Demonstration vor dem Verfassungsgericht in Polen

In Polen eskaliert Streit um Verfassungsgericht

Samstag, 31. Oktober 2026 | 09:46 Uhr

Von: importer

Der rechtskonservative polnische Präsident Karol Nawrocki sieht im – zuletzt eskalierten – Streit mit der Mitte-links-Regierung um das Verfassungsgericht die innere Sicherheit des Landes bedroht. Er berufe dringende Beratungen aller im Parlament vertretenen Parteien ein, “um die politische Lage zu stabilisieren und die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen”, sagte er Samstagfrüh nach einem nächtlichen Besuch am Sitz des Gerichts in Warschau.

Nawrocki äußerte sich in der Früh vor Demonstranten, die seit Stunden vor dem von der Polizei abgeriegelten Gebäude ausharrten. Er forderte “die Wiederherstellung der Rechtsordnung und den Abzug der von der Regierung entsandten Sicherheitskräfte vom Gerichtsgelände”.

Präsident brach Auslandsreise ab

Die Demonstranten werfen der Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk einen Angriff auf die Verfassung und Justiz des Landes vor. Nawrocki hatte wegen der plötzlichen Zuspitzung der Lage am Freitag eine Reise in den Senegal abgebrochen und war umgehend nach Warschau zurückgekehrt. Den Weg ins Verfassungsgericht bahnte sich der frühere Amateurboxer in der Nacht auch mit rabiatem körperlichem Einsatz.

Ausgelöst wurde die Krise durch eine Bekanntmachung auf der Webseite des Verfassungsgerichts. Dort hieß es, der bisherige Präsident Bogdan Swieczkowski und sein Stellvertreter – die ihre Posten der bis 2023 regierenden und dann in die Opposition verbannten rechtskonservativen Partei PiS verdanken – seien einstweilen von ihren Funktionen entbunden worden. Stattdessen werde die Richterin Anna Korwin-Piotrowska das Gericht geschäftsführend leiten.

Bisheriger Gerichtspräsident spricht von Staatsstreich

Swieczkowski sagte nach der kurzen Ansprache Nawrockis, das Verfassungsgericht bestehe aus “rechtmäßig ernannten Richtern, nicht aus Usurpatoren, die sich durch den Hintereingang – in Begleitung von Sicherheitskräften der Regierung – Zutritt verschafft haben”. Swieczkowski sprach von einem “Staatsstreich” und sagte: “Wir haben es hier mit einem Angriff auf ein verfassungsmäßiges Staatsorgan zu tun.”

Justizminister Waldemar Zurek hingegen bezeichnete die Tatsache, dass der Präsident des Landes in das Gebäude des Verfassungsgerichts eingedrungen sei, als beunruhigendes Verhalten. “Es ist inakzeptabel, dass jemand, der durch die präsidiale Immunität geschützt ist, sich auf diese Weise verhält”, sagte Zurek dem Sender TVN 24. “Für mich ist das ein skandalöses Verhalten – die Situation dazu zu nutzen, die Emotionen auf der Straße noch anzuheizen.”

Zwei Botschafter erklären Rücktritt

Angesichts der Zuspitzung quittierten zwei Botschafter des Landes ihren Dienst. “Angesichts des Versuchs, das Verfassungstribunal rechtswidrig zu übernehmen, sehe ich keine Möglichkeit mehr, weiterhin die Funktion als Botschafter der Republik Polen in Rumänien zu erfüllen”, schrieb Pawel Soloch, Polens Botschafter in Bukarest, auf X.

Wenige Stunden zuvor hatte bereits sein Amtskollege in China, Jakub Kumoch, ebenfalls auf X erklärt, er habe aufgrund der Ereignisse in Polen erkannt, dass er nicht länger als Botschafter arbeiten könne. Beide Diplomaten waren nach Angaben der polnischen Nachrichtenagentur PAP früher Mitarbeiter des damaligen nationalkonservativen Präsidenten Andrzej Duda.

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