Von: importer
In Spanien ist nach dem schweren Eisenbahnunglück vom Vortag mit mindestens 68 Toten die Suche nach möglichen weiteren Opfern am Donnerstagvormittag fortgesetzt worden. Beim Bergungseinsatz kamen Polizeidrohnen und riesige Kräne zum Einsatz. Auch in der Nacht war die Suche weitergelaufen. Bei den Ermittlungen zu der Ursache wird der Funkverkehr zwischen der Leitstelle in Madrid und den beiden Lokführern eine zentrale Rolle spielen.
Aus dieser Kommunikation gehen laut spanischen Medienberichten mögliche Fehlentscheidungen der Betriebszentrale hervor. Nach den Worten von Verkehrsminister Óscar Puente war die Kollision auf eine “unerklärliche” und “falsche” Entscheidung der Bahnleitstelle zurückzuführen: Obwohl das automatische Zugsicherungssystem nach einem Computerausfall noch nicht wieder funktionierte, habe die Leitstelle dem Renfe-Zug grünes Licht zur Weiterfahrt gegeben, während der Iryo-Zug noch auf der Strecke stand.
Audiomitschnitte des Funkverkehrs
Spanische Medien geben nun den Funkverkehr auf der Grundlage ihnen vorliegender Audioaufnahmen wieder. So habe die Leitstelle dem Lokführer des Renfe-Zuges die Anweisung gegeben, “den normalen Fahrbetrieb” wiederaufzunehmen, obwohl der andere Zug rund 25 Kilometer weiter vorn weiterhin stand. Der Lokführer habe nachgefragt: “Normale Fahrt?” Die Leitstelle habe geantwortet: “Ja.” Laut dem staatlichen Rundfunk RTVE ist auf diesem Abschnitt eine Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h erlaubt. Die Zeitung “El País” schreibt unter Berufung auf die Regierung, der Renfe-Zug hätte angesichts der Lage angewiesen werden müssen, höchstens 40 km/h zu fahren, und zwar “auf Sicht”.
Den Berichten zufolge bekam auch die Lokführerin des Iryo-Zuges die Anweisung, den “normalen Fahrbetrieb” aufzunehmen. Die Lokführerin habe der Betriebszentrale zurückgemeldet, der Systemneustart funktioniere nicht, sie könne daher nicht weiterfahren: “Deshalb stehe ich noch vor dem Signal zur Einfahrt nach Urda.” Darauf habe die Leitstelle geantwortet: “Na gut, dann sobald es geht. Und falls es Probleme gibt, rufen Sie uns an.” Der Renfe-Zug sei zu diesem Zeitpunkt bereits wieder unterwegs gewesen – und nur etwa fünf Minuten später auf den Iryo-Zug aufgefahren.
Staatstrauer und Flaggen in Brüssel auf halbmast
Wegen des Unglücks nahe der Gemeinde Urda begann am Donnerstag in Spanien eine dreitägige Staatstrauer. Auch die Flaggen vor dem EU-Parlament und der EU-Kommission in Brüssel wurden als Zeichen der Trauer und Solidarität auf halbmast gesetzt.
Die Zugkollision hatte sich Mittwochfrüh in der zentralspanischen Region Kastilien-La Mancha südlich von Madrid ereignet, als zwei Hochgeschwindigkeitszüge auf gerader Strecke kollidierten. Ein Zug der spanischen Staatsbahn Renfe mit 397 Passagieren an Bord prallte auf einen auf demselben Gleis stehenden Zug des privaten Betreibers Iryo mit 147 Passagieren. Mehrere Waggons entgleisten und stürzten den Bahndamm herunter. Mindestens 68 Menschen kamen ums Leben, mehr als 100 weitere wurden verletzt. Bisher liegen dem Außenministerium in Wien keine Hinweise vor, dass österreichische Staatsangehörige betroffen sein könnten, heiß es auf APA-Anfrage.
Beide Züge waren auf dem Weg von Madrid in die andalusische Großstadt Sevilla. Die Unglücksstelle liegt rund 110 Kilometer Luftlinie südlich von Madrid. Auf der gleichen Strecke waren erst im Jänner 46 Menschen bei einer Zugkollision gestorben. Wegen der schweren Unfälle steht auch die Regierung des sozialistischen Regierungschefs Pedro Sánchez unter Druck. Das bisher schwerste Zugsunglück in Spanien hatte sich 2013 nahe der Pilgerstadt Santiago de Compostela ereignet. Damals starben 80 Menschen.




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