Landwirtschaft, digital und für mehr Selbstbestimmung

Junges Paar macht Höfe in Italien zum Geschäftsmodell

Sonntag, 25. Oktober 2026 | 08:09 Uhr

Von: Sophia Molitor

Radicofani – In Italien liegen zahlreiche landwirtschaftliche Flächen brach oder werden nicht mehr bewirtschaftet. Gleichzeitig suchen Menschen nach neuen beruflichen Perspektiven und nach Möglichkeiten, nachhaltiger zu leben. Der Agrarsektor muss dabei nicht ausschließlich auf die Produktion und den Verkauf von Lebensmitteln beschränkt bleiben: Land kann auch zu einem Ort für Bildung, Naturerfahrung und Begegnung werden. Dieser Meinung ist das junge Paar aus Montepulciano in der Toskana. Alessandro De Luca [30] und Valentina Cerretani [30] zeigen wie sich auch kleine, ungenutzte Grundstücke in wirtschaftlich tragfähige und ökologisch sinnvolle Projekte verwandeln lassen und haben ihr Wissen darüber zu ihrem Lebenstraum gemacht. Die Projekte steuern sie mittlerweile über die digitale Plattform “Rendita Agricola” und völlig ortsunabhängig von Portugal aus.

Die Geschichte der beiden beginnt jedoch nicht auf dem Feld, sondern hinter der Theke einer Familienbar. Dort arbeiteten sie nach eigenen Angaben täglich bis zu 14 Stunden, während sie von einem Leben näher an der Natur, selbstbestimmter und unabhängig von festen Arbeitszeiten träumten.

2019 brachte ein schwerer Autounfall ihre Pläne ins Wanken. Durch die Reparatur des Wagens hat das junge Paar ihre ganzen Ersparnisse für den Aufbau ihrer Zukunft aufgebraucht, doch statt aufzugeben, entschieden sie sich, weiter in ihre Ausbildung zu investieren. Sie vertieften ihr Wissen über Landwirtschaft, Biologie, Marketing und unternehmerische Strategien und entwickelten daraus schrittweise ein eigenes Konzept. 2020 meldeten sie offiziell ihre eigene Farm Il Poggiolo in Radicofani, in der Provinz Siena an und gründeten ihre Online-Schule “Rendita Agricola”.

Il Poggiolo ist der einzige Hof, den Alessandro und Valentina selbst besitzen. Dort setzten sie vor allem auf hochwertige Nischenprodukte statt auf landwirtschaftliche Massenware. Sie bauen unter anderem Safran an, gewinnen Regenwurmhumus zur Bodenverbesserung und produzieren Trüffel sowie Olivenöl. Auch die Wiederbelebung traditioneller toskanischer Rebsorten gehört zu ihrem Ansatz. Dabei orientieren sie sich an der BSC-Methode, die natürliche Bodenprozesse stärkt und auf den Einsatz chemischer Hilfsmittel verzichtet.

Der Hof dient zugleich als Vorzeigeprojekt für ein weitgehend digitalisiertes und systematisch organisiertes Betriebsmodell: Die täglichen Arbeiten werden von einem lokalen Team übernommen, während die Eigentümer von Portugal aus die strategischen Abläufe steuern können. Durch klar strukturierte Prozesse, digitale Organisation und die gezielte Ausrichtung auf hochwertige Produkte kann der Betrieb auch ohne ihre ständige Anwesenheit vor Ort wirtschaftlich funktionieren.

Genau dieses Modell vermitteln die beiden auch über ihre Online-Schule, in der Sie anderen zeigen, wie sich brachliegende oder ungenutzte Flächen in wirtschaftlich tragfähige Betriebe und Lernbauernhöfe verwandeln lassen, damit Schulklassen und andere Besucher Landwirtschaft und Natur unmittelbar erleben können. Geplant werden Führungen, Workshops oder Verkostungen. Die pädagogischen Konzepte und das unternehmerische Wissen werden digital vermittelt, während die praktische Umsetzung vor Ort bei den jeweiligen Hofbetreibern und ihren Teams liegt.

Selbstbestimmter Arbeiten und in Kontakt mit der Natur

Alessandro bringt vor allem Kenntnisse in Psychologie, Marketing und Unternehmensentwicklung ein, während Valentina sich als Biologin auf Pflanzen, Böden und nachhaltige Anbaumethoden konzentriert. Gemeinsam wollen sie zeigen, dass brachliegende Flächen wieder belebt und Menschen einen selbstbestimmteren Zugang zur Arbeit ermöglichen können. Zudem fördern diese Aktivitäten in ihren Augen auch die Beziehungen zwischen Gesellschaft und Natur.

Das Konzept richtet sich auch an Menschen, die mit begrenzten Mitteln beginnen oder zunächst nebenberuflich ein eigenes Projekt aufbauen möchten. Ziel ist es, den Menschen zu vermitteln, dass ungenutzte Flächen einen Zugang zu einer selbstbestimmteren Arbeit darstellen können.

Ihre Erfahrungen hat das Paar unter anderem in zwei Büchern zusammengefasst, die in fünf Schritten die Auswahl geeigneter Anbauformen, nachhaltige Anbaumethoden, betriebswirtschaftliche Planung, Vermarktung und bürokratische Anforderungen behandeln. Es soll Einsteigern Orientierung geben und bereits tätigen Landwirten helfen, ihre Betriebe wirtschaftlich tragfähiger zu gestalten.

Auch ihre online Workshops dienen dazu, zu vermitteln, dass landwirtschaftliches Wissen allein nicht ausreicht, um einen Betrieb langfristig erfolgreich zu führen. Entscheidend sei auch, ökologische Zusammenhänge zu verstehen, wirtschaftlich zu planen und die eigenen Produkte oder Angebote überzeugend zu vermitteln.

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