Debatte nach Abriss historischer Bahnremise in Kaltern

Geht Südtirol gut mit seinem Kulturerbe um?

Mittwoch, 01. Juli 2026 | 17:16 Uhr

Von: luk

Kaltern – Der Abriss der historischen Bahnremise in Kaltern sorgt für scharfe Kritik und eine grundsätzliche Debatte über den Umgang mit Kulturerbe in Südtirol. Während Gemeinde und Land das Projekt mit verkehrs- und entwicklungspolitischen Zielen begründen, spricht der Heimatpflegeverband von einem unwiederbringlichen Verlust eines bedeutenden Industriedenkmals.

Bedauern

Mit großem Bedauern und deutlicher Kritik reagiert der Heimatpflegeverband Südtirol auf den gestern begonnenen Abriss der historischen Bahnremise in Kaltern. “Damit fällt die älteste in ihrem Urzustand erhaltene Bahnremise der gesamten Europaregion Tirol.” Es sei ein technisches Kulturdenkmal, dessen Schutzwürdigkeit die Landesdenkmalpflege selbst festgestellt hatte.

Wer schützen müsste, lässt abreißen

“Gemeinde und Land haben den gesetzlichen Auftrag, das kulturelle Erbe des Landes zu bewahren. In Kaltern geschieht das Gegenteil: Das Erbe wird mit Wissen und Zutun der öffentlichen Hand vernichtet – endgültig und für immer”, beklagt der Heimatpflegeverband. Die Landeskonservatorin habe das kulturelle Interesse an der Remise festgestellt und das Unterschutzstellungsverfahren eröffnet. In ihrer Begründung habe sie das Gebäude als „Industriedenkmal des Eisenbahnwesens von besonderer geschichtlicher, architektonischer und technikhistorischer Bedeutung” gewürdigt.

“Verhindert wurde der Schutz dennoch – am Ende durch eine Abwägung, in der Gemeinde und Land den Mobilitäts- und Entwicklungsinteressen den Vorrang gaben. Dabei ist das Land zugleich Eigentümerin der Remise und damit nicht unbeteiligter Dritter, sondern selbst Nutznießerin des Abrisses”, heißt es weiter.

“Das Land ist Eigentümerin, Schutzbehörde und Nutznießerin in einer Person. Wenn dieselbe Hand, die schützen soll, am Ende den Abriss ermöglicht, dann entzieht sich die öffentliche Hand ihrer Verantwortung”, sagt Claudia Plaikner, Obfrau des Heimatpflegeverbandes Südtirol. “Hier wird ein Stück Südtiroler Geschichte ausgelöscht, das sich nie wieder zurückholen lässt. Eine 3D-Aufnahme als ‚Ausgleich’ erhält kein Denkmal – sie dokumentiert nur sein Verschwinden.”

Bausubstanz vernichten in Zeiten der Klimakrise

Auf dem Areal werden insgesamt rund 57.000 m³ Baukubatur abgerissen. “In einer Zeit, in der der Erhalt grauer Energie zu den zentralen Geboten des Klimaschutzes gehören, ist das ein fatales Signal. Der nachhaltigste Bau ist der, der bereits steht”, betont Plaikner. “Wer im Namen ‚klimafreundlicher Mobilität’ funktionierende historische Substanz dem Erdboden gleichmacht, betreibt das Gegenteil von Klimaschutz.”

Renovieren statt spekulieren

Hinzu komme, wie hier mit öffentlichen Mitteln umgegangen wird: “Über 1,2 Millionen Euro an Steuergeldern fließen in die aufwändige Sanierung genau jener Fläche, auf der die Remise steht. Dabei ließen sich Bus- und Pendlerparkplätze – also genau die Funktionen, die dort schon heute bestehen – auch in ausgebauter Form ohne teure Bodensanierung an Ort und Stelle unterbringen. Stattdessen werden die Busse auf bisher unverbaute Flächen ausgesiedelt und rund 7.000 Quadratmeter zuvor unversiegelter Grund neu verbaut – ein Waldstück, das mit bürgerlichen Nutzungsrechten belegt war”, so der HPV.

“Der Grund dahinter: Nur so lassen sich die Nutzungen auf dem Kellerei- und Bahnhofsareal frei neu verteilen – nicht so, wie es für Kaltern am sinnvollsten wäre, sondern so, wie es künftigen Investoren die größtmögliche Verwertung ermöglicht. Man verwertet mit Steuergeld Bestandsflächen für den privaten Gewinn und versiegelt dafür an anderer Stelle den Wald der Allgemeinheit”, kritisiert Plaikner. “Das ist das Gegenteil eines sorgsamen Umgangs mit Grund, Boden und öffentlichem Vermögen.”

Der Heimatpflegeverband hatte bereits in seiner Stellungnahme vom 13. Juni 2023 vor dieser Entwicklung gewarnt und vorgeschlagen, die Remise als Bestand in eine Gesamtplanung zu integrieren. “Park & Ride und Metrobus wären auch mit Erhalt der Remise möglich gewesen – geprüft wurde diese Variante nie.”

Bezirk: Überetsch/Unterland

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