Von: importer
Der Gang ins Kino boomt wieder, speziell bei jüngeren Personen. Mit ein Grund dafür ist die App Letterboxd. Deren Nutzerzahlen steigen stark. Man legt sich dort ein Profil an und bewertet Filme, oft mit amüsanten kleinen Kritiken. Die lustigsten Kurzkritiken bekommen Likes von anderen Nutzern und stehen dann ganz oben. Es handelt sich sozusagen um eine Art Social-Media-Utopie: eine inhaltsgetriebene App, in der Algorithmen, Bots und KI (augenscheinlich) keine Rolle spielen.
Anfang 2021 hatte Letterboxd drei Millionen Nutzerinnen und Nutzer, im April dieses Jahres 28 Millionen. Mehr als die Hälfte ist laut “Time Magazine” unter 35 Jahre alt. Gerade laufen Berichten zufolge Gespräche über einen Verkauf, unter anderem mit Netflix und Sony, was Fans naturgemäß in Schrecken versetzt. Dass die in Neuseeland gegründete App unabhängig ist, könnte also bald vorbei sein.
Der Kinogang liegt im Trend
Laut einer Untersuchung des US-Marktforschungsinstituts NRG ist die Gen Z im nordamerikanischen Markt vergangenes Jahr 25 Prozent häufiger ins Kino gegangen als noch ein Jahr zuvor – der größte Zuwachs aller Altersgruppen. Auch in Österreich suchen jüngere Personen wieder häufiger Kinos auf. Angekurbelt wird der Trend u.a. durch das nonstop-Kinoabo, das für einen Grundbetrag unbegrenzte Kinobesuche in über 40 Kinos gewährt und sich mit rund 12.000 Mitgliedern Ende 2025 steigender Beliebtheit erfreut.
Ganz gut erkennen lässt sich das Revival des Kinos unter jungen Leuten gerade an den gefeierten Kinofilmen “Backrooms” und “Obsession”, beide von Regisseuren, die selbst zur Gen Z gehören. Die Horrorfilme spielten erst in den USA und nun auch hierzulande gute Ergebnisse ein.
“Seit Jahren versucht Hollywood herauszufinden, wie man junge Leute wieder ins Kino locken kann”, hieß es bei der “New York Times” kürzlich dazu in einer Folge des Podcasts “The Daily”. “In diesem Frühjahr ist dies dank zweier Low-Budget-Horrorfilme, die von Regisseuren in ihren Zwanzigern gedreht wurden, in einem unvorstellbaren Ausmaß gelungen.”
Sowohl die Berliner Yorck-Kinokette als auch der deutsche Branchenverband HDF sind sich einig, dass Letterboxd einen Einfluss auf die Kinozahlen hat. “Plattformen wie Letterboxd beeinflussen das Kinointeresse junger Menschen spürbar”, sagt ein HDF-Sprecher. “Sie schaffen Sichtbarkeit für Filme und fördern den lebhaften Austausch über Kinoerlebnisse. Für viele junge Filmfans ist die Plattform heute ein wichtiger Ort der Filmentdeckung und damit auch relevant für den Kinobesuch.” Für die Yorck-Kinogruppe, die 14 Häuser in Berlin und eins in München betreibt, sagt Sprecherin Katja Schubert: “Von 2019 zu 2023 hat sich das Medianalter unseres Publikums von 49 auf 37 Jahre verjüngt.”
Gegenentwurf zum Doomscrolling
“Die App hat keine Mechanismen, die ihre User so lang wie möglich an sie binden soll – es geht wirklich darum, Filme zu entdecken und sie anzusehen”, sagt Schubert. “Sie ist in gewisser Weise ein Gegengewicht zu den Social-Media-Feeds, bei denen Verweildauer das Kernkriterium ist; und eine der wenigen Apps, bei der die Beziehungen zu Freunden wirklich noch den Mittelpunkt bildet.”
Neben Letterboxd spielen auch YouTube und TikTok eine Rolle dabei, wie junge Menschen Filme entdecken. Der 26 Jahre alte Regisseur von “Obsession”, Curry Barker, wurde mit YouTube-Videos berühmt. TikTok erreicht unter dem Hashtag FilmTok ein junges Kinopublikum. Doch das Vertrauen in die Inhalte dort schwindet ein wenig. Das Magazin “Vulture” und andere US-Medien haben gerade dazu recherchiert, wie Agenturen Kampagnen in den sozialen Netzwerken starten, um Begeisterung für Filme und andere Kulturprodukte zu simulieren.
Mit dem Aufkommen von KI-generierten Inhalten weiten sich Manipulationsmöglichkeiten aus, wie Yorck-Sprecherin Schubert ausführt. “Das Vertrauen des Publikums, dort Inhalte zu finden, wird sicherlich weiter schwinden.” Letterboxd hingegen gilt – noch – als authentisch. Das macht die Scores dort zu einer ernst zu nehmenden Währung: Wer heute einen Film sehen will, schaut davor oft auf Letterboxd – oder den Webseiten Rotten Tomatoes und Metacritic, welche die Kritiken von Zeitungs- und Onlinemedien zusammenfassen.
Die Kehrseite von Letterboxd
Das hat wiederum finanzielle Konsequenzen. “Schlechte Kritiken sind viel schneller ein Todesstoß für einen Film als früher”, sagt Schubert. Die alte Branchenweisheit, dass man einen mittelmäßig bewerteten Film noch übers erste Wochenende retten kann, gelte nicht mehr. Schlechtes “Word of Mouth” könne heute einem Film innerhalb von Stunden am Eröffnungstag Tickets kosten.
Das Gegenbeispiel existiert allerdings auch: Der “Super Mario”-Film war trotz durchwachsener Kritiken ein riesiger Kassenerfolg, wie Schubert sagt. Im Mainstreamkino zählen Letterboxd-Scores weniger. Im Arthouse umso mehr.
Dass einzelne Plattformen so eine Macht haben, ist natürlich auch bedenklich. Schubert sieht ein Risiko darin, “sich zu sehr von einer einzelnen Plattform abhängig” zu machen. “Diese kann jederzeit ihre Ausrichtung ändern, und dann steht man im Regen. Wir versuchen daher, mehrere Kanäle zu bespielen.”




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