Von: Lukas Unterkofler
Selva di Cadore – Mehr als acht Jahrzehnte lang blieb eine Nachricht aus dem Zweiten Weltkrieg verschollen.
Nun ist eine Feldpostkarte des italienischen Soldaten Orlando Dell’Andrea bei seinen Nachkommen angekommen.
Der Mann hatte am 5. Juni 1944 aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager an seine Frau Carmela geschrieben. Erst ein historischer Sammler brachte die Karte wieder ans Licht und ermöglichte der Familie, die Geschichte ihres Vorfahren neu zu entdecken.
Zufallsfund führt zu den Nachkommen
Der historische Forscher und Sammler Pasquale Alessandro Campo hatte die Karte auf einem Markt erworben. Über seine Facebook-Seite „La posta torna a casa“ versucht er, die Nachkommen italienischer Militärinternierter ausfindig zu machen und ihnen alte Briefe und Karten zurückzugeben.
Mit einem Aufruf in der Facebook-Gruppe „Son da Selva“ suchte er nach Angehörigen von Orlando Dell’Andrea aus Selva di Cadore in der Provinz Belluno. Martina Pallua stieß Ende September auf den Beitrag. Der Name ihres Urgroßvaters war ihr sofort vertraut. Die Überraschung war groß: Nach 82 Jahren hatte die Nachricht endlich ihren Weg zur Familie gefunden.
Liebevolle Worte aus der Gefangenschaft
In der Karte berichtet Orlando seiner Frau, dass er ihre Nachricht vom 11. Mai erhalten habe. Er erkundigt sich nach der Familie und erwähnt seinen Bruder Arnaldo, der ebenfalls Soldat war und mit dem er keinen Briefkontakt halten konnte. Vor allem aber versucht er, Carmela zu beruhigen. Er werde wie immer zurechtkommen, schreibt er sinngemäß, und schickt seiner Frau und den Kindern liebe Grüße und unzählige Küsse.

Martina hat ihren Urgroßvater nie kennengelernt. Er starb drei Jahre vor ihrer Geburt. Über die Kriegszeit wurde in der Familie nur wenig gesprochen. Ihre Urgroßmutter Carmela erinnerte sich jedoch an die schwierigen Jahre, in denen sie mit zwei kleinen Kindern allein in Selva di Cadore zurückblieb, ohne zu wissen, ob ihr Mann jemals zurückkehren würde. Die Familie lebte in rund 1.400 Metern Höhe in den Dolomiten, wo harte Winter und die ohnehin schwierigen Lebensbedingungen den Alltag zusätzlich erschwerten.
Zwei Fluchtversuche und eine gefährliche Heimkehr
Im Frühjahr 1945 gelang Orlando schließlich die Rückkehr. Zwei Fluchtversuche waren dafür nötig: Der erste scheiterte, beim zweiten machte er sich auf eine lange und gefährliche Reise Richtung Heimat. Familienerzählungen berichten von Flussdurchquerungen, obwohl er nicht schwimmen konnte, und einer Zugfahrt in Zivilkleidung neben einem deutschen Offizier.
Auch nach seiner Ankunft in Cortina war er noch nicht in Sicherheit. Schließlich erreichte er zu Fuß Selva di Cadore. Seine Kinder Arrigo und Maria erkannten den Vater zunächst nicht wieder. Er war krank, schmutzig und von Läusen befallen. Die beiden liefen erschrocken davon.
Wie schlecht die Gefangenen behandelt wurden, zeigen weitere Erinnerungen, die in der Familie überliefert wurden: Demnach suchten manche von ihnen sogar in Hundenäpfen nach Essensresten. Als die Bewacher dies bemerkten, ließen sie auch diese Reste nicht mehr zurück.
Ein besonderes Wiedersehen nach Jahrzehnten
Am 13. Oktober traf die Karte bei Martina ein – ausgerechnet in einer Zeit, in der sie nach 15 Jahren in Santa Lucia di Piave beschlossen hatte, wieder nach Selva di Cadore zurückzukehren, berichtet der Corriere della Sera. Für sie ist dieser zeitliche Zusammenhang etwas Besonderes. Die Nachricht habe ihr ermöglicht, sich der Geschichte ihres Urgroßvaters anzunähern und seinen Spuren zu folgen.

Auch ihr heute 87-jähriger Onkel Arrigo, der Sohn von Orlando, konnte durch den Fund Erinnerungen an die Vergangenheit neu aufleben lassen. Eine jahrzehntelang verschollene Karte ist damit zu einem persönlichen Zeugnis geworden, das die Familiengeschichte greifbarer macht.




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