Das Team um Andrea Fischer (Bild) beprobt die Reste des (k)alten Eises

Großer Teil von 6.000-Jahre-Alpenklimaarchiv schon weg

Montag, 16. März 2026 | 08:22 Uhr

Von: apa

Im Jahr 2019 konnten Forschende auf der knapp 3.500 Meter hohen Weißseespitze an der Grenze zwischen Tirol und Südtirol einen zehn Meter langen Bohrkern aus dem Gletscher entnehmen. Heute ist das Eis dort nur noch etwas über fünf Meter dick bzw. dünn. In einer neuen Analyse zeigt das Team, wie sich der menschliche Einfluss über rund 6.000 Jahre nachzeichnen lässt. Die Gletscherreste, und damit das Klimaarchiv darin, werden bald weg sein – viel rascher als kürzlich gedacht.

Seit Jahren versuchen Andrea Fischer vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Innsbruck und Kollegen, die in der Gipfeleiskappe der Weißseespitze und in anderen hochgelegenen Eiskörpern in den Ostalpen gespeicherten Klimainformationen für die Nachwelt zu bewahren. Auf manchen Bergspitzen gibt es Gletscher, die sich aufgrund ihrer Lage und der Kälte vor Ort nicht wie andere langsam bewegen. Hier kann sich von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern als “(c)old ice”, also (k)altes Eis, bezeichnetes Gefrorenes bilden, das als ideales Klimaarchiv gilt.

Von 30 Metern auf fünf und bald auf null?

Ein solches liegt bzw. lag auch in den Ötztaler Alpen, wo Fischer und ihr Team auch weiter bei harschen Bedingungen Proben ziehen, wie sie im Gespräch mit der APA erklärte. Das Unterfangen gleicht immer mehr einer Art Rettungsgrabung, schmilzt den Forschenden doch quasi das Jahrtausende alte Eis unter dem Bohrer davon. In der bis zum Ende des 19. Jahrhunderts andauernden “Kleinen Eiszeit” war der Eiskörper dort rund 30 Meter mächtig, heute sind es um die fünf Meter – Tendenz stark fallend. Erst am Freitag legte der Österreichische Alpenverein seinen jüngsten Gletscherbericht vor: Man habe es österreichweit mittlerweile mit einer “dramatischen Entwicklung” zu tun. Vom Gletscherschwund bewege man sich nun in Richtung “Zerfall”, hieß es da.

Schon als 2019 die Proben auf der Weißseespitze genommen wurden, waren die Eisschichten der 371 Jahre davor nicht mehr vorhanden, so ein Ergebnis der neuen Analyse im Fachjournal “Frontiers in Earth Science, Cryospheric Sciences”. Über die Zeit vor circa 1650 lässt sich aber erstaunlich viel sagen, denn: Gletscher entpuppen sich immer mehr als exzellente Speichermedien der Geschichte. Aus den Einschlüssen, z.B. verschiedenen Atom-Sorten, Rußpartikeln, organischem Material wie Pollen etc., lässt sich mit neuen Methoden jede Menge herauslesen. Auch die Datierung der Eisschichten funktioniert heute gut, wie Fischer erklärte: “Das Eis ist eine gute Falle für alles, was in der Luft transportiert wird.”

Alpine Warmzeit wie seit mindestens 800.000 Jahren nicht

Kontinuierlich wie Jahresringe eines Baumes ist der Eiskern auch in seinen unteren Bereichen eher nicht, so Fischer. Der Wechsel aus Kalt- und Warmzeiten – vor der “Kleinen Eiszeit” gab es mit dem “mittelalterlichen Klimaoptimum” eine deutlich wärmere Phase – spreche dagegen. So habe sich die Wissenschaft auch lange weniger für solche Proben aus den Alpen interessiert und auf viel weiter zurückliegende Kerne aus der Antarktis fokussiert, erklärte die Glaziologin.

Auch auf Basis dieser Daten verdichten sich mittlerweile die Hinweise, dass es eine Wärmeperiode wie heute in den vergangenen rund 800.000 Jahren in den Alpen nicht gab. “Diese Nähe zum Kipppunkt spürt man hier”, so Fischer. Die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung könnte sogar dazu führen, dass unser Planet aus den üblichen klimatischen Zyklen herausfällt. “Das ist ein großes Forschungsthema.”

“Kolonialisierung”, Rodungen, Bergbau und Start der Industrialisierung

Angesichts all dieser Entwicklungen steigt auch das Interesse am in den Eiskernen gespeicherten “Paläoklima” Mitteleuropas. Hier sehe man etwa anhand der Pollenverteilung über die Zeit hinweg, wie die Ökosysteme auf Erwärmung reagiert haben und vielleicht auch zukünftig reagieren werden, erklärte Fischer. Denn: Viele Auswirkungen des Klimawandels sind heute bekanntlich schon unvermeidbar.

In den neuen Analysen sehe man klar, wie in der mittelalterlichen Warmzeit die “Kolonialisierung der Alpen” vonstatten gegangen ist und der Mensch begann, die Berggegenden großflächiger zu roden. Ebenso zu sehen ist die römerzeitliche Warmzeit. Die Ergebnisse der Pollenanalyse passen erstaunlich gut mit Daten aus Moor-Proben zusammen, die von der Geosphere Austria gewonnen wurden.

“Ab etwa 950 n. Chr. treten Spitzenwerte von Arsen, Blei, Kupfer und Silber auf, die mit Phasen intensiver mittelalterlicher Bergbau- und Schmelztätigkeiten in den Alpen und anderen europäischen Regionen übereinstimmen”, wird die Erstautorin der Studie, Azzura Spagnesi von der Università Ca’ Foscari in Venedig, in einer ÖAW-Aussendung zitiert. Bis zum 17. Jahrhundert nahm dann der menschliche Fingerabdruck in den Proben immer weiter Form an.

Viele Fragen rund um ehemalige Eis- und Permafrostflächen

Mit den auch in diesem Jahr anstehenden weiteren Bohrungen – das Team nimmt auch an anderen Alpengipfeln mit ähnlichen Voraussetzungen Bohrkerne – möchte man weiter versuchen, “alle Geheimnisse, die hier verborgen sind, aufzuschlüsseln”, sagte Fischer. Auch heuer gab es wieder sehr wenig Schnee in den Alpen. Das heißt, dass die Schmelze im Sommer wieder voraussichtlich rapide fortschreiten wird. Mit dem viel schneller fortschreitenden Klimawandel und Eisschwund, als das diverse Modelle noch vor kurzem vorhergesagt haben, rücke auch die Frage in den Fokus, was auf den neu freiliegenden Flächen passiert. Diese waren eben teilweise seit 6.000 Jahren vereist.

Insgesamt werden viele Permafrostböden in den Alpen in naher Zukunft schon nicht mehr dauergefroren sein. Hier gebe es noch viele Fragen zu klären – etwa auch dazu, wo es gefährlich wird, wenn Hänge instabiler werden. Fischer: “Die Gletscher sieht man, aber die Permafrostverteilung in Österreich ist weitgehend unbekannt.” Hier gebe es noch viel zu tun – nicht nur für die Forschung.

 

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