Von: Lukas Unterkofler
Brescia – Spritz, Gin Tonic, Thunfisch-Tatar oder Pasta mit Muscheln sucht man in den Berghütten der Valle Camonica in der norditalienischen Provinz Brescia meist vergeblich.
Stattdessen stehen Polenta mit Käse, Speck- und Wurstplatten, Pilzgerichte und Minestrone auf den Speisekarten. Die Hüttenwirte rund um den Adamello setzen bewusst auf traditionelle Bergküche und sehen darin keinen Widerspruch zu den veränderten Gewohnheiten ihrer Gäste.
“Wer hierherkommt, sucht den Berg”, sagt Gianluca Madeo, Hüttenwirt des Rifugio Serafino Gnutti in Sonico. Vor allem im Juli und August kommen zunehmend Menschen, die nur im Sommer wandern.
In den Monaten Mai und Juni sowie im September und Oktober seien hingegen häufiger erfahrene Alpinisten unterwegs, die das ganze Jahr über in den Bergen unterwegs sind.
In seiner Hütte hielten sich die ungewöhnlichen kulinarischen Wünsche dennoch in Grenzen. Der Grund liegt für Madeo auf der Hand: Das Rifugio ist ausschließlich zu Fuß erreichbar, Straßen gibt es nicht. “Selbst ein Spritz klingt hier oben irgendwie unpassend”, sagt er. Wenn Gäste danach fragen, werde er zwar serviert – allerdings ganz unspektakulär im normalen Trinkglas.
Mehr junge Besucher in den Bergen
Auch am Lago Aviolo hat sich das Publikum verändert. Simona Zani, die gemeinsam mit ihrer Familie das Rifugio Sandro Occhi all’Aviolo führt, beobachtet vor allem mehr junge Besucher, die in größeren Gruppen kommen. Über einen möglichen “Overtourism” am Aviolo werde zwar gesprochen, doch nur ein kleiner Teil der Besucher komme tatsächlich bis zur Hütte.
Auf der Speisekarte bleibt die traditionelle Bergküche bestimmend: Zu den Spezialitäten gehören frische Pasta mit Steinpilzen oder Wild. “Bei schönem Wetter wird gearbeitet, die Saison läuft gut”, berichtet Zani.
Die zunehmende Erwärmung verändert unterdessen auch den Alpinismus. Der Rückgang der Gletscher macht mehrere Wege anspruchsvoller und gefährlicher. Die Ende Juli wieder geöffnete Klettersteigroute Terzulli ist deshalb zu einer wichtigen Route auf den Adamello geworden.
Erreichbarkeit bestimmt Angebot
Wie eine Berghütte wirtschaftet, hängt auch stark von ihrer Erreichbarkeit ab. Zur Malga Stain oberhalb von Edolo gelangt man in etwas mehr als einer Stunde zu Fuß. Dort gibt es unter anderem kleine kanadische Hütten für Übernachtungen. Das Rifugio San Fermo oberhalb von Borno ist ebenfalls relativ gut erreichbar – die neuen Betreiber Luca Re und Valentina Pezzotti haben dort sogar einen Whirlpool installiert.
Deutlich ursprünglicher geht es im Rifugio Maria e Franco in der Gemeinde Ceto auf mehr als 2500 Metern Höhe zu. Die Hütte liegt an der Alta Via dell’Adamello und wird vor allem von italienischen Alpinisten sowie von deutschen und niederländischen Wanderern genutzt.
Hüttenwirt Marco Lombardi verweist auf die besonderen logistischen Herausforderungen in dieser Höhe. Selbst frisches Brot zu beschaffen, kann einen erheblichen Aufwand bedeuten. Auch die Kosten für den Transport von Lebensmitteln und Getränken seien hoch. “Es macht keinen Sinn, eine Palette mit Sekt per Hubschrauber heraufzubringen und die Flaschen anschließend zu einem unbezahlbaren Preis anzubieten”, sagt Lombardi.
Stattdessen konzentriert er sich auf selbstgemachte Kuchen und Pizzoccheri – Nudeln aus Buchweizen- und Weizenmehl. Beschwerden gebe es darüber keine. Im Gegenteil: Selbst ein einfaches Bier aus der Dose könne nach dem Aufstieg in mehr als 2500 Metern Höhe das Gefühl vermitteln, “der König der Welt” zu sein.




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