Von: Lukas Unterkofler
Bozen – Mehrere Pestizide können sich in ihrer Wirkung addieren, selbst wenn die einzelnen Substanzen jeweils in Dosen aufgenommen werden, die nach den geltenden toxikologischen Referenzwerten als sicher gelten. Darauf weist eine neue Studie des europäischen Forschungsprojekts SPRINT hin, die in der Fachzeitschrift Environment International veröffentlicht wurde.
Untersucht wurden die Wirkstoffe Glyphosat, Tebuconazol und Acetamiprid – einzeln und in Kombination. Bei den Versuchstieren zeigte sich, dass sich die Wirkungen der drei Substanzen addierten. Einen synergistischen Effekt, bei dem sich die Wirkungen gegenseitig verstärken, stellten die Forscher hingegen ebenso wenig fest wie einen antagonistischen Effekt, bei dem sich die Wirkungen abschwächen.
Veränderungen bei Leber und Organsystemen
Die Untersuchung ergab unter anderem erhöhte Werte bestimmter Enzyme, die auf eine Belastung oder Schädigung der Leber hindeuten. Zudem wurden bei einzelnen Versuchsgruppen Veränderungen am Herz-Kreislauf-System und am männlichen Fortpflanzungssystem festgestellt.
Die Ergebnisse stammen allerdings aus Tierversuchen. Daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, dass beim Menschen unter denselben Bedingungen die gleichen gesundheitlichen Folgen auftreten. Nach Ansicht des Verbraucherschutzvereins Robin zeigt die Studie dennoch, dass die gleichzeitige Belastung durch verschiedene Pestizide bei der Risikobewertung stärker berücksichtigt werden müsse.
„Es reicht nicht mehr zu sagen, dass jedes einzelne Pestizid unter dem Grenzwert liegt“, erklärt Robin-Vertreter Walther Andreaus. Menschen seien nicht jeweils nur einem einzelnen Wirkstoff ausgesetzt, sondern könnten gleichzeitig mit verschiedenen Substanzen in Kontakt kommen.
Kumulative Risiken bereits Thema in der EU
Das von der EU im Rahmen von Horizon 2020 finanzierte Projekt SPRINT („Sustainable Plant Protection Transition“) vereinte 28 europäische Forschungspartner und lief von 2019 bis 2025. Ziel war es unter anderem, die Belastung von Bevölkerung und Landwirtschaft durch Pestizide sowie mögliche Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt besser zu verstehen.
Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) beschäftigt sich bereits mit sogenannten kumulativen Risikobewertungen. Dabei werden mögliche Auswirkungen der gleichzeitigen Belastung durch mehrere Stoffe mit ähnlichen gesundheitlichen Wirkungen untersucht.
Robin fordert nun eine verstärkte Kontrolle von Mehrfachrückständen in Lebensmitteln und Umwelt sowie eine schnellere Umsetzung solcher kumulativen Risikobewertungen. Zudem müsse das Vorsorgeprinzip insbesondere zum Schutz besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen stärker angewandt werden.
Andreaus betont zugleich, die Studie beweise nicht, dass Glyphosat oder ein anderer einzelner Wirkstoff beim Menschen eine bestimmte Krankheit verursache. Sie werfe jedoch die grundsätzliche Frage auf, ob die Sicherheit von Pestiziden weiterhin vor allem anhand der Grenzwerte einzelner Wirkstoffe beurteilt werden könne.




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