Von: Martin Geier
Rom/Mailand – Nachdem es am letzten Wochenende in Mailand und anderen italienischen Städten zu schweren Ausschreitungen, Plünderungen und Gewaltexzessen gekommen war, bei denen Dutzende Sicherheitskräfte verletzt wurden, blieb es abgesehen von einigen Zusammenstößen zwischen gewaltbereiten Demonstranten und Sicherheitskräften an diesem Wochenende fast ruhig.
Dies dürfte neben den verschärften Maßnahmen des Sicherheitspakets der römischen Regierung vor allem der Verhaftung von Youssef Siher zu verdanken sein. Die Ermittler halten den 30-jährigen italienischen Forscher und Aktivisten der zweiten Generation, Youssef Siher, für den „Kopf“ und Gründer der „Bewegung 17. Oktober“ (Movimento 17 ottobre, Anm. d. Red.), einer Social-Media-Plattform, die auf Instagram und Telegram aktiv ist und die gewaltsamen Proteste und Straßenschlachten am Wochenende des 17. und 18. Oktober in Mailand und anderen italienischen Städten koordiniert und weiter angefacht hat.

Ausgangspunkt der Ermittlungen, die zur Festnahme des der Polizei bis dahin weitgehend unbekannten Siher führten, war die Auswertung seiner Online-Aktivitäten im radikalislamischen Pro-Pal-Milieu. Der italienische Inlandsgeheimdienst AISI soll ihn durch die Nachverfolgung seiner Social-Media-Profile ausfindig gemacht haben. Laut der römischen Zeitung La Repubblica hatten die Geheimdienstbeamten ihn bereits 48 Stunden vor dem Zugriff identifiziert. Zudem gelangten die Ermittler der Postpolizei und der Spezialeinheit DIGOS dank der Zusammenarbeit mit dem Konzern Meta an den Administrator der Instagram-Seite. Die Ortung seines Smartphones führte die Beamten in den Mailänder Stadtteil Corvetto, wo er bei einer befreundeten Pro-Palästina-Aktivistin untergekommen war. Er wurde festgenommen und in das Mailänder Gefängnis San Vittore verlegt.
Die Mailänder Staatsanwaltschaft wirft ihm Anstiftung zu einer Straftat mit terroristischem Hintergrund sowie Störung der öffentlichen Sicherheit bei Demonstrationen vor. Hinzu kommt Artikel 420-bis des neuen Dekrets zur organisierten Gewalt bei öffentlichen Demonstrationen. Gegen seine Ehefrau wird wegen derselben Straftaten ermittelt, da sie seine Seiten in den sozialen Medien betreut haben soll. Sie befindet sich jedoch auf freiem Fuß.
Um seine Person bleiben jedoch noch zahlreiche Fragen offen. Dies betrifft insbesondere das Netzwerk, dem er angehört haben soll, seine Verbindungen zum islamistischen Extremismus und die Frage, ob er tatsächlich keine Rolle spielte oder spielen konnte, bevor es in Mailand zu Plünderungen und Verwüstungen kam.
Doch noch spannender ist die Frage, ob es eine Verbindung zwischen der von Siher gegründeten und gepushten „Bewegung 17. Oktober“ und der prorussischen Hackergruppe „Noname057(16)“ gab. Um dies herauszufinden, hat das Gemeinsame Kommando für Cyber-Nachrichtendienst – Abteilung für Information und Sicherheit (Comando Interforze Cyber Intel – Reparto Informazioni e Sicurezza COCI-RIS, Anm. d. Red.) der italienischen Streitkräfte in Zusammenarbeit mit anderen Sicherheitsbehörden intensive Ermittlungen aufgenommen. Im Raum steht der Verdacht einer Allianz im Bereich der hybriden Kriegführung, die darauf abzielte, Italien durch Straßenschlachten, Gewaltexzesse, Plünderungen und Cyberangriffe zu destabilisieren.
Laut der Rekonstruktion der Ermittler zielte die für den 24. Oktober geplante Mobilisierung darauf ab, institutionelle Websites lahmzulegen und acht große italienische Städte – Mailand, Rom, Turin, Florenz, Bologna, Genua, Bari und Padua – durch Sachbeschädigungen, Plünderungen und Ausschreitungen ins Visier zu nehmen. Auffälligerweise stieg das Alarmlevel rund um das von Youssef Siher verwaltete Instagram-Profil der Initiative mit über 32.000 Followern dramatisch an. Am Vorabend der Aktion, dem 23. Oktober, hatten „Noname057(16)” und das prorussische „Dark Storm Team” ihre Unterstützung für die Proteste in Italien und Frankreich erklärt. Bis dahin hatte sich die Beteiligung jedoch auf Solidaritätsbekundungen ohne direkte Angriffsdrohungen beschränkt.

Verteidigungsminister Guido Crosetto und weitere Regierungsvertreter warfen Moskau vor, die Unzufriedenheit ausnutzen zu wollen, um Europa zu destabilisieren. Zu diesen mutmaßlichen Verwicklungen Moskaus äußerte sich Wladimir Putin persönlich im staatlichen russischen Fernsehen. Dort wies der Präsident alle Vorwürfe zurück und tat die Vermutung einer russischen Einflussnahme über die Unruhen in Europa als Beweis für die Schwäche westlicher Führungspersönlichkeiten ab, die nicht in der Lage seien, innere Krisen zu bewältigen.

Doch Youssef Sihers politischer Aktivismus im radikalislamischen Pro-Palästina-Lager sowie die vermuteten Verbindungen seiner „Bewegung 17. Oktober” mit prorussischen Hackern sorgen auch in seinen eigenen Reihen für Unmut. Während die Ergebnisse der gerichtlichen Ermittlungen noch ausstehen, spiegelt die Debatte in den Online-Chats eine tiefe Polarisierung wider.
Wie der Mailänder Corriere della Sera berichtet, greift ein Teil der Nutzer Sihir offen an und wirft ihm vor, ein V-Mann und ein „Maulwurf“ zu sein, der die islamische Gemeinschaft destabilisieren wolle. Dabei werden sowohl seine akademische Laufbahn als auch sein Lebensstil infrage gestellt. Diese Behauptungen kursieren in den Netzwerken, wurden jedoch bislang nicht offiziell bestätigt. Wie aus den Ermittlungen zudem hervorzugehen scheint, soll Siher auch künstliche Intelligenz für die kommunikativen Aspekte seiner Propaganda eingesetzt haben.

Nach dem glimpflich verlaufenen Wochenende und der Verhaftung von Youssef Siher herrscht in der italienischen Öffentlichkeit zwar etwas Erleichterung. Doch die Möglichkeit, dass sich radikalislamistische Pro-Pal-Aktivisten, Plünderer und prorussische Hackergruppen zu einer Allianz zusammengeschlossen haben, um Italien zu destabilisieren, sorgt für Furcht und Entsetzen. Die römische Regierung unter Giorgia Meloni ist fest entschlossen, diese Gefahr zu bannen.





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