„Cinema sul Garda“-Plattform auf dem Monte Creino entzweit die Geister

“War das wirklich notwendig?”

Mittwoch, 28. Oktober 2026 | 08:10 Uhr

Von: Martin Geier

Ronzo-Chienis – Das bereits fertiggestellte, aber noch nicht offiziell eingeweihte „Cinema sul Garda“, eine neue, viel diskutierte Aussichtsplattform auf dem Monte Creino in der Gemeinde Ronzo-Chienis im Val di Gresta, entzweit die Geister. Das von der Gemeinde und dem Tourismusverein Apt Garda Dolomiti initiierte Projekt ist wie die Ränge eines Kinos aufgebaut. Eine abgestufte Holzterrasse mit fest installierten Holzstühlen blickt direkt auf das Panorama des Gardasees und der umliegenden Bergwelt. Die Idee dahinter ist, dass die Natur und die tägliche Veränderung der Landschaft den eigentlichen „Film” bilden, wobei das Konzept stark an das berühmte „Knottnkino” in Vöran erinnert.

„Es ist eine Aufwertung des Ortes“, freut sich der Bürgermeister von Ronzo-Chienis, Gianni Carotta. In den sozialen Medien, bei Umweltschutzverbänden und beim italienischen Alpenverein CAI stößt das „Gardasee-Kino“ jedoch auf heftige Kritik. „Wie man eine wunderschöne Landschaft verunstaltet! Man will die Berge aufwerten, indem man sie immer mehr den Städten angleicht, vor denen wir doch gerade fliehen wollen“, so ein Online-Kommentar. Der Präsident der SAT (Società degli Alpinisti Tridentini), Cristian Ferrari, fragt kritisch: „War das wirklich notwendig?”

Facebook/Comune Ronzo-Chienis

Die neue Plattform „Cinema del Garda“ – eine Holzkonstruktion aus Lärche mit Stühlen, die wie in einem Multiplexkino angeordnet sind – ist definitiv ein Blickfang. Die Anlage wurde erst kürzlich auf dem Gipfel des Monte Creino installiert und steht noch vor der offiziellen Einweihung. Von dort aus genießt man einen atemberaubenden Panoramablick auf fast den gesamten Gardasee. Bisher war dies nur liegend auf der Wiese möglich, doch nun kann man den Ausblick auch bequem sitzend auf den neuen Stühlen aus Holz und Metall genießen.

Genau aus diesem Grund steht das von der Gemeinde Ronzo-Chienis in Zusammenarbeit mit dem Tourismusverband Apt Garda Dolomiti initiierte Bauwerk seit einigen Wochen im Zentrum heftiger Kritik. Vor allem in den sozialen Medien äußern Umweltverbände und Bürger ihren Unmut. Auch der WWF Trentino-Alto Adige und die Alpenvereine üben scharfe Kritik an dem Projekt. Sie bemängeln nicht nur die bauliche Umsetzung, sondern wenden sich auch gegen das zugrunde liegende Tourismuskonzept. Sie sprechen von einer „Altogardaland-Logik“ und argumentieren, dass eine solche künstliche Plattform in einer ohnehin wunderschönen und unberührten Naturlandschaft überflüssig ist. Zudem wird befürchtet, dass die Installation vor allem „Social-Media-Tourismus“ anzieht und somit zu Overtourism beiträgt und der Bodenversiegelung Vorschub leistet.

Facebook/Comune Ronzo-Chienis

Die Zahl der ablehnenden Kommentare der Bürger ist groß, vor allem auf Facebook. Die Zustimmung fällt hingegen eher verhalten aus. Ein konstruktiver Kommentar ist der von T. B.: „Wie man ein wunderschönes Panorama verschandelt. Man will den Berg aufwerten, indem man ihn immer mehr wie die Städte aussehen lässt, vor denen wir flüchten wollen.“ Ein schärferer Beitrag ist der von M. R.: „Mir hat es vorher besser gefallen: natürlich und wild. Aber man weiß ja, dass der Mensch überall seine Spuren hinterlassen muss!“ Ganz zu schweigen von Kommentaren, die Beleidigungen enthalten.

Das Projekt stieß jedoch auch auf Zustimmung: „Entschuldigung, aber ich finde es eine nette Idee, die Leuten von auswärts gefallen kann. Ich habe nicht den Eindruck, dass Heerscharen von Touristen das Val di Gresta besuchen. Tretet mal einen Schritt aus euren wunderschönen Gärten heraus und öffnet euch ein bisschen der Welt. Ihr habt bezaubernde Orte, aber man muss sie ein wenig aufwerten. Vom reinen Gemüseanbau kann man schließlich nicht leben.“ F. M. L. C. entgegnet daraufhin: „Man lebt eher vom Gemüseanbau als vom Tourismus. Wenn sich der Wind dreht, wird man im Val di Gresta ganz gewiss nicht mit leeren Händen dastehen.“

Facebook/Luca Rota

Auch Cristian Ferrari, der Präsident der SAT (Società Alpinisti Tridentini, Vereinigung der Trentiner Alpinisten), äußerte sich in der CAI-Zeitschrift Lo Scarpone zu diesem Thema: „Wie wir kürzlich im Zusammenhang mit Klettersteigen bereits betont haben, muss nicht alles, was gebaut werden kann, auch unbedingt realisiert werden. Angesichts des Projekts ‚Cinema del Garda‘ auf dem Monte Creino fragen wir uns, ob es wirklich notwendig ist, eine neue Infrastruktur zu errichten, um ein Naturpanorama aufzuwerten, das von Natur aus bereits einen außergewöhnlichen Wert besitzt.“

Facebook/Luca Rota

Der Bürgermeister von Ronzo-Chienis, Gianni Carotta, weist die Kritik am Projekt entschieden zurück. Er verteidigt die Idee hinter dem Bau der Plattform und sagt: „Das Projekt wurde uns vorgeschlagen und wir haben es unter allen Aspekten geprüft – auch hinsichtlich der Umweltauswirkungen, die praktisch nicht vorhanden sind, da es sich lediglich um bequeme Stühle auf einer Lärchenholzplattform handelt. Unser Ansatz richtet sich an alle und beschränkt sich nicht nur auf Bergbegeisterte. Wir hielten es für richtig, allen Menschen, auch jenen mit Behinderung, die Möglichkeit zu geben, diese Struktur zu nutzen.“

Anschließend erläutert er die Details des Projekts: „Rundherum wird ein Garten angelegt, sodass das Erscheinungsbild sehr angenehm sein wird. Wir haben uns dagegen entschieden, hochwachsende Bäume zu pflanzen. Stattdessen wählen wir bewusst Pflanzen einer bestimmten Höhe, um den natürlichen Windschutz zu erhalten und keine Gefahrenquellen zu schaffen, da es an diesem Ort recht windig ist.“

Facebook/Luca Rota

Ferrari bleibt jedoch skeptisch: „Es geht nicht darum, die Zugänglichkeit der Berge infrage zu stellen – was ein wichtiges und absolut unterstützenswertes Ziel bleibt –, sondern die tatsächliche Notwendigkeit jedes neuen Eingriffs und dessen Folgen für die Landschaft zu hinterfragen. Wir glauben, dass es wichtig ist, die Fähigkeit zurückzugewinnen, anzuerkennen, dass nicht jeder Ort verändert werden muss, um aufgewertet zu werden. Manchmal liegt der Wert einer Landschaft gerade in ihrer Authentizität und der Möglichkeit, sie zu bewundern, ohne etwas hinzuzufügen.“

Facebook/Ivan Damin/La Grande Guerra in cinque passi community

Der Monte Creino ist für seine Schützengräben bekannt. Diese sind ein beeindruckendes Freilichtmuseum des Ersten Weltkriegs. Sie gehörten zur befestigten österreichisch-ungarischen Verteidigungslinie im Val di Gresta und sollten das Vordringen der italienischen Truppen in Richtung Rovereto und ins Etschtal verhindern. Da das Gebiet direkt an der damaligen Grenze lag, wurde der Berg ab 1914 massiv ausgebaut.

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Die Besichtigung ist für historisch Interessierte sehr empfehlenswert. Die Aussichtsplattform ist im Rahmen einer leichten Wanderung oder Biketour zu erreichen, beispielsweise ausgehend vom Wanderparkplatz am Passo Santa Barbara. Aus Südtiroler Sicht wirkt die Heftigkeit der Kritik am „Cinema sul Garda” bizarr, denn die Errichtung des berühmten „Knottnkinos” in Vöran, das bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebt ist, stieß hierzulande kaum auf Kritik.

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