Von: Sophia Molitor
Aldein – Das Geheimnis um den Wirbelknochen aus dem Bletterbach ist gelöst: Der Knochen gehört zu zu den Vertretern der gepanzerten Meeresreptilien, zu denen auch die langhalsigen Plesiosaurier zählen. Ein internationales Forscherteam, darunter die Südtiroler Paläontologin und Leiterin der Naturwissenschaftlichen Sammlung der Tiroler Landesmuseen in Innsbruck Evelyn Kustatscher, hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit den Auswirkungen des Perm-Trias-Massenaussterbens auf marine Wirbeltiere beschäftigt. Ein versteinerter Knochen aus dem Dolomiten-UNESCO-Welterbe Bletterbach gab dabei lange Rätsel auf und konnte nun einem urzeitlichen Meeresreptil zugeordnet werden. Neben diesem Fund lieferte auch eine seltene fossile Kauplatte aus dem Bletterbach wichtige neue Erkenntnisse.
Vor 252 Millionen Jahren hat sich das bislang größte Massensterben der Erdgeschichte ereignet: An diesem Übergang vom Erdaltertum zum Erdmittelalter starben aufgrund massiven Vulkanismus, extremer Erwärmung und Versauerung der Ozeane etwa 95 Prozent der Meeresarten und rund 75 Prozent der Landtiere aus. Diese verheerende Umweltkatastrophe ist im Dolomiten-UNESCO-Welterbe Bletterbach in der Gorz an der Perm-Trias-Grenze gut dokumentiert. Ein internationales Forscherteam hat sich nun mit den Auswirkungen dieses „großen Sterbens” beschäftigt und aufgrund spärlicher Fossilüberlieferungen neu gesammeltes und bestehendes Material im Detail untersucht, um Aussterbe- und Erholungsmuster mariner Wirbeltiere zu verstehen. Dabei sind unter anderem auch zwei Fossilien aus der Bletterbachschlucht in Aldein genauer unter die Lupe genommen worden: ein fossiler Knochen und eine Kauplatte.
Wirbelknochen zählt zu den ältesten Nachweisen eines gepanzerten Meeresreptils
Im Sommer 2010 ist in den Werfener Schichten im oberen Abschnitt der Bletterbachschlucht überraschenderweise ein Wirbelknochen gefunden worden, der aus wissenschaftlicher Sicht bis dato nicht eindeutig zugeordnet werden konnte. Im Zuge eines internationalen Forschungsprojektes konnte das Rätsel um diesen seltenen Knochen nun jedoch gelöst werden: „Der Wirbelknochen stammt von einem gepanzerten Meeresreptil”, erklärt die Südtiroler Paläontologin Evelyn Kustatscher. „Gepanzerte Meeresreptilien bewohnten, nach bisherigem Kenntnisstand vor rund 248 bis 242 Millionen Jahren die flachen Meere der Trias und sind mit den bekannten langhalsigen Plesiosaurier verwandt.” Der Bletterbach-Fund stellt jedoch den ersten Nachweis dieser Tiergruppe aus der Untertrias der Dolomiten dar und zählt weltweit zu den ältesten bekannten Funden dieser Gruppe. Das neue Fossil stellt in den Raum, ob die gepanzerten Meeresreptilien ihren Ursprung in Europa hatten, zu deren Randbereichen die Dolomiten damals gehörten. „Das wiederum wirft die Frage auf, ob der Ursprung dieser Saurier sogar bis in das späteste Perm zurückreichen könnten und sie sich nicht erst in der Untertrias, nach dem größten Massensterben der Erdgeschichte, entwickelten”, sagt Andrzej S. Wolniewicz von der Polnischen Akademie der Wissenschaften, ein Experte auf dem Gebiet der Meeresreptilien, eine Hypothese, die durch weitere fossile Funde und deren Erforschung noch überprüft werden muss. Jeder weitere neue Fund dieser seltenen Tiergruppe könne daher helfen, die Evolution der frühen Meeresreptilien besser zu verstehen.
Kauplatte aus dem Bletterbach könnte bislang unbekannte Art begründen
Die Aldeiner Bletterbachschlucht ermöglicht es Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus aller Welt aber nicht nur, das Leben nach dem großen Massensterben genauer unter die Lupe zu nehmen, sondern gibt auch einen seltenen Einblick in die letzten marinen Ökosysteme unmittelbar vor dem großen Sterben. Eine Steinplatte voller handgroßer Fischfossilien aus den circa fünf Millionen Jahren älteren Bellerophon Schichten, die noch in den ersten Jahren der Erforschung der Schlucht gefunden worden war, als Josef Perwanger aus Radein die Wissenschaftsarbeit unterstützte, wie auch der Fund einer seltenen Kauplatte zählen dazu. „Dieser Fund aus dem Bletterbach erweitert das bestehende Bild der Meerestiere vor dem größten Massenaussterben der Erdgeschichte”, ordnet Baran Karapunar von der Universität Leeds die Bedeutung der fossilen Funde ein. „Die fossile Kauplatte aus der Bletterbachschlucht belegt, dass der Fisch der Gattung Bobasatrania hier noch kurz vor dem größten Massensterben der Erdgeschichte lebte. Dass diese Gattung die Katastrophe überstand, belegen weitere Funde von anderen Fundstellen, darunter auch vom Kühwiesenkopf bei Prags, wo Bobasatrania ebenfalls nach dem Aussterbeereignis nachgewiesen wurde.”, sagt Karapunar. „Die Kauplatte unterscheidet sich in ihrer Form von allen bisher bekannten Arten und könnte sogar zu einer bislang unbekannten Art gehören. Dafür sind jedoch weitere Funde erforderlich”, ordnet die Südtiroler Paläontologin Evelyn Kustatscher ein.




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