Länger leben und besser leben

Wie Stress unsere Lebenszeit frisst

Montag, 02. November 2026 | 11:56 Uhr

Von: Matthias Knapp

Bozen – Stress trägt zu vielen körperlichen und psychischen Erkrankungen sowie zum vorzeitigen Altern bei. Wie lässt sich der Alterungsprozess verlangsamen? Vom biologischen Alter über das Mikrobiom bis hin zur epigenetischen Reprogrammierung: Darüber spricht Dr.in Francesca Lubian, Primaria der Geriatrie des Südtiroler Sanitätsbetriebs, anlässlich der Woche des Stressbewusstseins.

Ein Personalausweis verrät unser Geburtsdatum, aber er erzählt nicht alles über uns. Zwei Menschen, die im selben Jahr geboren wurden, können nämlich sehr unterschiedliche körperliche und funktionelle Voraussetzungen aufweisen: Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen dem chronologischen Alter – jenes, das in unseren Dokumenten steht – und dem biologischen Alter. Das biologische Alter zeigt auf, wie es um unsere Gesundheit bestellt ist und wie stark unser Körper seit unserer Geburt tatsächlich gealtert ist.

„Das biologische Alter vermittelt eine Vorstellung davon, wie Zellen, Organe und Körperfunktionen altern. Es ist von Mensch zu Mensch verschieden, weil es von Genetik, Lebensstil, Umwelt und den im Laufe der Zeit entwickelten Krankheiten beeinflusst wird“, erklärt Dr.in Francesca Lubian, Primaria der Abteilung für Geriatrie am Krankenhaus Bozen.

Der Unterschied zwischen chronologischem und biologischem Alter lässt sich mit dem Begriff Age Acceleration beschreiben, also einer beschleunigten biologischen Alterung. Vereinfacht gesagt, zeigt sich daran, ob der Körper schneller oder langsamer altert, als es das Geburtsdatum vermuten lässt.

Was das Altern beschleunigt

Einige Faktoren, die den Alterungsprozess beschleunigen, sind bekannt und beeinflussbar. Andere hängen mit Umweltbedingungen und dem sozialen Umfeld zusammen.

„Rauchen ist einer der wichtigsten Beschleuniger des Alterns. Es verursacht oxidative Schäden und steht auch mit Veränderungen der DNA in Zusammenhang. Wer länger und gesund leben möchte, sollte nicht rauchen“, sagt die Primaria. „Auch viszerale Adipositas – also eine übermäßige Ansammlung von Fett im Bauchraum – und ein erhöhter Blutzuckerspiegel tragen zur Insulinresistenz bei und fördern Entzündungsprozesse im Körper. Hinzu kommen Bewegungsmangel und Mangelernährung, die den Verlust von Muskelmasse begünstigen.“

Lubian weist außerdem auf chronischen Stress, Umweltverschmutzung, übermäßigen Alkoholkonsum, Einsamkeit und schlechte Schlafqualität hin. „Soziale Isolation gewinnt zunehmend an Bedeutung. Am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und Beziehungen zu pflegen, ist wichtig für die Lebensqualität und die Qualität des Alterns. Auch chronischer Stress und Schlafmangel aktivieren Entzündungsprozesse, die sich auf Dauer sehr nachteilig auswirken können“, betont sie.

Seneszente Zellen und Inflammaging

Eine zentrale Rolle spielen seneszente, also gealterte Zellen. Dabei handelt es sich um Zellen, die sich nicht mehr teilen, aber stoffwechselaktiv bleiben. Im Laufe des Lebens können diese Zellen durchaus nützlich sein, beispielsweise bei der Gewebereparatur und der Tumorunterdrückung. Mit zunehmendem Alter kann das Immunsystem sie jedoch weniger effizient beseitigen, sodass sie sich ansammeln und zum Problem werden. „Wenn sie zu zahlreich werden, können seneszente Zellen zu DNA-Schäden und oxidativem Stress beitragen. Außerdem können sie zum sogenannten Inflammaging beitragen, also einer altersbedingten chronischen Entzündung niedriger Intensität, die häufig ohne erkennbare Symptome verläuft“, erläutert Lubian. „Eine Entzündung ist eine nützliche physiologische Reaktion, wenn sie dem Körper hilft, ein Problem zu lösen. Bleibt sie jedoch über längere Zeit aktiv, kann sie Gewebe schädigen, Fibrose begünstigen und die Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.“

Die sinnvollste Strategie besteht nicht darin, ohne medizinische Indikation Entzündungshemmer einzunehmen, sondern ihre Ursachen zu bekämpfen: „Ausdauerbewegung und Krafttraining, eine mediterrane Ernährung mit viel Gemüse und Ballaststoffen, Rauchverzicht und eine gute Schlafhygiene helfen, Entzündungen zu reduzieren. Entzündungshemmer oder Kortison allein mit dem Ziel einzunehmen, Entzündungen zu reduzieren, ist nicht sinnvoll und kann dem Organismus schaden“, warnt die Fachärztin.

Das Mikrobiom als Brücke zwischen Darm und Gehirn

Langlebigkeit führt auch über den Darm. Das Mikrobiom umfasst alle Mikroorganismen, die im Darm leben. Seine Vielfalt scheint eine wichtige Rolle bei der Erhaltung der Darmbarriere und bei der Regulierung von Entzündungen zu spielen. „Bei Menschen, die hundert Jahre oder älter sind, beobachtet man häufig ein sehr vielfältiges Mikrobiom. Bakterien tragen dazu bei, die Darmbarriere intakt zu halten. Dadurch wird der Übertritt von Stoffen begrenzt, die Entzündungen fördern und andere Organe, einschließlich des Gehirns, schädigen können“, betont die Primaria. Die Beziehung wirkt in beide Richtungen: Das Gehirn beeinflusst den Darm, und der Darm beeinflusst das Gehirn. Nach Angaben von Lubian findet sich bei gebrechlichen älteren Menschen eine geringere Vielfalt des Mikrobioms. Deshalb ist eine ballaststoffreiche Ernährung nicht nur für Verdauung wichtig, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil einer umfassenden Präventionsstrategie.

Von der Forschung zur epigenetischen Reprogrammierung

In den vergangenen Jahren hat die Langlebigkeitsforschung versucht, die biologischen Mechanismen des Alterns systematisch zu ordnen: von Veränderungen der epigenetischen Regulation, die die Aktivität von Genen beeinflussen, ohne die DNA-Sequenz selbst zu verändern, bis hin zur gestörten Autophagie, also der verminderten Fähigkeit der Zellen, beschädigte Bestandteile abzubauen und wiederzuverwerten. Besonders vielversprechend ist jedoch die epigenetische Reprogrammierung. „Im Labor ist es möglich, eine Zelle zu ‚verjüngen‘. Eine vollständige Reprogrammierung birgt jedoch das Risiko, dass die Zelle ihre Spezifität verliert und Tumorprozesse aktiviert werden. Deshalb konzentriert sich die Forschung auf eine partielle Reprogrammierung, die die Zelle verjüngen soll, ohne ihre grundlegenden Eigenschaften und ihre spezifische Funktion zu verändern“, erklärt Lubian. Nach Einschätzung der Expertin geht es bei möglichen klinischen Anwendungen nicht darum, den gesamten Organismus wie in einer Science-Fiction-Geschichte zu verjüngen. Der mögliche Einsatz ist gezielter: Es geht darum, auf bestimmte Gewebe oder Erkrankungen einzuwirken. Es handelt sich um eine vielversprechende Forschungsrichtung, aber noch nicht um eine verfügbare Methode zur Verjüngung von Menschen. „Eine vollständige zelluläre Reprogrammierung des Menschen sehe ich nicht unmittelbar bevorstehen. Ich sehe darin vielmehr einen möglichen zukünftigen Ansatz zur Bekämpfung bestimmter Erkrankungen.“

Die wirksamste Maßnahme ist bereits verfügbar

Am Ende führt das Gespräch vom Labor zurück in den Alltag. Selbst modernste Erkenntnisse ersetzen nicht die bekannten Präventionsmaßnahmen. Eine besondere Rolle spielt dabei Bewegung: Sie kann Entzündungen entgegenwirken, Muskelmasse erhalten und die Selbstständigkeit unterstützen. „Wenn ich einen einzigen Faktor nennen müsste, der zu einem langen und gesunden Leben beiträgt, wäre es körperliche Aktivität. Dafür braucht es keine außergewöhnlichen Anstrengungen: die Treppe statt des Aufzugs nehmen, sich am Arbeitsplatz bewegen sowie Ausdauer- und Krafttraining miteinander verbinden. Das sind einfache Mittel, aber mit wirklich positiven Wirkungen“, sagt Lubian. Das Ziel besteht nicht nur darin, dem Leben Jahre hinzuzufügen, sondern Gesundheit, Beziehungen und Entscheidungsfähigkeit zu bewahren. Gesund zu altern bedeutet, möglichst lange aktiv und selbstständig zu bleiben. Und Prävention, erinnert die Ärztin, beginnt sehr früh: „Denn die Ernährung der Mutter, Stressreduktion, eine gute Schlafhygiene und ausreichend körperliche Aktivität während der Schwangerschaft schaffen günstige Voraussetzungen für das ungeborene Kind.“

Bezirk: Bozen

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