Von: Sophia Molitor
Bozen – Gerade ist der Sommerbetreuungsmarathon erfolgreich bewältigt, beginnt mit dem Start des neuen Kindergarten- und Schuljahres für viele Familien in Südtirol wieder das alljährliche Organisationspuzzle. Die Co-Sprecherin der Grünen Kathrin Werth meint dazu: “Südtirol braucht keine Familien, die jedes Jahr aufs Neue beweisen, wie gut sie improvisieren können. Wir brauchen Strukturen, auf die sie sich verlassen können. Dazu gehören flächendeckendere und bedarfsgerechte Verlängerungsangebote, frühzeitige und verbindliche Informationen für Eltern, leistbare Betreuung und Lösungen auch dort, wo aufgrund kleiner Anmeldezahlen die vorgesehenen Mindestzahlen nicht erreicht werden.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, dass Kinder möglichst viele Stunden in Betreuung verbringen sollen. Familien sind unterschiedlich und sollen selbst entscheiden können, welches Modell zu ihrem Leben passt. Wer sein Kind mittags abholen möchte und die Möglichkeit dazu hat, soll das selbstverständlich tun können. Wer aufgrund seiner Arbeit zusätzliche Angebote am Nachmittag benötigt, muss aber ebenso darauf vertrauen können, dass es ein gutes und verlässliches Angebot gibt.”
Die Sozialpädagogin und zweifache Mutter Silvia Di Panfilo meint dazu: “Denn Wahlfreiheit existiert nur dort, wo es tatsächlich etwas zu wählen gibt. Wahlfreiheit braucht ein Angebot. Der Bedarf an verlängerten Öffnungszeiten im Kindergarten zeigt, wie groß die Lücke zwischen dem politischen Anspruch auf Vereinbarkeit und der Lebensrealität vieler Familien noch immer ist. Von einem flächendeckenden Angebot sind wir weiterhin entfernt. Ob eine Familie die benötigte Betreuung erhält, hängt derzeit auch davon ab, wo sie wohnt, welchen Kindergarten ihr Kind besucht und ob vor Ort genügend andere Familien denselben Bedarf haben. Echte Wahlfreiheit sieht anders aus.”
Hinzu kommt die fehlende Planungssicherheit. Familien müssen ihre Arbeitszeiten organisieren, Dienstpläne abstimmen und ihrem Arbeitgeber frühzeitig mitteilen, wann sie verfügbar sind. Das ist nicht möglich, wenn grundlegende Informationen zu Zeitplänen oder Mensadienst den Eltern oft erst mit Schulbeginn mitgeteilt werden.
Di Panfilo, die auch Grüne Stadtvierterätin in Bozen ist, ergänzt: “Dabei darf die politische Diskussion nicht ausschließlich darum kreisen, wie lange ein Kindergarten geöffnet ist. Entscheidend ist, dass beim Ausbau der Bildungszeiten die notwendigen personellen und organisatorischen Ressourcen mitgedacht werden und die pädagogische Qualität über den gesamten Kindergartentag gewährleistet bleibt. Gute Vereinbarkeit und gute pädagogische Qualität sind keine Gegensätze.”
Und genau hier zeige sich auch eine soziale Dimension, über die zu wenig gesprochen wird. Betreuungslücken treffen nicht alle Familien gleich. Wer über ein gewachsenes familiäres Netzwerk verfügt, z.B. Großeltern in der Nähe hat, die regelmäßig einspringen können, werden manche Lücke aufgefangen. Doch längst nicht jede Familie verfügt über dieses Netzwerk. Besonders schwierig kann die Situation für Alleinerziehende sein. Ein funktionierendes Bildungssystem darf nicht stillschweigend darauf bauen, dass Familien private Lösungen finden.
Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen
Auch die Arbeitswelt trägt Verantwortung. Viele Südtiroler Unternehmen haben bereits erkannt, dass Familienfreundlichkeit ein wichtiger Faktor ist, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu halten. Flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle, Homeoffice, Rücksicht bei der Dienstplanung und Verständnis bei kurzfristigen familiären Situationen können enorm viel bewirken. Diese Entwicklung gilt es zu stärken. Aber nicht jeder Beruf lässt diese Flexibilität zu. Eine Pflegekraft kann ihre Schicht nicht ins Homeoffice verlegen. Eine Ärztin kann eine Behandlung nicht beenden, weil der Kindergarten schließt. Beschäftigte im Handel, in der Gastronomie und im Tourismus, im öffentlichen Verkehr, in der Produktion, bei Rettungsdiensten oder in vielen sozialen Berufen können ihre Arbeitszeit ebenfalls nicht beliebig verschieben.
Und das Organisationspuzzle fängt mit dem Kindergarten erst an. Danach kommen Schule, Mensa, Nachmittagsbetreuung, schulfreie Tage und lange Ferienzeiten. Für Familien ist das ein zusammenhängendes Thema. Politisch wird es jedoch häufig in einzelne Zuständigkeiten und Angebote zerlegt. “Dabei müsste es genau umgekehrt sein”, meint Kathrin Werth und fordert eine bessere Koordinierung auf allen Ebenen unter Einbeziehung aller Beteiligten. “Wir müssen beginnen, aus der Perspektive der Familien zu denken, damit Familien über das gesamte Jahr hinweg verlässlich planen können. Die aktuelle Fragmentierung hat oft zur Folge, dass die Bedürfnisse von Kindern und Eltern gegen die Interessen des Bildungspersonals aufgewogen werden. Das kann nicht sein. Ohne ausreichend qualifiziertes Personal kann eine Lösung nicht gelingen.”
Dazu gehört auch, die Frage der Vereinbarkeit nicht länger als privates Problem zu betrachten. Denn wenn es an Angeboten fehlt, ist es noch immer häufig die Mutter, die ihre Arbeitszeit reduziert, beruflich zurücksteckt und langfristig finanzielle Nachteile bis hin zur geringeren Rente trägt. “Als berufstätige Frau, die für ihre Arbeit brennt, tut es mir im Herzen weh zu sehen, wie Frauen beim Wiedereinstieg oft wenig ambitionierte Stellen wählen (müssen), für die sie überqualifiziert sind, dafür aber vereinbar mit den Stundenplänen ihrer Kinder. Warum das von einer Wirtschaft akzeptiert wird, die ständig über Fachkräftemangel klagt, ist mir unerklärlich.”, so abschließend die Co-Sprecherin der Grünen Kathrin Werth.




Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen