Vorfälle häufen sich

Nach erneuter Flucht aus Bozner Gefängnis: Gewerkschaft warnt vor Kollaps

Samstag, 27. Juni 2026 | 10:34 Uhr

Von: luk

Bozen – Nach der neuerlichen Flucht eines Häftlings aus dem Bozner Gefängnis schlägt die Fachgewerkschaft UILFP Gefängnispolizei Alarm. Der Vorfall sei kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines Strafvollzugssystems, das unter Überbelegung und massivem Personalmangel leide.

Wie berichtet, war ein 23-jähriger Häftling aus dem Kosovo in der Nacht auf Mittwoch aus dem Bozner Krankenhaus geflüchtet. Der Mann soll gegenüber den Gefängnisbeamten vorgetäuscht haben, Waschmittel geschluckt zu haben, um in die Notaufnahme eingeliefert zu werden. Von dort gelang ihm wenige Stunden später die Flucht. Nach dem Mann läuft derzeit eine Großfahndung.

Für Gennarino De Fazio, Vorsitzender der UILFP Gefängnispolizei, zeigt der Vorfall die kritische Lage im italienischen Strafvollzug. In Gefängnissen, die dauerhaft im Ausnahmezustand arbeiteten, würden Fluchten, Übergriffe und andere schwerwiegende Zwischenfälle immer wahrscheinlicher. Den Einsatz der Gefängnispolizei und der übrigen Sicherheitsbehörden bei der Fahndung nach dem Flüchtigen würdigte er ausdrücklich.

De Fazio verweist darauf, dass erst vor wenigen Tagen ein weiterer Häftling aus dem Gefängnis von Brindisi entkommen sei. Bereits im August 2025 waren zudem zwei Insassen aus dem Bozner Gefängnis geflüchtet.

Nach Angaben der Gewerkschaft stehen landesweit rund 65.000 Häftlingen lediglich etwas mehr als 43.300 Haftplätze gegenüber. Gleichzeitig fehlten in Italiens Gefängnissen rund 20.000 Beamte der Gefängnispolizei. Hinzu kämen jährlich tausende Übergriffe auf Bedienstete sowie zahlreiche weitere Gewaltdelikte innerhalb der Haftanstalten.

Besonders angespannt sei auch die Situation in Bozen. Laut UILFP sind im Gefängnis derzeit 115 Insassen untergebracht, obwohl lediglich 88 Haftplätze zur Verfügung stehen. Beim Personal seien statt der vorgesehenen 136 Beamten nur 64 im Dienst – eine Unterbesetzung von mehr als 50 Prozent.

Die Gewerkschaft fordert deshalb außerordentliche Maßnahmen, darunter zusätzliches Personal, Investitionen in die Infrastruktur und technische Ausstattung sowie organisatorische Reformen. Ohne einen grundlegenden Kurswechsel drohten sich Vorfälle wie jener in Bozen zu häufen, warnt die UILFP.

Für die Hintergründe der jüngsten Flucht und mögliche Sicherheitsmängel laufen derzeit die Ermittlungen der zuständigen Behörden.

 

Bezirk: Bozen

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