweite Exzellenzzentrum darstellt und erweitert werden sollte“, so Pycha. Ein Exzellenzzentrum für Erwachsene ist an der Psychiatrie Brixen geplant. Bis zu seiner Eröffnung werden sich die Abteilungen Subintensiv, Innere Medizin und Psychiatrie in einer abgesprochenen Weise die Betreuung der Patienten teilen.

Bezirk: Bozen

Kommentare

Aktuell sind 2 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen