++ HANDOUT ++ "under the influence" im Bregenzer Theater Kosmos überzeugte

Bregenzer Festspiele: Rauschzustände abseits der Seebühne

Donnerstag, 13. August 2026 | 09:55 Uhr

Von: importer

Den Rausch nicht zu verklären, aber auch nicht zu verteufeln, dieser Balanceakt gelingt der Autorin Natalie Baudy in “under the influence”. Ihr Text, eine humorvoll kluge und sachlich nüchterne Analyse des Alkoholkonsums und der Ekstase, streift die antike wie die moderne Literatur, gewährt einen Blick in die Popkultur und geht dem Patriarchat an den Kragen. Das Uraufführungspublikum hat das am Mittwochabend bei den Bregenzer Festspielen sehr goutiert.

Vor fünf Jahren wurde mit “Lohn der Nacht” von Bernhard Studlar erstmals das Siegerstück eines Dramenwettbewerbs uraufgeführt, den die Österreichische Theaterallianz in Kooperation mit den Festspielen durchführt. Infolgedessen wurde im Theater Kosmos, Mitglied dieser Allianz, der zudem das Theater praesent in Innsbruck, das Schauspielhaus in Wien und in Salzburg, das Theater Phönix in Linz, das klagenfurter ensemble und das Theater am Lend in Graz angehören, in der Festspielsaison 2024 das Stück “Mondmilch trinken” umgesetzt, mit dem Josef Maria Krasanovsky den Wettbewerb gewann.

Der österreichische Autor und Regisseur inszenierte nun “under the influence” der deutschen Autorin Natalie Baudy, die bei ihrem Text wiederum ein Motto zu berücksichtigen hatte, das die Auslober des Wettbewerbs im Hinblick auf die jeweils aktuelle Produktion auf der Bregenzer Seebühne vorgeben. “Feiern gegen den Abgrund” hieß es dieses Mal, denn mit “Libiamo ne’ lieti calici” beginnt das bekannte, zum freudigen Genuss auffordernde Trinklied in der “Traviata”. “Feiern und Eskapismus, damit konnte ich sofort etwas anfangen”, erzählte Baudy im Gespräch mit der APA von ihrer Motivation, sich dem Thema zu widmen: “Der Rausch hat auch eine subversive Kraft, nur gestehen wir ihm in der Art, wie wir den Rausch benutzen, diese Kraft nicht zu.”

Drei Frauen und Dionysos als Göttin des Rausches

In “under the influence” lässt Baudy drei Frauen aus drei Generationen, die in einem Mehrfamilienhaus wohnen, einander näherkommen. Ein Lichthof, in dem seltsame Plagen wie ein mit Kröten, Heuschrecken und Würmern durchsetzter Blutregen niederprasselte, bildet das surreale Umfeld, in dem sie Erinnerungen austauschen, von Beziehungen, Gewohnheiten und beruflichen Erfahrungen berichten. Alkohol – hochprozentig oder gemäßigt als Wein und Bier – spielt während des Austausches sowie in den Rückblicken eine große Rolle.

Ems, die Jüngere, imitiert für ihren Social-Media-Account berühmte Frauen, die gerne trinken oder getrunken haben und vollzieht dadurch zwar eine Art Selbstermächtigung, erkennt aber auch dessen trügerischen Aspekt. Anja, in den Fünfzigern, ist beruflich erfolgreich, als Workaholic verträgt sie stets ein Glas mehr als ihre männlichen Kollegen: “Und wenn du sie nicht unter den Tisch trinken kannst, nimm zwischendurch eine Linie Koks.” Lieselott, nun in den Siebzigern, hat sich Gelassenheit erworben, aber auch Phasen durchlebt, in denen der Alkohol half, Rollenerwartungen (an Frauen wie an Männer) zu erfüllen, mitunter wurde er gar als stärkendes Arzneimittel deklariert: “Ohne Frauengold wäre eine ganze Generation von Frauen – naja, hätte nicht durchgehalten.” Unter ihnen taucht Dionysos, hier nicht der antike Gott, sondern die Göttin des Rausches, als Hausmeisterin auf. Als Anführerin der mordenden Bakchen ist sie im Propagieren von Rausch und Wut einst sehr weit gegangen.

Scharfe Analysen, Selbstironie, Humor

Als scharfe Analytikerin, die auch mit wissenschaftlichen Expertisen zum Alkoholkonsum nicht langweilt, als Schriftstellerin, die die Struktur antiker Dramen in Monologen und Chören in die Gegenwart transformiert sowie mit Selbstironie und Humor bestens vertraut, bringt Natalie Baudy somit Aspekte der Ekstase gewandt zur Sprache. Mit Respekt vor der Leistung zitierter Künstlerinnen wie etwa Zelda Fitzgerald, Ingeborg Bachmann und Amy Winehouse erläutert sie die Nutzung des Rausches, um in maroden Zuständen oder patriarchalen Systemen zu funktionieren anstatt sie – gestärkt davon – zu erschüttern.

Johanna Hainz (Ems), Claudia Carus (Anja) und Roswitha Soukup (Lieselott) haben den exzellenten Tonfall des Stücktextes geradezu verinnerlicht. Die Inszenierung von Josef Maria Krasanovsky in seinem, einen Lichthof andeutenden Bühnenbild zielt souverän auf ihre Präsenz. Dass sie am Ende in der Lage sind, ihre drei machtvollen Türzargen zu entfernen, die zu Beginn wie eine Art Käfig wirken, ist als Metapher nicht übertrieben, dass sie aus Kanistern saufen noch kein allzu banaler Witz. Dem offenen Textende, das sie als weibliche Solidargemeinschaft im sonnigen Zypern dem Patriarchat trotzen lässt, in der Inszenierung nicht vertraut zu haben, es weitgehend zu eliminieren, ist schade. Ihr finaler Aufschrei ist gewaltig, kann aber nur eine platte Assoziation zu den wütenden Bakchen des antiken Euripides sein. Geschenkt, verleiht doch Lisa Schrammel als gefallene und sich ungezwungen locker befreiende Göttin der Inszenierung Tiefe, und nehmen es doch alle vier Schauspielerinnen mit den prachtvollen Videoprojektionen von Dominika Kalcher unverkrampft lässig auf.

Dramenwettbewerb bleibt im Programm

Gut zu wissen, dass Augustin Jagg, neben Hubert Dragaschnigg bis 2027 Leiter des 1996 von beiden als Ur- und Erstaufführungsbühne gegründeten Theater Kosmos in Bregenz, der APA am Abend der Uraufführung bestätigen konnte, dass der Dramenwettbewerb ein Vorhaben der Bühnen der Österreichischen Theaterallianz bleibt. Am liebsten, betonte er, mit einem Partner, wie es die Bregenzer Festspiele sind.

(Von Christa Dietrich/APA)

(S E R V I C E – “under the influence” von Natalie Baudy. Inszenierung und Bühne: Josef Maria Krasanovsky; Kostüme: Nicole Wehinger und Ensemble; Video: Dominika Kalcher; Licht: Stefan Pfeistlinger. Mit Claudia Carus, Johanna Hainz, Roswitha Soukup und Lisa Schrammel. Weitere Aufführungen im Rahmen der Bregenzer Festspiele am 14. und 15. August sowie am 17., 19., 20., 26. und 27. September im Theater Kosmos in Bregenz und in weiterer Folge an den Bühnen der Österreichischen Theaterallianz. Die 80. Bregenzer Festspiele dauern bis 23. August: www.bregenzerfestspiele.com )

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