Blutiger Ferragosto: Drei Femizide in zwei Tagen – VIDEO

“Wir waren acht Mal bei den Carabinieri”

Mittwoch, 19. August 2026 | 07:15 Uhr

Von: Martin Geier

Camponogara/Amendolara/Sant’Angelo a Cupolo – Trotz der sukzessiven strafrechtlichen Verschärfungen, die mit der Einführung des sogenannten Codice Rosso – eines Gesetzes zur Einführung eines beschleunigten Verfahrens zur Bearbeitung von Strafverfahren im Zusammenhang mit häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt – einhergingen, ist nur ein kaum spürbarer Rückgang der Femizide zu verzeichnen. Traurig ist, dass es am Wochenende des Hochunserfrauentags – in Italien besser als Ferragosto bekannt – innerhalb von nur 48 Stunden zu drei Femiziden kam.

Das erste Opfer war Maria D’Alessandro, eine 76-jährige Postangestellte im Ruhestand. Sie wurde in ihrem Einfamilienhaus in Sant’Angelo a Cupolo in der Provinz Benevento in Kampanien auf dem Höhepunkt eines Streits von ihrem gleichaltrigen Ehemann Faustino Cardillo erstochen. Der Täter alarmierte selbst die Carabinieri und versuchte anschließend, sich das Leben zu nehmen. Er wurde medizinisch erstversorgt und direkt nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus in das Gefängnis überführt.

Bei der zweiten Frau, die an Ferragosto einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel, handelt es sich um Ornella Forastefano. Die 46-Jährige betrieb zusammen mit ihren beiden Söhnen eine Bar in Trebisacce in Kalabrien.

Ersten Ermittlungsergebnissen zufolge wurde die Frau in der Nacht vom 15. auf den 16. August in ihrer Wohnung in Amendolara in der Provinz Cosenza, wo sie seit etwa einem Jahr mit ihrem Lebensgefährten zusammenlebte, brutal zusammengeschlagen. Das Opfer wurde im Sterben liegend vor die Notaufnahme des Krankenhauses von Trebisacce gebracht und dort zurückgelassen. Das diensthabende Krankenhauspersonal wurde zwar sofort auf die vor dem Krankenhaus im Sterben liegende Frau aufmerksam, doch ihr Leben konnte trotz intensiver ärztlicher Bemühungen nicht mehr gerettet werden. Kurze Zeit nach ihrer Einlieferung erlag Ornella Forastefano ihren schweren inneren Verletzungen.

Der mutmaßliche Täter, der Lebensgefährte der Frau, Elvis Metvelaj, ein 42-jähriger albanischer Staatsangehöriger, war zunächst untergetaucht. Die Carabinieri haben den 42-Jährigen im Hafen von Bari abgefangen und festgenommen, als er versuchte, eine Fähre zu besteigen, um nach Albanien zu fliehen.

Er sitzt nun im Gefängnis von Bari in Untersuchungshaft und schweigt vor dem Ermittlungsrichter zu allen Vorwürfen. Das gegen ihn zusammengetragene belastende Material soll jedoch eindeutig auf seine Täterschaft hindeuten.

Doch es ist der Femizid an der 39-jährigen Tania Terrin, der sich in der Nacht zum 15. August 2026 in Camponogara bei Venedig ereignete, der die italienische Öffentlichkeit besonders aufrüttelt. Die Frau starb durch die Hand ihres ehemaligen Lebensgefährten, des 43-jährigen Dino Keber, der sich nach der Tat in seiner Wohnung in Dolo das Leben nahm.

Der Fall hat aufgrund der zahlreichen ungehört gebliebenen Anzeigen heftige Polemiken ausgelöst: Marinella Forner, die Mutter des Opfers, erklärte dem Corriere del Veneto zufolge, dass die Familie zwischen sieben und acht Anzeigen gegen den Mann erstattet habe.

Das Opfer wurde von Dino Keber mit Nachrichten und Anrufen belästigt und er verfolgte jeden ihrer Schritte. Er manipulierte sie, indem er ihr jedes Mal, wenn sie versuchte, ihn endgültig zu verlassen, eine Schlinge zeigte und damit drohte, sich das Leben zu nehmen. Der bis zum Mord schwerwiegendste Vorfall ereignete sich zu Ostern, etwa vier Monate vor der Bluttat, als Keber Tania so lange würgte, bis sie das Bewusstsein verlor.

Facebook/Tania Terrin

Nach dem gewalttätigen Übergriff erstattete Tania bei den Carabinieri Anzeige und legte dabei auch ein ärztliches Attest vor. Im Juni erging dann eine formelle Verfügung. Der Quästor von Venedig sprach eine Verwarnung gegen Keber aus, der den Strafverfolgungsbehörden wegen einschlägiger Verbrechen bereits bekannt war. Trotz der amtlichen Verwarnung hatte die Frau weiterhin Angst, dass ihr Ex-Partner zurückkommen könnte. „Wenn diese Person kommt, macht ihr bitte nicht die Tür auf“, warnte Tania Terrin ihre Nachbarn im Chat. Sie fügte der Nachricht auch ein Foto ihres Ex-Partners Dino Keber bei.

Laut der Schilderung von Marinella Forner, der Mutter des Opfers, soll die 39-Jährige von ihrem Ex-Partner aber mindestens zwei weitere Male angegriffen worden sein. Dabei soll er ihr eine Verletzung am Trommelfell zugefügt und ihr zudem mehrere Kratzer verpasst haben. Diese Gewalttaten hätten die Familie laut der Mutter dazu veranlasst, sich mehrfach an die Carabinieri zu wenden. „Sieben oder acht Mal waren wir bei den Carabinieri. Meine Tochter hat sogar Anzeige gegen ihn erstattet. Er sollte sich von ihr fernhalten, aber spätestens nach einem Monat tauchte er wieder auf“, erzählt Marinella Forner.

 

Es war die Mutter der 39-Jährigen, die am Sonntag Alarm schlug. Gegen 21.30 Uhr kam sie bei der Wohnung ihrer Tochter an. Sie versuchte, Tania anzurufen, und klopfte an die Tür, doch sie erhielt keine Antwort. Als die von ihr alarmierten Carabinieri die Wohnung betraten, entdeckten sie im Wohnzimmer den leblosen Körper von Tania Terrin.

Die Ermittlungen sollen nun den genauen Ablauf der Ereignisse klären. Die Ermittler gehen davon aus, dass Keber zunächst die Wohnung seiner Ex-Partnerin aufsuchte, um sie zu ersticken. Anschließend kehrte er nach Dolo zurück und nahm sich das Leben.

„Ich hatte das Gefühl, dass früher oder später etwas passieren würde“, sagt Forner. „Ich bitte die Carabinieri, den Frauen, die Anzeige erstatten, zu sagen, dass sie ihre Koffer packen und alles zurücklassen sollen – ihre Wohnung und ihren Arbeitsplatz – und verschwinden sollen. Denn es gibt keinen anderen Weg, eine Frau zu schützen, die Anzeige gegen ihren Ex-Partner erstattet, der sie belästigt.“

Nach den Femiziden herrschen in der italienischen Öffentlichkeit Abscheu und Entsetzen. Viele Italiener sind der Meinung, dass die Mutter des letzten Opfers leider recht hat. Da selbst schärfere Gesetze, Annäherungsverbote und Ermahnungen durch den Quästor die Opfer nicht schützen können, bleibt den betroffenen Frauen oft nur die Flucht – es sei denn, die Täter werden frühzeitig in Haft genommen.

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