Von: Martin Geier
Rom – Nach der schockierenden Gewalttat an der Mittelschule „Giovanni Verga“ im römischen Viertel Centocelle, bei der ein 13-jähriger Schüler eine Lehrerin mit einem Messer leicht verletzt hat, nachdem er ihr zuvor Pfefferspray ins Gesicht gesprüht hatte, sind die Ermittlungen in vollem Gange.
Die ersten Gesuchten sind die fünf Personen, mit denen er bis kurz vor der Tat auf Telegram live war. Im Visier der Carabinieri stehen aber auch eine Reihe von Extremisten aus der rechtsradikalen und anarchistischen Szene – etwa aus der „True-Crime-Community“ –, mit denen der Mittelschüler in Verbindung stand und die ihn zur Tat angestachelt haben sollen.
Der Vorfall in der römischen Mittelschule wirft auch ein Schlaglicht auf die Festnahmen in Italien und die Amokläufe im Ausland, die demselben Problemkreis zugerechnet werden können. Bildungsminister Giuseppe Valditara kündigte an, den Schüler kongolesischer Herkunft, der eingegriffen hatte, um den bewaffneten 13-Jährigen zu stoppen, offiziell auszuzeichnen. „Ich werde ihn ins Ministerium einladen und wir werden ihn auszeichnen. Ich schätze diese sehr schöne Geste, die zeigt, wie man sich bürgerbewusst verhalten kann.”

Je weiter die Ermittler der Carabinieri in die Onlinenetzwerke – vorwiegend auf TikTok und Telegram – vordringen, um die Hintergründe der Bluttat zu ergründen und die Anstifter des 13-jährigen Mittelschülers zu identifizieren, desto tiefer offenbaren sich ihnen die Abgründe. Der Verdacht, dass sich der 13-Jährige, der sich zu Hause und dann in der Toilette der Schule mit Airsoft-Helm, -Brille und -Handschuhen sowie zwei im Internet gekauften Dolchen auf den Messerangriff auf die Lehrerin vorbereitet hat, aus dem Netz Motiv und Anweisungen holte, ist mehr als nur ein Verdacht.
„Ich habe online Leute kennengelernt. Menschen. Freunde.“ So beginnt die Schilderung des 13-jährigen Schülers, der auf seine 66-jährige Italienisch- und Geografielehrerin Isabella Marsilio an der Mittelschule „Giovanni Verga“ in Centocelle in Rom eingestochen hat.
Laut den Ermittlern sollen sie die „Anstifter“ der Tat des Jungen sein. Er hatte seine Absichten mit einem Countdown auf TikTok angekündigt: „Schaut euch die Nachrichten an“, teilte er 45 Minuten vor der Tat mit. Seine Seite mit 4.000 Followern und über 70.000 Likes wurde inzwischen von der Plattform gesperrt. Der Verdacht richtet sich insbesondere gegen die „True-Crime-Community“ (TCC). Die ersten „Gesuchten“ sind die fünf Personen, die den Livestream auf Telegram verfolgt haben.
Die „True-Crime-Community“ (TCC) ist eine internationale Gruppe von True-Crime-Fans, die sich online treffen, um ihre Faszination für Gewalt sowie ihre Verehrung von Serien- und Massenmördern zu teilen. In einigen Fällen gehen die Fans sogar so weit, die Taten nachzuahmen. In dem Video, das inzwischen im Dark Web und auf TikTok die Runde macht, kommt er in der Schule an. Im Badezimmer setzt er sich einen militärgrünen Helm auf. Er befestigt sein Smartphone daran, um die Kamera auszurichten. Er trägt Handschuhe und hat einen Dolch am Gürtel. Während er den Flur entlanggeht, zieht er einen zweiten Dolch heraus. Als er das Klassenzimmer betritt, bricht das Video ab. Das Video wurde von jemandem aufgenommen, der an dem Livestream teilnahm. Aus diesem Grund vermuten die Ermittler, dass der Jugendliche Anweisungen erhalten hat, beispielsweise welche Art von Messern er verwenden und welches Reizgas er kaufen sollte.

Bei der Tat trug der 13-Jährige ein T-Shirt mit der Abkürzung „TMD“, die für „Total Muslim Death“ steht – ein Code der weißen Vorherrschaft. Auf dem weißen T-Shirt und dem schwarzen Helm stehen die Namen von Brenton Tarrant, dem Attentäter von Christchurch, Anders Breivik, dem Terroristen von Utøya, Dylan Klebold, dem Täter des Massakers von Columbine, sowie möglicherweise Cain Clark, dem Verantwortlichen für das Massaker von San Diego. Hinzu kommt die Lebensrune der nationalsozialistischen SS, mit der die Zeugung arischer Kinder gefeiert wurde.
Aus diesem Grund besteht der Verdacht, dass er von rechtsextremen Kreisen angesprochen und beeinflusst wurde. Der Schüler hatte zudem auf TikTok Timofey Kulyanov gewürdigt. Dieser war vor einem Jahr in eine Schule in der Nähe von Moskau eingedrungen und hatte einen zehnjährigen Buben tadschikischer Herkunft mit Messerstichen getötet. Auch Kulyanov hatte alles in den sozialen Medien veröffentlicht, einschließlich der Vorbereitung des Hinterhalts.
Es gibt noch einige ungeklärte Aspekte: Einerseits betrifft dies die angeblich fehlende Kontrolle der Erwachsenen über die Nutzung von Smartphone und PC durch den Mittelschüler. Andererseits stellt sich die Frage, wie es ihm gelingen konnte, den militärgrünen Helm mit einer Halterung für das Smartphone, das er als GoPro nutzte, samt der restlichen Ausrüstung für den Hinterhalt auf einer Airsoft-Website mit der Kreditkarte seiner Mutter zu kaufen.
Der 13-Jährige, der sich nach wie vor zur Beobachtung in der Kinderneuropsychiatrie des Poliklinikums Umberto I befindet und gestern seine Eltern für nur eine Stunde treffen durfte, hat es sogar geschafft, sich das Paket vom Kurier aushändigen zu lassen, ohne dabei entdeckt zu werden. Es stellen sich also etliche unbequeme Fragen, die auf die Eltern – samt möglicher Schadenersatzforderungen – zukommen.
Auch der Klassenkamerad des Täters, der eingegriffen hatte, um den bewaffneten 13-Jährigen zu stoppen – ein Schüler kongolesischer Herkunft – wurde im Beisein seines Vormunds von den Carabinieri zum Tatablauf befragt. Die Ermittler lobten dabei seinen großen Mut und seinen Einsatz. Bildungsminister Giuseppe Valditara kündigte an, den Schüler, der in einem Wohnheim in der Nähe der Schule lebt, offiziell auszuzeichnen: „Ich werde ihn ins Ministerium einladen und wir werden ihn auszeichnen. Ich schätze diese sehr schöne Geste, die zeigt, dass man sich unabhängig vom Geburtsort vorbildlich verhalten kann.“





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