Von: Lukas Unterkofler
Bozen – Nach dem Einsturz eines Teils des Bozner Gerichtsgebäudes am 16. Juli nimmt die Staatsanwaltschaft mögliche Versäumnisse bei den Bauarbeiten ins Visier. Im Mittelpunkt steht der Verdacht, dass notwendige Kontrollen zur Planung, Ausführung und Stabilität der Konstruktion unterlassen und Bauteile entgegen dem genehmigten Ausführungsprojekt errichtet worden sein könnten.
Nach den bisherigen Ermittlungen waren sieben Pfeiler vom Einsturz betroffen: alle vier Pfeiler der zweiten Reihe sowie drei der ersten Reihe. Genau an diesen Bauteilen waren zuvor Abbruch- und Wiederaufbauarbeiten durchgeführt worden. Der vierte Pfeiler der ersten Reihe war offenbar kurz vor dem Einsturz bereits ersetzt worden.
Fünf Personen im Visier
Die Staatsanwaltschaft hat bislang fünf Personen in das Ermittlungsregister eingetragen. Es handelt sich um Luca Carmignola, den Projektverantwortlichen und Leiter des technischen Bauamts des Landes, sowie Matteo Mottironi, der als Planer, Bauleiter und Sicherheitskoordinator tätig war. Hinzu kommen Costante Minato, gesetzlicher Vertreter des ausführenden Unternehmens Merotto Bau, dessen Mitarbeiter Alfonso Miotto als Verantwortlicher für die Überwachung der Arbeiten sowie Vanni Marcolin, Präsident des Verwaltungsrats des Stahlbauunternehmens Biemme Tecno.
Gegen alle fünf wird wegen des Verdachts der gemeinschaftlichen fahrlässigen Verursachung eines Einsturzes ermittelt. Die Staatsanwaltschaft schließt weitere Eintragungen, darunter möglicherweise einen weiteren Landesbediensteten, ebenso wenig aus wie Änderungen im Kreis der Beschuldigten. Laut Zeitung Alto Adige könnte eine Schadenersatzforderung von mehreren Millionen Euro im Raum stehen.
Digitale Daten und Unterlagen sichergestellt
Ende Juli ordneten der stellvertretende Staatsanwalt Igor Secco und Staatsanwältin Federica Iovene Durchsuchungen und die Sicherstellung elektronischer Daten an. Beschlagnahmt beziehungsweise forensisch gesichert wurden unter anderem Mobiltelefone, Computer und Festplatten. Die Ermittler wollen daraus Chats, E-Mails und Dateien zu den Bauarbeiten auswerten.
Gesichert wurden zudem technische Unterlagen zu Planung und Ausschreibungen, Aufträge und Zahlungsunterlagen sowie Protokolle von Besprechungen. Ein Teil der Dokumente war den Ermittlern nach Angaben der Staatsanwaltschaft freiwillig übergeben worden.
Für die forensische Auswertung der digitalen Geräte wurden 90 Tage angesetzt. Unterdessen warten die Ermittler laut der Zeitung Corriere della Sera auf die Ergebnisse der technischen Untersuchungen des von der Staatsanwaltschaft beauftragten Sachverständigen Alessandro Contin.
Beim Einsturz des Gerichtsgebäudes war glücklicherweise niemand schwer verletzt worden. Eine Reinigungskraft erlitt lediglich leichte Prellungen am Arm.




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